Zeitung Heute : Die PC-Maniküre

Immer mehr Computerbastler machen aus ihrem langweiligen, quadratischen Rechner ein Gesamtkunstwerk

Kai Kolwitz

Das soll ein Computer sein? Was Bodo Seifert vorzuzeigen hat, leuchtet neongrün und -blau wie eine Diskothek in den Achtzigern. Das Innenleben des PC ist auf Hochglanz gebracht, praktisch alle Kabel sind unsichtbar hinter den Platinen verlegt, und damit die ganze Feinarbeit auch angemessen zur Geltung kommt, besteht das Gehäuse aus durchsichtigem Plexiglas.

Casemod nennt man so etwas – und umschreiben könnte man es mit: einen Computer bauen, wie ihn sonst keiner hat. Entstanden ist der Trend durch ein Versäumnis der Computer-Hersteller: Während die Rechner in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer schneller und leistungsfähiger wurden, wurde in Sachen Design kaum noch etwas unternommen. Immer noch dominieren quadratisch-praktisch-graue Blechkisten den Markt. Auch wenn sie „Desktop“ heißen: Am liebsten versteckt man sie unter dem Schreibtisch. Im Wohnzimmer oder auf der LAN-Party ist mit so etwas kein Staat zu machen.

Deutscher Meister

Und was es nicht gibt, muss man eben selber machen. Mit dieser Intention ist auch Rainer Wingender alias „HeadroomX“ zu seinem Hobby gekommen: Früher hat der 40-Jährige sich schon mal ein Motorrad selbst konstruiert und durch den TÜV gebracht, seit einigen Jahren hat er sich schraubertechnisch auf den PC verlegt. Und das nicht ganz erfolglos. Bei zwei bisher ausgetragenen Deutschen Meisterschaften der Case Modder hat Rainer Wingender einen Meister- und einen Vizemeister-Titel eingeheimst.

Seine Wurzeln kann er nicht ganz verleugnen. Der „V8“, der ihm den ersten Platz einbrachte, ist optisch eng an die Big-Block-Motoren alter amerikanischer Schlitten angelehnt. Aus zwei normalen PC-Gehäusen nebst ein wenig Zubehör wie etwa dem Lüfter eines DKW-Jeeps, einem Autokühler, umfunktionierten Anzeigen für Benzinstand, Wasser- und Öltemperatur sowie einem Motorrad-Luftfilter entstand ein Trumm, das auf den ersten Blick viel eher in die Boxengasse des Nürburgrings passt als unter einen Büro-Schreibtisch.

Teile für etwa 3500 Euro und deutlich mehr als 1000 Arbeitsstunden stecken in dem Renn-PC, den Wingender bis vor einem halben Jahr noch dazu benutzt hat, um damit ganz normale Word-Dokumente und Excel-Tabellen zu erstellen. Gekühlt wird die Kreation übrigens mit Wasser – das führt zum einen deutlich mehr Wärme ab, ist zum anderen leiser als ein Lüfter und sieht außerdem einfach ziemlich genial aus, weshalb sich Kühler und Rohre an vielen Modding-PCs finden.

Aber warum macht man so etwas? „Hobby“, meint Rainer Wingender lakonisch dazu, und BWL-Student Seifert ergänzt, dass ihm sein Schreibtisch vorher einfach viel zu langweilig aussah. Beide Case Modder haben schon wieder neue Projekte in Arbeit, denn das Planen und Basteln macht mindestens genauso viel Spaß wie das Angucken eines fertigen Mods.

Leuchten im Auge

Aus dem Spleen einiger weniger ist inzwischen eine regelrechte Szene entstanden. Modding-Komponenten kann man fertig im Laden kaufen. Leuchtdioden in Sonderfarben etwa, fluoreszierende Kabel, Plexiglas-Gehäuse und Leuchtröhren, die sich einfach an ein für ein Laufwerk vorgesehenes Stromkabel anstecken lassen. Auch Displays sind erhältlich, die man so konfigurieren kann, dass sie die Prozessor-Auslastung anzeigen oder das Musikstück, das der Rechner gerade abspielt.

Das ist ganz nett, aber nicht das, was ernsthaften Moddern ein großes Leuchten in die Augen treibt. Bei den Deutschen Meisterschaften bringt daher nur Selbstgebautes Punkte. Inzwischen ist der Andrang so groß geworden, dass man den Wettbewerb in zwei Kategorien geteilt hat. Bei den klassischen Case Mods werden Umbauten bewertet, die noch auf einem konventionellen Rechner-Gehäuse basieren. Im Segment „Case Con“ werden Laufwerke, Mainboard und Steckkarten mit Selbstkonstruiertem umhüllt oder in etwas eingebaut, bei dem man nicht unbedingt auf Digitaltechnik kommen würde.

PC-Komponenten in Kondomautomaten, Bierkästen oder Wäschetrocknern sind ebenso bekannt wie umgebaute Stereo-Anlagen, bei denen das ehemalige Kassettenfach so umgebaut wurde, dass es nun CD-Roms schluckt. Extrem-Modder machen auch vor der Hauptplatine nicht mehr Halt und löten die Anschlüsse so um, dass die sichtbare Seite clean aussieht, weil die Peripherie nun komplett von der Rückseite aus gesteuert wird.

Rainer Wingender findet übrigens nicht, dass so etwas besonders kompliziert ist: „Man muss ein bisschen mit dem Lötkolben umgehen können. Den Rest kann eigentlich jeder.“ Schließlich bestehen PCs aus Einzelkomponenten, die dann im Prinzip nur noch in der richtigen Ordnung zusammengesteckt werden müssen, damit der Rechner auch läuft. Dass eine Feinmechanikerlehre, wie er sie absolviert hat, für Extremumbauten nicht unbedingt von Nachteil ist, räumt er zwar ein, verweist aber auch auf seine 15-jährige Tochter, die mit einem zum Computer umgebauten Radio ebenfalls an den letzten Deutschen Meisterschaften teilgenommen hat.

Wingender selbst hat in der Zwischenzeit noch einen weiteren Mod fertig bekommen, in den ein antiker 2-x-50-Watt-Verstärker integriert ist, dessen Röhren sichtbar oben aus dem Gehäuse ragen und für den er sogar schon eine Prüfbescheinigung nach VDE- Norm hat. „Wenn du auf eine Party gehst, brauchst du nur noch Boxen anzuschließen und musst dir um die Musik keine Gedanken mehr machen“, beschreibt er die Vorteile. Derzeit braucht Wingender für ein neues Projekt übrigens noch unbedingt den Ansaugstutzen eines Magirus-Lkw aus den Sechzigern – also, falls ein Tagesspiegel-Leser zu Hause noch zufällig so etwas herumliegen hat …

Und: Auch dem Thema Home-Entertainment will sich der Computer-Schrauber demnächst wieder widmen. Des Komforts wegen soll dann gleich der ganze heimische Wohnzimmersessel zum digitalen Unterhaltungszentrum mit Tastaturanschluss umgebaut werden. Fertig werden möchte Rainer Wingender damit möglichst bis zum nächsten Frühjahr – obwohl es eigentlich auch viel schneller ginge: „Aber wenn meine Frau böse schaut, dann muss ich langsam machen.“

Im Internet:

www.case-modder.de

www.headroomx.de

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