Zeitung Heute : Die Pein der Weisen

„Professorengeschwätz“ schimpfte die Regierung vor kurzem noch. Das letzte Gutachten des Sachverständigenrats gefiel dem Kanzler gar nicht. Doch gestern gratulierte er artig zum 40. Geburtstag. Denn Schröder braucht die Hilfe der Wirtschafts-Experten für seine Reformagenda.

Ursula Weidenfeld

Der wirtschaftliche Sachverstand in Deutschland ist etwa 70 Jahre alt. An diesem Tag trägt er einen festlichen Anzug, eine gestreifte Krawatte oder eine bunte Fliege – gern auch ein Hörgerät. Er kichert fröhlich. Wie die alten Herren eines Dorffußballklubs, wenn sie sich zum Gruppenbild mit dem Bürgermeister aufstellen sollen, laufen die Besten der deutschen Wirtschaftswissenschaft aus Geschichte und Gegenwart zusammen, stellen sich vor einem blauen Hintergrund zum Foto auf. Der Kanzler kommt.

Fast alle der noch lebenden insgesamt 34 Wirtschaftsweisen aus 40 Jahren sind an diesem Dienstag nach Berlin gekommen, um den 40. Geburtstag des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu feiern. Genau genommen ist der Rat zwar noch nicht ganz 40 Jahre alt – das entsprechende Gesetz dazu wurde erst Ende Juni 1963 verabschiedet. Aber der Kanzler konnte nur am sechsten Mai, und deshalb wurde der Sachverständigenrat eben gestern 40.

Viele freundliche Worte

Für die deutsche Volkswirtschaft ist es jedenfalls kein Schaden gewesen, es mit dem Termin nicht zu genau zu nehmen. So viele freundliche Worte wie an diesem Tag haben die Ökonomen schon lange nicht mehr gehört. „Kakophonie“ schimpfte der Kanzler noch vor wenigen Wochen über die Flut von akademischen Expertisen, mit denen die Regierungsarbeit begleitet wird. „Professorengeschwätz“ nannte die Regierungskoalition gar das letzte Gutachten vom November 2002 – als die Wissenschaftler mitten in die Koalitionsverhandlungen hinein mit 20 Punkten platzten, wie die deutsche Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik reformiert werden müsse. Diese 20 Punkte hatten natürlich überhaupt nichts mit den Vereinbarungen zu tun, die die Koalition gerade in ihr Regierungsprogramm geschrieben hatte.

Unbedeutendes Professorengeschwätz? Papperlapapp, das war gestern. Heute erfreuen sich die Wirtschaftsweisen wieder höchster Beliebtheit bei der Bundesregierung. Der Kanzler und Finanzminister Hans Eichel sind gekommen, um mitzufeiern – und sich der Sympathie der Altherrenmannschaft zu versichern. „Im Prinzip wissen wir, dass die Analyse, die Sie gemacht haben, stimmt“, schalmeit es vom Podium. Dazu lächelt der Kanzler vertrauenerweckend, so als habe er nie etwas anderes gesagt oder auch nur gedacht. So ganz unter uns: Es sei eben nur eine Frage „geschickter Kommunikation“, ob und wie laut man Teile des Gutachtens oder das ganze begrüße, vertraut er den eigenen Politikberatern an.

Heute wünscht der Kanzler die aktive „Unterstützung der Sachverständigen“ für seine Reformagenda. Der Rat sei in der Öffentlichkeit „wirksam und hilfreich, partikulare Interessen zugunsten des Gemeinwohls zurückzudrängen“, ruft er aus. Vorne, in den ersten Reihen nicken und wippen die blauen Anzüge. Freundlich. Zustimmend.

Die ersten der ehemaligen Sachverständigen zücken eine Digitalkamera und nehmen ein Foto vom Kanzler auf. Von ihrem Kanzler, der da neben einem Gesteck von Callas, weißen Tulpen, Bambus und Palmwedeln im Vortragssaal der Kreditanstalt für Wiederaufbau steht. Die deutsche Volkswirtschaft ist nicht nachtragend auf ihrem kollektiven Erinnerungstrip, im Gegenteil: Wenn der Kanzler die Sache Agenda 2010 jetzt „ohne Abstriche durchzieht“ und noch eins draufsetzt in Sachen Reform, dann wollen sie ihn sogar loben, die Sachverständigen. Versprochen. Weil sich die Empfehlungen des letzten Sachverständigengutachtens und das Kanzler-Reformprogramm jetzt so hübsch ähnlich sehen. Und weil es ja ihre Aufgabe ist zu helfen. Wirtschaftswachstum, einen hohen Beschäftigungsgrad, Preisstabilität und außenwirtschaftliches Gleichgewicht: Das muss die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung leisten, so steht es als „magisches Viereck“ im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz. Und weil von den vier Zielen im Augenblick nur die Sache mit der Inflation hinhaut, brauchen Schröder und Eichel Hilfe. Und weil sie das jetzt offenbar erkennen, wird aus der Geburtstagsfeier ein richtiger volkswirtschaftlicher Festakt.

Ein Moment ganz später Genugtuung ist das für Hans Tietmeyer, den ehemaligen Erhard-Mitarbeiter und späteren Bundesbankchef. Tietmeyer musste in den Gesetzentwurf zur Gründung des Rates schreiben, dass dieser gefälligst keine politischen Empfehlungen zu geben habe. Konrad Adenauer hat ihn nämlich nicht gewollt, den Sachverständigenrat.

Eine Schnapsidee seines Wirtschaftsministers, des Professors Erhard, sei die Sache, befand er, als Erhard 1956 das erste Mal mit dem Vorschlag kam, sich regelmäßig Rat von Wirtschaftswissenschaftlern zu holen. Adenauer hatte den Verdacht, dass sein Wirtschaftsminister nur die Brigade Erhard versorgen und stärken wolle – jene neoliberalen Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten, die sich zum außerparlamentarischen Unterstützerkreis Erhards formiert hatten. Um Rückendeckung für eine Wirtschaftspolitik zu geben, die Adenauer selbst in großen Teilen für „gefährlich und schädlich“ hielt. Dem Alten war das Professorengeschwätz aus dem Wirtschaftsministerium so zuwider, dass er sich Ende der 50er Jahre lieber seine eigenen Sachverständigen im Kanzleramt hielt und mit seinem Wirtschaftsminister über giftige Briefe kommunizierte.

Erst 1963, als schon klar war, dass Adenauer sein Amt an Erhard abgeben müsste, setzte sich letzterer durch – und der Sachverständigenrat wurde beim Wirtschaftsminister installiert. Seitdem werden die fünf Weisen auf Vorschlag der Bundesregierung vom Bundespräsidenten berufen und einmal im Jahr, im November, geben sie ein Gutachten ab, das mehrere hundert Seiten dick ist.

Nach wie vor gilt es als eine der höheren Weihen, in diesen Rat gerufen zu werden. Nur einer hat bisher abgelehnt, dieses Jahr: Der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Michael Burda, der findet, dass die Sachverständigen einfach zu wenig Einfluss auf die Politik haben – für die Arbeit, die sie sich machen.

Die anderen kommen gern, immer öfter. Das Problem „multipler Beratungspersönlichkeiten“ bedrohe den Ruf des Gremiums ernsthaft, wispert es am Festtag auf den Fluren. Früher sei es guter Brauch gewesen, alle anderen Mandate bis auf die Tätigkeit am eigenen Lehrstuhl niederzulegen, wenn man von der Regierung in den Rat bestellt worden ist. Heute seien die Sitten lockerer, sogar Karrieristen seien im Rat gesichtet worden, bedauern die alten Herren. Auch solche, die nichts taugen und später statt auf einem anständigen Universitäts- auf einem Staatssekretärsposten ihr Auskommen fristen müssten.

„Wer is’n der Opa?“

Obwohl man doch feststellen müsse, dass die Mitgliedschaft im Rat großzügig dotiert sei: für die Geschäftsstelle in Wiesbaden, die monatlichen Treffen und die sechswöchige Klausur im Herbst in den kargen Räumlichkeiten des Statistischen Bundesamtes gibt der Bundesfinanzminister immerhin 1,7 Millionen Euro im Jahr aus. Und die ganzen Vorträge, zu denen man eingeladen werde, die seien schließlich auch nicht von Pappe.

Die Jüngeren sehen das natürlich anders. Aber die Jungen, das sind die, die um die 60 sind. Sie wundern sich über die Schlachten, die die alten Herren nun noch einmal schlagen. War es richtig, in der Geldpolitik der Bundesbank „ein vorangekündigtes Geldmengenziel“ zu empfehlen? Hat die vorsichtige Wende des Rates zum Keynesianismus und dann wieder zurück geschadet?

„Wer is’n der Opa, der jetzt dran ist?“ fragt ein Kameramann. Der „Opa“ ist Olaf Sievert, der erste Generalsekretär und spätere Chef des Sachverständigenrates. Und wenn der Kanzler noch da wäre, dann würde er sich vermutlich jetzt erschrecken, als Sievert, 39 Gutachten nach Gründung der Wirtschaftsweisen-Vereinigung, demütig bekennt: „Die Ursachen dafür, dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit seit 30 Jahren ständig gestiegen ist, kennen wir auch nicht.“

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