Zeitung Heute : Die Pest der armen Leute

Adelheid Müller-Lissner

Heute ist Welttuberkulosetag. Was hat dazu geführt, dass die besiegt geglaubte Krankheit wieder so bedrohlich ist?

Mitte des vergangenen Jahrhunderts schien der Kampf gewonnen zu sein. Gegen die Antibiotika, deren Entwicklung in den 40er Jahren begann, konnte die Tuberkulose nicht an. Ein echter Sieg, denn in den überbevölkerten Städten war die durch die Luft übertragene Infektionskrankheit zu Beginn des Industriezeitalters der Grund für jeden dritten Todesfall. Auch privilegierteren Patienten konnte die Medizin damals in Lungensanatorien à la Zauberberg wenig anbieten.

Obwohl sich das mit der Möglichkeit zur medikamentösen Behandlung gründlich geändert hat, spricht das aktuelle Bulletin des Robert Koch Instituts von einer „regelrechten Renaissance“ der Krankheit. Der Welttuberkulosetag, der heute wie jedes Jahr an dem Tag begangen wird, an dem der Namensgeber des Instituts im Jahr 1882 die Entdeckung des Erregers Mycobacterium tuberculosis bekannt gab, ist Anlass zur Bestandsaufnahme. Für Deutschland ergibt sie, dass 44 Prozent der von der meldepflichtigen Erkrankung Betroffenen im Ausland geboren sind, die meisten in osteuropäischen Ländern. Als einen Grund nennt das RKI den Zusammenbruch dortiger Sozialsysteme.

Insgesamt wurden in Deutschland im Jahr 2003 7184 Erkrankungen gemeldet. Ein zunehmendes Problem sind Bakterienstämme, die gegen gängige Antibiotika resistent geworden sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt die alarmierende Zahl von 300000 Neuerkrankungen weltweit mit multiresistenten Erregern – bei insgesamt acht bis neun Millionen Neuerkrankungen, von denen vier Millionen infektiös sind. Bei der Ermittlung der Verbreitungswege hilft der „genetische Fingerabdruck“ – in diesem Fall für Merkmale der Bakterienstämme. Sie ergab, dass 60 Prozent der Patienten, die in Deutschland infolge einer Infektion mit einem besonders resistenten Erreger erkranken, Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sind.

Neben den unempfindlich gewordenen Erreger-Stämmen nennt das RKI Armut, Mangelernährung, Krieg, Vertreibung und Flucht als wichtige Faktoren.Der Zustand des körpereigenen Abwehrsystems bestimmt, ob eine Infektion unbemerkt bleibt oder ausbricht.

Besonders Afrika ist bedroht. Der Grund: HIV. Die Immunschwäche begünstigt den Ausbruch der Krankheit. Die Mittel, die das HI-Virus in Schach halten, sind deshalb indirekt auch im Kampf gegen Tuberkulose wichtig. Drei Millionen HIV-Infizierte sollen bis Ende 2005 mit diesen Medikamenten versorgt werden – das ist das Ziel der Organisation UNAIDS. Am 1. Dezember, dem Weltaidstag, wird wahrscheinlich mehr darüber zu erfahren sein.

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