Zeitung Heute : Die Pferdestreichlerin

Asphaltstraßen, Alltag, Anspannung: Das alles lassen Wanderreiter auf ihren Touren hinter sich. Sabine Zuckmantel führt Naturfreunde auf Araberberbern durchs wilde Brandenburg – Riesling-Picknick inklusive

Annette Kögel

Darauf hat Daisy nur gewartet. Den Hügel hinunter ist die Stute kaum noch zu halten. Im Trab stürzt sie sich den Abhang hinunter – und damit beinahe auch ihre Reiterin. Das ist ja fast wie beim Rodeo. „Bei Daisy hatten wir bislang keine Verluste“, hatte Wanderreit-Lehrerin Sabine Zuckmantel vor dem Ausflug gescherzt. Sie sollte Recht behalten.

Denn eigentlich ist Daisy ganz umgänglich. Läuft los, wenn man die Beine zart in die Seite drückt, bliebt stehen, wenn man am Zügel zieht. „Du musst nicht dran zerren, sondern mehrfach leicht gegenhalten: so eine Art Stotterbremse“, erklärt Sabine Zuckmantel. Daisy gehört zu den neun Pferden im Stall in Hohenbruch westlich von Berlin. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ulf Steinfurt lädt Frau Zuckmantel auf Araberberbern zu „Schritt-Ritt“ und „Sauwetter-Ritt“, durch die Natur mit dem Förster, zu „Martini-Ritt mit Gänseschmaus“ oder „Gourmet-Ritt zum Champagnerlunch“. Uterwegs sind die Gruppen jeweils ein oder mehrere Tage. Aber was könnte im Frühling verlockender erscheinen als das „Riesling-Picknick am Beetzer See“?

Aber bevor es losgeht, benötigt der vierbeinige Untersatz entsprechende Pflege. Striegeln, Hufe ausschaben, satteln, Zaumzeug anlegen, streicheln, füttern. „Gebt bitte alle den Tieren auf einmal etwas , damit keines neidisch ist“, bittet Frau Zuckmantel die Reiterrunde. „So etwas Behutsames im Umgang mit Pferden habe ich ja selten erlebt“, raunt die 40-jährige Gabriela Seifert aus Wilmersdorf. Für ihren eleganten brandenburgischen Dunkelfuchs „Tosca“ braucht man schon beinahe eine Leiter.

Daisy ist da leichter zu besteigen. Die Sättel sind maßgefertigt und übertragen jede Bewegung sofort. Wie war das nochmal mit dem Lenken? Wer nachts rechts will, lehnt sich dorthin oder zieht an der Seite am Zügel. Daisy scheint die Richtung besonders zu gefallen. Kaum im Galopp, zieht die Stute nach rechts ins Unterholz. Also den Kopf einziehen und querfeldein wieder zurück auf den Weg. Das hat man davon, wenn man den Steigbügel verliert, nach rechts kippt – und das Pferd nichts weiter macht, als brav dem Richtungsbefehl zu folgen. Doch nach ein paar Minuten Eingewöhnungszeit hoch droben wird der Blick wieder frei für die Natur. Hier! Ein Zitronenfalter! Da: Ist das nicht ein Kaisermantel? Und dort, schon wieder Hirsche, Rehe, eine Großfamilie. „Der ganze Wald ist hier ein einziger Wildwechsel“, ruft einer begeistert. Meistens sind aber alle ganz still. Genießen die Ruhe, hängen ihren Gedanken nach. Nur ab und an erheben alle nacheinander ihre Stimme. Immer dann, wenn Sabine Zuckmantel von hinten die Wegbeschreibung durchgibt: stille Post.

Die 38-jährige Wanderreit-Veranstalterin wuchs in Nordrhein-Westfalen auf, studierte Romanistik und Philosophie. Später arbeitete die Wahl-Brandenburgerin in der Geschäftsleitung eines Cateringunternehmens für Krankenhäuser und Altersheime. „Doch dann dachte ich: Da muss nochmal was anderes kommen im Leben.“ Also stieg sie in die den hellen Hosenrock, zog den australischen Reitmantel aus gewachster Baumwolle über und setzte den breitkrempigen „Akubra“-Hut auf: eine Pferdeführerin wie aus dem Bilderbuch. Und kochen kann sie auch. Das „Riesling-Picknick“ tut gut, nach fast drei Stunden vorbei an Lichtungen und verlassenen Gutshöfen, an Traktoren und Kuhherden. Selbst Daisy ist ins Schwitzen gekommen – Sitzheizung inklusive.

Damit sich die Tiere im Schatten nicht erkälten, bekommen auch Abu und Gonda, Foundling und die anderen eine wärmende Decke – und einen Eimer Wasser. Das Reiterteam nimmt Platz an einer festlich gedeckten Tafel mitten in der Natur mit landestypischen Spezialitäten aus der heimischen Küche: Räucherfleisch, Aal und Forelle mit Preisselbeermerrettich, Lammsalami aus dem Bioladen, ein Käse-Potpourri, marinierte Linsen, Rührei an Vollkornbrot – und zum Nachtisch Joghurt mit Kastanienhonig und Pinienkernen. Kann man ja später bei minutenlangem Trab und Galopp wieder abtrainieren. Inzwischen könnte Daisy eine Behandlung von Gruppenmitglied Tanja, einer Pferde-Physiotherapeutin, gut vertragen. Und unsereins für die kommenden Tage ein Schaumstoffpolster.

Wie hatte Showreiter Christian Schlicht gleich an der Tafel erzählt? „Wenn wir im Ausland Geländereiten, ist es manchmal so steil, dass sich die Pferde einfach auf den Hintern setzen und den Hang langsam herunterrutschen.“ Brandenburg reicht uns voll und ganz, nicht wahr, Daisy?

„Mit Leib und Seele – Wanderreiten im Havelland“: Sabine Zuckmantel und Ulf Steinfurt, Am Anger 14, 16727 Vehlefanz. Telefon: 03304253 228. Internet: www.wanderreiten-havelland.de . Weitere Tipps im Internet unter anderem unter www.landurlaub-brandenburg.de und www.reiten-in-berlin.de .

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