Zeitung Heute : Die Physik der Seele

Das Böse in den Normalos – davon erzählt Benjamin Heisenbergs Kinofilm „Schläfer“. Der Regisseur hat Vorbilder dafür in der Familie

Jan Schulz-Ojala

Aber ja, Benjamin Heisenberg mag den Film. „Ganz gut“ findet er, was Florian Henckel von Donnersmarck, sein einstiger Mitstudent an der Münchner Filmhochschule, da gemacht hat, vor allem den Konflikt, den Ulrich Mühe als Stasi-Major durchlebt, findet er „toll gebaut“ und „sehr dicht“. Nur das Ende, mit dem Verzweiflungstod der von der Staatsmacht korrumpierten Schauspielerin, das wäre nicht so seine Art, da sieht er „zu viel Drama“.

Anerkennung ja, aber keine Leidenschaft. Kritik ja, aber kein Verrat. Und Neid, obwohl er vielleicht Anlass dazu hätte: am allerwenigsten. Unaufgeregt und überlegt, mit durchdringend freundlicher Distanz blickt Benjamin Heisenberg auf „Das Leben der anderen“, der am kommenden Freitag beim Deutschen Filmpreis wuchtig auftrumpfen dürfte. „Schläfer“ dagegen, Heisenbergs Film über einen jungen Wissenschaftler, der mit dem Verfassungsschutz anbandelt, hat es nur in die Vorauswahl der Deutschen Filmakademie geschafft. Dafür kommt er exakt am Vorabend der Gala ins Kino: eine diskrete und doch durchdringende Begleitmusik zum Trara dieser Tage.

Benjamin Heisenberg ist keiner, der mit Aplomb auf eine Bühne tritt. Er ist, man muss nur hinsehen, schon da – still und schmal und mit einer stets zu feiner Heiterkeit aufgelegten Konzentration. Sein „Schläfer“ zeigt, mit wenig bekannten Schauspielern, im Gewande einer verletzlichen Nachwuchsforscher-Freundschaft und Dreiecksgeschichte, das unspektakuläre Innenfutter vom „Leben der anderen“: Implosion statt Explosion. Nicht die ethische Säuberung eines lebenslang Schuldigen zum Helden wird hier serviert, sondern die unaufhaltsame Korruption eines jungen Menschen, der sich eigentlich zu den Guten zählt.

„Schläfer“ ist die beunruhigende Psychostudie eines Menschen, der sich aus beruflichem Neid und privater Eifersucht zu eigenen und fremden Zwecken moralisch einschmutzt und schließlich Verrat begeht. Johannes heißt er, aber Judas ist er – trotz aller zeitweiliger innerer Widerstände. Der Film erzählt von einer Katastrophe, wie sie sich unspektakulärer kaum denken lässt. Vom Bösen in uns Normalos selber. Wenn man so will: vom Leben der einen.

Wie wird man so ein IM West? Ganz einfach. Tut erst mal gar nicht und niemandem weh. Man muss nur eine moralische Stillschweigepflicht gegen eine andere eintauschen. Bei jedem privaten Geheimnisbruch geschieht das, sagt Heisenberg: „Verrat ist ein integraler Bestandteil des Soziallebens.“ Schon recht, man wird sich vielleicht nicht gerade in einem Café am Prenzlauer Berg treffen, wie das der frisch nach Berlin gezogene Filmemacher mitunter mit Journalisten tut und wo man jede Informationsweitergabe vom Nebentisch aus belauschen kann. Sondern, zum Beispiel, in einem Münchner Park: Vogelzwitschern, Kindergeschrei, ferner Verkehrslärm, das Grundrauschen des Lebens.

Im Film ist es eine fast mütterliche Dame mit fränkisch gurrendem Akzent, die Johannes auf dem Kiesweg anspricht und ihm sanft einen Verdacht einpflanzt: der algerische Kollege Farid an seiner neuen Arbeitsstelle im Gentechnik-Institut, der könnte auch ein „Schläfer“ sein. Wir haben da so unsere Informationen. Und die könnten wir mit Ihrer Hilfe vertiefen. Oder auch zerstreuen. Natürlich sagen Sie jetzt erst mal entrüstet nein, aber hier, nur zur Sicherheit: meine Karte.

„Ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, die vom Verfassungsschutz angesprochen worden sind“, sagt Heisenberg, der zwölf Jahre in München studiert hat, erst an der Kunstakademie und dann an der Filmhochschule. Das passiere in der Mensa, irgendwo an der Uni, und schon werde einem für diesen oder jenen Sitzungsbericht über diese oder jene studentische Gruppe, der man angehöre, gleich gutes Geld angeboten. „Da wird auch mal ein ganzes Studium finanziert“, sagt Heisenberg – und seine Stimme bleibt dabei ganz kühl.

Natürlich gehe eine Diktatur bei der Anwerbung mitunter aggressiver vor, aber die Motive der Angesprochenen ähnelten sich oft sehr. In den seltensten Fällen verpflichte man sich aus einem staatsbürgerlichen Ethos heraus, wie dies vielleicht einmal der Stasi-Major im „Leben der anderen“ getan habe, meist seien es „niedere Motive“ wie Missgunst oder Geltungssucht. Das Stärkste: der Machtgewinn, der aus jenen Wissenshäppchen resultiert, mit denen das staatliche Sicherheitsorgan mitunter auch den Denunzianten füttert. In „Schläfer“ sind das Informationen über die junge Aushilfskellnerin Beate, die Johannes als Farids Rivale zu seinem diskreten Vorteil nutzen kann. Heisenberg: „Solches Wissen schafft eine ganz unangenehme Form von Macht.“

„Schläfer“ funktioniert dabei, mit präzis gesetzten Auslassungen für die beunruhigte Fantasie des Zuschauers, selber wie eine Versuchsanordnung, wie ein wissenschaftliches Experiment. Es ist gewissermaßen die Physik der Seele, die Heisenberg interessiert und die er seinem ersten langen Spielfilm eingeschrieben hat; gerade so, als fermentierten Gefühle erst richtig im Labor. Auch den schon fast fünf Jahre zurückliegenden Auslöser für die Filmidee erinnert er mit gelassener Präzision. Am 11. September 2001, eine Stelle in seinem Tagebuch belegt das, mochte das weltweite Entsetzen über die neue Dimension terroristischer Anschläge erst einmal jedweden individualintellektuellen Impuls lahm legen – Heisenberg dachte schon am Tag selbst über die politischen Folgen für die innere Sicherheit in Deutschland nach. Die spätere Idee dagegen, eine an die unmittelbare Beschattungsfront geschickte „Büromaus“ des Verfassungsschutzes zur Heldin einer Komödie zu machen, offenbar eine Schläfer-Geschichte mit turbulenten beischläferischen Verwicklungen, war wohl eher jugendlich-verspieltem Laborieren mit der Psyche geschuldet. Schon bald, erzählt er, hat sich das Ernste in die Story „reinmäandert“, mit einem moralischen Leitmotiv, das immer wichtiger wurde.

Die Harlekinaden, die jüngst erneuerten Komödienpläne, die verräterische Zufallsvokabel „lustig“, mit der Heisenberg immer wieder das pure Interesse an einem Gedanken etikettiert: Vielleicht sind sie am besten als das Begleitgeräusch der Wegwärtsbewegung von einer berühmten Familie zu deuten, deren Prägung er zugleich entspannt bejaht. Der Großvater Werner Heisenberg bekam 1932 mit nur 31 Jahren – exakt Benjamins heutiges Alter – den Nobelpreis für Physik. Benjamins Vater, der Neurobiologe Martin Heisenberg, ist Ordinarius an der Universität Würzburg, jener Stadt, in der der Großvater geboren und in deren Nähe auch Benjamin aufgewachsen ist. Die beiden älteren Brüder der protestantisch-liberalen, den Künsten gegenüber aufgeschlossenen Familie sind beruflich in die (groß-)väterlichen Fußstapfen getreten; wohl auch deshalb konnte Benjamin andere Wege gehen und vor dem Film erst einmal Bildhauerei statt womöglich Biologie in München studieren.

„Ein fragiles Kind“ sei er gewesen, erinnert sich Heisenberg, mit epileptischen Anfällen auch; in der Pubertät habe er davon geträumt, Jockey zu werden, und seine ganze Freizeit mit Pferden verbracht. „Ich war eine schützenswerte Art“, sagt er und registriert die spontane Metaphern-Anleihe bei der Wissenschaft mit einem kleinen, angenehmen Lachen.

Und doch, die Gene! Wohl kein Zufall, dass „Schläfer“ im naturwissenschaftlichen Uni-Milieu spielt, rund um die abnehmend kameradschaftlich konkurrierenden Virologen Johannes und Farid, die menschliches Erbmaterial in Mäuse klonieren. Kein Zufall, dass mit den Tierversuchen im Film auch die verbreitete moralische Indifferenz der Forscherwelt angespielt wird. Und erst recht keiner, dass Täter-Opfer-Grauzonen und die Ambivalenz des Gutmenschentums Heisenberg schon in den Videos und Kurzfilmen beschäftigten, die er mit Anfang 20 zu drehen begann: In der Familie ist, trotz einer gewissen emotionalen Grundkontrolliertheit, immer wieder die politisch-gesellschaftliche Schuld des Großvaters diskutiert worden, der als Atomforscher „der Physik zuliebe“ in Nazi-Deutschland blieb.

Wahrscheinlich sei es, sagt Heisenberg, naiv zu glauben, man könne auch in Diktaturen etwas zum Guten ausrichten, statt auszuwandern und sie von außen zu bekämpfen; aber immerhin könne er den Großvater heute „von ferne“ verstehen.

Weder Privileg noch Hypothek: So offenbar erfährt Heisenberg die Bindung zu seiner ungewöhnlichen Familie, und mit seinen 31 Jahren hat er längst eine Art Generationenfrieden gemacht. Sein Vater wird im Abspann von „Schläfer“ als wissenschaftlicher Berater genannt – und Benjamin hat dessen kleine Sorge schnell zerstreuen können, mit dem kompetenten, menschlich aber wenig angenehmen Chef-Professor im Film sei womöglich er gemeint gewesen.

Wieder schiebt Heisenberg sein kleines Lachen nach, das fast wie eine weise Belustigtheit darüber klingt, dass die Welt so ist, wie sie ist. Und dass es nun vor allem darauf ankommt, sie künstlerisch mit möglichst wissenschaftlicher Genauigkeit zu verdichten. Und der Nobelpreis? Den für Film hat Benjamin Heisenberg bereits fast geholt: Sein zuletzt mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichneter „Schläfer“ gastierte letzten Mai beim Filmfestival in Cannes. Eine Palme gab’s dafür noch nicht. Aber man kann sie schon mal wachsen hören.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben