Zeitung Heute : Die Polis fühlen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Der Neu-Berliner und seine Lebenspartnerin, zu Besuch aus der Kurpfalz, haben beschlossen, mit Freund Paul in der Reichstagskuppel bei Käfer essen zu gehen. Zwar sind die Dispokredite nach dem Urlaub ausgeschöpft, und die Käfer-Nahrung ist bekanntlich teuer, aber von Zeit zu Zeit, denkt der Neu-Berliner, sollten besonders Hauptstadtneulinge wie er erhöhte Beobachtungsposten aufsuchen, um von dort aus ein Gefühl für die Aura der Stadt zu entwickeln. In der ehemaligen Heimat, der Hauptstadt der Kurpfalz, war das so üblich. Die Einwohner suchen dort regelmäßig erhöhte Beobachtungsposten auf. Man kann von den Hängen des Mittelgebirges, vom Schloss aus oder vom so genannten Philosophenweg, über Stadt und Fluss die Tiefebene überblicken, bei gutem Wetter sogar bis nach Frankreich. Wenn die Sonne hinter den Pfälzer Bergen untergeht, stellt sich dann, eine sentimentale Stimmungslage vorausgesetzt, das Polis-Gefühl ein: Im Polis-Gefühl begreift man den mystischen Sinn der Stadt.

Wer in der Reichstagskuppel ein Käfer-Essen leisten will, bekommt eine Reservierungsnummer, die einem Sicherheitsbeamten am Seiteneingang genannte werden muss. So muss man nicht stundenlang in der Schlange stehen. Ein schlechtes Gewissen verspürt man dabei nicht, man wird schließlich zahlen müssen für die Bevorzugung. Nach einer ausführlichen Leibesvisitation geht es mit dem Fahrstuhl bis in die Kuppel, und man wird von einem Käfer-Kellner zum Tisch geleitet, idealer Weise zu einem an der östlichen Seite des Reichstagsdachs.

In strahlendem Abendlicht liegt die große Stadt den Beobachtern zu Füßen. Die Kuppel der Synagoge leuchtet golden, die des Doms leuchtet grünspanig. Paul sagt, den Berliner Dom würde er gerne abreißen lassen. Nun muss der Wein ausgesucht werden.

Die Freundin des Neu-Berliners, Weinkennerin, will, wie schon beim letzten Mal, einen Pinot Noir aus Burgund bestellen. Aber auf der Karte stehen nur deutsche Weine, hauptsächlich Weine aus der Pfälzer Heimat des Neu-Berliners. Die Käfer-Kellnerin sagt, dass Käfer seit einigen Monaten nur noch deutsche Weine anbiete. Man habe da keine Vorurteile, sagt Paul verbindlich, und als die Kellnerin weg ist, flammt eine kurze Diskussion über den Symbolcharakter des Weinangebots im Reichstag auf. Die Frage, ob es nach Auschwitz barbarisch sei, im Reichstag nur deutschen Wein auszuschenken, wird mit einem klaren Nein beantwortet.

Nach dem Essen und drei Flaschen Appenhofener Steingebiss’ wankt man den Spiralweg in der Kuppel hinauf. Der Neu-Berliner erlebt das Polis-Gefühl, als er sich daran erinnert, dass man früher bei der alten Reichstagskuppel an eine wilhelminische Pickelhaube gedacht hat und ihm nun der Bundeskanzler vor seinem inneren Auge erscheint: mit einem durchsichtigen Plastikregenschirmchen auf dem Kopf, aus dem sich eine Spiralgirlande um den Schädel bis hinunter zu dem riesigen Schnurrbart windet, den er sich hat wachsen lassen, seitdem es im Käfer nur noch deutschen Wein gibt.

Restaurant Käfer in der Reichstagskuppel. Reservierungen unter 030/2262990.

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