Zeitung Heute : „Die Politik muss sich aus Berufungsverfahren zurückziehen“

Ein Gespräch mit Konrad Osterwalder über Spitzenuniversitäten und den langen Weg dorthin

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Im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb hat die Freie Universität Berlin als einzige Berliner Universität die Endrunde erreicht. Ein Zwischenerfolg, der verpflichtet. Hierbei holt sich die Freie Universität Rat von einem eigens gegründeten International Council. Weltweit renommierte Hochschulmanager und Wissenschaftler beraten die Freie Universität Berlin auf ihrem Weg in die Zukunft. Auch in dieser Beilage präsentieren wir ein Mitglied dieses internationalen Gremiums.

Das Gespräch mit Professor Konrad Osterwalder, Rektor der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, führte Ulrike Seiler.

Herr Professor Osterwalder, die Freie Universität hat gerade die erste Hürde im Exzellenz-Wettbewerb erfolgreich hinter sich gebracht…

Ich gratuliere der Freien Universität ganz herzlich zu diesem Erfolg. Der Erfolg ist natürlich umso größer, als die Freie Universität die einzige Universität in Berlin ist, die jetzt in der Gruppe der zehn Besten steht und das ist eine enorme Anerkennung der Leistungen – und zugleich auch eine Herausforderung.

Sie sind Mitglied des International Councils, beraten die Freie Universität auf ihrem Weg in die „Top Ten“ der deutschen Universitäten…

Bei der Freien Universität ist natürlich sehr viel Expertise im Haus vorhanden. Wenn ich mir die Zusammensetzung des Councils anschaue, kann ich mir jedoch vorstellen, dass durch dieses internationale Gremium auch noch neue Anregungen eingebracht oder existierende Ideen in eine etwas andere Richtung gelenkt werden.

Was schätzen Sie besonders an der Freien Universität Berlin ?

Ich schätze die Dynamik und den Innovationswillen, ich schätze den Mut, Leute an führende Stellen zu setzen, die etwas verändern möchten, die gewillt sind, den Stand der Dinge an die Erfordernisse der heutigen Zeit anzupassen.

Internationale Netzwerkuniversität und International Council – gehört das einfach zusammen?

So eng würde ich die Verknüpfung nicht sehen. Wenn man sich jedoch entsprechend international präsentieren möchte, wie das durch den Begriff Internationale Netzwerkuniversität kommuniziert wird, dann ist so ein International Council sicherlich eine hilfreiche Sache.

Was hat Sie veranlasst, sich in das International Council der Freien Universität Berlin einzubringen?

Wenn man selber eine international vernetzte Universität führen will, dann muss man sich als Person auch international vernetzen. Ich komme nicht nur als Zuträger für die Freie Universität nach Berlin, sondern ich gehe davon aus, dass die Arbeit hier für mich selber auch bereichernd sein wird. Ich habe ähnliche Verpflichtungen in anderen Ländern, an der Ecole Polytechnique de France in Paris zum Beispiel und in Italien. Und das Gesamtbild, das sich ergibt, ist natürlich sehr spannend.

Hatten Sie früher bereits Gelegenheit, mit anderen Mitgliedern des Councils in einer ähnlich beratenden Funktion zusammenzuarbeiten?

Ich war mit Professor Hans-Uwe Erichsen, dem heutigen Kuratoriums-Vorsitzenden der Freien Universität, vor acht Jahren zusammen in einem International Advisory Panel in Singapur. Damals haben wir die Regierung in der Frage beraten, was es braucht, um die beiden Universitäten Singapurs in die Weltspitzengruppe zu bringen. Und mit der Australian National University von Professor Ian Chubb hat sich die Eidgenössische Technische Hochschule erst kürzlich in einem weltumspannenden Netzwerk zusammengeschlossen.

Wie wird sich Ihre Aufgabe an der Freien Universität Berlin gestalten?

Ich werde meine Expertise und meine Erfahrungen mitbringen. Erfahrungen, die wir an der ETH und anderswo schon gemacht haben – und die nun für die Freie Universität nützlich sein könnten.

Die ETH Zürich zählt zu den weltweit besten Universitäten…

Eine Elite-Universität zeichnet sich dadurch aus, dass Spitzenforschungsergebnisse erzielt werden und dass Absolventen mit einer Top-Ausbildung in die Welt entlassen werden. Die besten Forscher und Lehrer möchten kommen, um hier ihre Tätigkeit auszuüben. Für die Studierenden ist es attraktiv, an diesem Ort zu lernen und Bestes zu leisten.

Welche Voraussetzungen müssen – etwa seitens der Politik – geschaffen werden, damit eine Universität den Sprung an die Spitze schafft?

Die politische Seite muss sich hundertprozentig aus dem Berufungsverfahren zurückziehen. Das ist in Berlin noch nicht gegeben. An der ETH ist es seit 150 Jahre so, dass die Kompetenz in allem, was die Berufung betrifft, in den Händen des Präsidenten konzentriert ist. Der Präsident setzt eine Berufungskommission zusammen, die macht ihm einen Vorschlag, doch letztendlich ist er frei, wie er diesen Vorschlag bewertet. Der Präsident kann auch ohne Suchkommission berufen. Im rechtlichen Sinne macht dies den Prozess unabhängig von der Fakultät. Im praktischen Sinne ist es natürlich so, dass die Fakultät Mitspracherecht hat, aber keine Mitbestimmung. Kurz gesagt, sind drei Aspekte Grundvoraussetzung: ein anspruchsvolles Berufungsverfahren, Autonomie und eine ausreichende Finanzierung…

…und die liegt gerade in Berlin im Argen.

Um auf internationaler Ebene mithalten zu können, braucht man einen verlässlichen finanziellen Rückhalt. Das geht nicht anders. Man muss die Politik davon überzeugen, dass es eine wichtige Investition in die Zukunft ist, eine Hochschule zu fördern. Und man muss mit der Industrie die Kontakte intensivieren, Kooperationsprojekte entwickeln, damit neue Quellen von Drittmitteln erschlossen werden.

Welche Empfehlung geben Sie – nach diesem ersten Teilerfolg – der Freien Universität, damit das Ziel „Exzellenz-Universität“ erreicht wird?

Jetzt muss das Konzept „Internationale Netzwerkuniversität“ ausgearbeitet werden. Das muss mit großer Energie betrieben werden. Andere Universitäten in Deutschland waren nach dieser Vorrunde bitter enttäuscht – und die werden alles dran setzen, dass sie doch noch in die Runde der zehn Besten aufgenommen werden.

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