Zeitung Heute : Die Polizei rufen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Stendal ist ein Städtchen in Sachsen-Anhalt, eine Zugstunde von Berlin entfernt. Dort gibt es mehr schöne alte Häuser als in ganz Basel. Ein Landestheater gibt es auch in Stendal. Mein Kumpel Y. spielt dort. Noch bis nächstes Jahr, dann wird das „Theater der Altmark“ wohl plattgemacht. Manchmal spürt Y. so etwas wie Endzeitstimmung. In einem Stück muss er stundenlang Tee trinken. Er spielt einen Palästinenser. Neulich schwammen dicke Schimmelpilze im Tee.

Die Mimen lassen sich nicht unterkriegen: Für „Die Jungfrau von Orléans“ machen sie in der Fußgängerzone Werbung. Nach der Premiere wird gefeiert, und gegen Mitternacht brechen Y. und ich als Letzte auf. Plötzlich Schreie aus einer dunklen Gasse. Jemand ruft um Hilfe. Im Schein einer Straßenlaterne sehen wir: Eine Frau liegt auf dem Rücken und brüllt. Zwei Personen knien auf ihr. Skinheads, die eine Ausländerin verprügeln? Doch die beiden Aggressoren haben Igelfrisuren. Eine Vergewaltigung? Y. wählt die Nummer der Polizei. Ich renne zurück auf die Hauptstraße, um Hilfe zu holen. Kein Mensch weit und breit. Als ich zurückkomme, stehen alle bei der Laterne. Die Frau weint. Ihr linkes Auge ist zugeschwollen, wahrscheinlich hat sie ein Faustschlag getroffen. Drei Schritte weiter die Aggressoren: zwei Frauen mit Igelfrisuren, ebenfalls Mitte 30. „Wir sind die Opfer“, sagen sie. Etwas abseits steht ein Mann, der nicht in das Handgemenge involviert war. „Ich gehe“, sagt er und bleibt.

Ein Polizeiauto braust heran. Y. und ich müssen uns ausweisen. „Geburtsdatum?“, fragt der Kommissar. „Ist das wichtig?“, frage ich. Er nickt. Die Täterinnen erzählen, warum sie die Opfer seien. Der Mann abseits sagt: „Jetzt geh ich wirklich!“, und bleibt. Das Opfer mit dem blauen Auge weint. Kompliziert.

Wahrscheinlich muss ich in nächster Zeit öfter nach Stendal fahren. Als Zeuge vor Gericht. Dann gehe ich wieder ins Theater. Am liebsten in ein Stück von Beckett.

Für unvergessliche Abende: Theater der Altmark, Stendal, Telefon 03931-635 777, Spielplan: www.tda-stendal.de

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