Zeitung Heute : „Die Postmoderne ist nichts für Arme“

Der Tagesspiegel

Von Moritz Schuller

Vor einigen Jahren sprach der amerikanische Soziologe Richard Sennett von der „Tyrannei der Intimität" und warnte vor einer Gesellschaft, die dem Einzelnen keinen Raum mehr lasse. Am Dienstag war Sennett mit seiner Frau, der Wirtschaftswissenschaftlerin Saskia Sassen, in die American Academy gekommen, seine Warnung diesmal galt der zunehmenden Entinstitutionalisierung der Gesellschaft. Der „neue Kapitalismus", so Sennett, eliminiere die Beziehungen zwischen den Menschen.

In regelmäßigen Abständen fühlt Richard Sennett der kapitalistischen Gesellschaft ihren Puls. Dass er ihn besser, und das heißt auch undogmatischer zu spüren scheint als so manch anderer „Public Intellectual" Amerikas, hat ihn zu Recht zu einer der einfallsreichsten sozialwissenschaftlichen Stimmen werden lassen. Im „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens", dem Buch, das Sennett auch in Deutschland bekannt gemacht hat, schien er mit der selbstverliebten Gegenkultur der sechziger Jahre abzurechnen. Danach widmete sich Sennett in mehreren Büchern Fragen der Urbanisierung.

Sein Gegenstand ist das öffentliche Leben geblieben, und auch seine Warnungen, so unterschiedlich sie über die Jahre geklungen haben mögen, darf man noch immer als fundamental, womöglich sogar als konservativ bezeichnen. Nie hat Richard Sennett, der sich selbst als instinktiven Sozialisten bezeichnet, aus den Augen verloren, was ihn schon in den siebziger Jahren interessierte: die Strukturen gesellschaftlichen Lebens. Der „neue", der neoliberale Kapitalismus, sagte Sennett in der American Academy, führe zur Auflösung traditioneller Unternehmensstrukturen: Hierarchien werden flacher, lebenslange Bindungen von Arbeitnehmern an ein Unternehmen werden ersetzt durch kurzfristige Beziehungen.

Wie sehr sich die Wirtschaft auf eine Kurzfristigkeit eingelassen habe, machte Sennett an zwei Zahlen deutlich: Während Fondsunternehmen 1966 Aktien durchschnittlich 46 Monate hielten, betrug die Zahl 2000 nur noch 6,2 Monate. Gefährlich, so Sennett, sei die Anwendung dieses neoliberalen Modells auf andere Bereiche der Gesellschaft wie etwa den Wohlfahrtsstaat: Unter dem Vorwand, den Einzelnen in eine neue Freiheit und in die Unabhängigkeit von institutioneller Bürokratie zu führen, werden die Menschen so schlicht entmachtet. Denn die Vorstellung, dass Macht einfach aus dem gesellschaftlichen Kontext verschwinden könne, sei eine Phantasie.

Den Warnungen ihres Ehemannes hielt Saskia Sassen, die wie er ihre Zeit zwischen Amerika und England aufteilt, die Vorteile eines solchen Öffnungsprozesses entgegen. Gerade die Verflachung von Hierarchien habe dazu geführt, dass „informelle politische Subjekte" aktiv werden konnten. Die Auflösung traditioneller Organisationsstrukturen habe nämlich auch Gruppen, die vorher ausgeschlossen waren, die Chance gegeben, am politischen Prozess teilzunehmen. Sassen wies auf das interessante Phänomen hin, dass auch die Globalisierungsgegner auf ein weltweites Netzwerk zurückgreifen.

Diese neuen Strukturen, sagte Saskia Sassen weiter, erweisen sich wie die Globalisierung überhaupt als restriktiv und zugleich als antihirarchische Kraft. Sassen verwies zugleich darauf, dass unter der zunehmenden Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auch zu verstehen ist, dass die Unternehmen die Kosten etwa für Fortbildung den Arbeitnehmern aufladen.

„Was man beobachten kann, ist, dass die Bürger für die Dynamisierung der Wirtschaft zahlen." Daran könne man eben auch erkennen, pflichtete ihr Sennett bei, dass die Postmoderne nicht Kritik am Neoliberalismus darstelle, sondern dessen gellschaftliches Derivat. Beides können sich nur Privilegierte leisten, Dynamisierung erfordere Bildung und Beweglichkeit. „Die Postmoderne ist nichts für Arme." Erstaunlich, meinte Sennett abschließend, sei, dass es der Linken bislang nicht gelungen sei, eine sozialistische Antwort auf diese Herausforderungen zu finden. „Die Linke ist zuständig für das schlechte Gewissen. Wir haben die Möglichkeit, ein schlechtes Gewissen zu wecken, doch hier gelingt es uns nicht."

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