Zeitung Heute : Die Prinzenrolle

Asfa-Wossen Asserate bringt den Deutschen Manieren bei – mit einem Buch, das ein Bestseller geworden ist. Sogar Gerhard Schröder beruft sich auf den äthiopischen Adeligen. Die Analyse eines Erfolgs. / Von Verena Mayer

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„Asserates Buch trifft nun den Deutschen in seiner postmodernen Zerrissenheit zwischen Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und dem Unmut, sich immer noch von der eigenen Ernsthaftigkeit maßregeln zu lassen. Einmal möchte man sein eigener Harald Schmidt sein dürfen.“

AsfaWossen Asserate ist vieles. Er ist ein Prinz aus Äthiopien, verwandt mit Haile Selassie, dem legendären Kaiser des Landes. Er ist Dr. phil., der in Deutschland studiert und über äthiopische Geschichte promoviert hat. Asfa-Wossen Asserate ist als Unternehmensberater in Afrika und dem Nahen Osten auch jemand, der sich zwischen den Kontinenten bewegt. Und natürlich ist er als Autor des Bestsellers „Manieren“ ein Mann mit ebensolchen, jemand, der einer Frau die Hand küsst, jedenfalls in geschlossenen Räumen, ein Mann, der aufsteht, wenn die Dame aufsteht, der sich am Telefon nach dem werten Befinden erkundigt und dann erst sein Anliegen vorträgt, ein Mann, der beim Flanieren durch die Großstadt darauf achtet, dass seine weibliche Begleitung immer auf der ungefährlichen, dem Straßenverkehr abgewandten Seite geht.

Eines nur ist Asfa-Wossen Asserate nicht: kokett. Man hegt, wenn man ihm zwei Stunden lang in einer Frankfurter Hotel-Lobby gegenübersitzt, keinen Zweifel, dass gute Manieren für ihn der Ausdruck einer schönen Seele sind, dazu erfunden, Grenzen zu akzeptieren. Man nimmt ihm ab, dass er Deutschland liebt, dessen Staatsbürger er nach dem Umsturz in Äthiopien 1974 geworden ist und das er sich in seiner Kindheit als Land erträumt hat, in dem lauter Fachwerkhäuser stehen, und in jedem Fachwerkhaus sitzt ein Gelehrter mit einem Buch. Und es ist Asserate ein Herzenswunsch, dass Äthiopien, wo im kommenden Jahr Wahlen anstehen, eine Verfassung nach deutschem, föderalen Vorbild bekommt. Kurzum, Asfa-Wossen Asserate ist ein Mann mit einem Ziel. Man könnte nun sagen, dies sei ja das genaue Gegenteil der „Manieren“, die vom Gestus etwas sehr Kokettes haben. Aber ist er deshalb nicht der alleinige Autor, wie derzeit spekuliert wird? Und wenn: Wäre das nicht egal?

„Manieren“, das Sittenbild europäischer Kultur aus afrikanischer Sicht und derzeit in siebenter Auflage auf Platz 7 der „Spiegel“-Bestseller-Liste, ist kein Benimmbuch, sondern Konversation gewordene Assoziationskunst, Unterhaltung im wahrsten Sinn des Wortes. In „Manieren“ geht es nicht um Anleitungen oder Urteile, auch nicht darum, ob die Füllfeder tatsächlich dem Kugelschreiber vorzuziehen sei und der Frack den Blue Jeans, selbst dann nicht, wenn das Buch diese Frage mit Verve diskutiert. „Manieren“ zelebriert das Angeregtsein von allem und jedem, einen Duktus, dessen einziger Zweck es ist, sich selbst zu genügen. Auch was die Quellen betrifft: Von Marcel Proust bis Peter Hacks, von der afrikanischen Volksweisheit bis zu Heimito von Doderer – bei Asserate kann jeder etwas beitragen und darf sich verabschieden, bevor es ernst wird. In „Manieren“ gibt eines das andere, von der Mode geht es zum Handkuss, vom Adel zur richtigen Anrede, von Titeln zur Taufe – wo der Gedankenfluss hinführt und ob er überhaupt wo hinführt, ist unwichtig, Hauptsache, alles fließt. „Ein Witz, ein Aperçu, ein Bonmot ist immer eine Art Bombe, die im Explodieren das lockere Gewebe des allgemeinen Gesprächs zerreißt“, heißt es im Kapitel über „Die Konversation“.

Der Wiener – der in dem Buch sehr oft zitiert wird – erkennt die Kulturtechnik, die hier gepflegt wird, denn es ist für ihn die höchste Kulturtechnik: Schmäh führen. Schmäh führen bedeutet, dass die Art, wie man etwas sagt, immer genauso wichtig ist wie das, was man sagen will. Man muss sich das so vorstellen: Der Wiener denkt nicht sinn-, sondern darstellungsorientiert. Es reicht in Wien nicht zur Unterhaltung aus, von einer interessanten Begebenheit, einem Unfall etwa, zu erzählen, man muss den Unfall so schildern, dass der andere ausruft: „Na, das ist ein Theater!“ Für den Schmäh- Führenden sind Inhalte eine Art Material, das es in eine möglichst kunstvolle Form zu bringen gilt. Der Schmäh ist ein Spiel, deshalb heißt in Wien auch die Abart des Spielens, das Übers-Ohr-Hauen, „jemandem am Schmäh halten“. Auf jeden Fall setzt Schmäh Interaktion voraus, es ist ein ständiges Aufgreifen und Wiedergeben, Teamarbeit im Plauderton.

Die Königsdisziplin des Schmähführens ist natürlich die Wiener Kaffeehausliteratur, jene Form der schreiberischen Darstellung, die sich so elegant zwischen Klatsch und Kunst bewegt, der intellektuellen Hochstapelei immer nahe und am Snobismus knapp vorbei. Kaffeehausliteratur ist im Bewusstsein ihrer eigenen Konsequenzenlosigkeit verfasst, sie genügt sich selbst, das hat schon Brecht festgestellt, dass Dichter und Denker anderswo Weltrevolution machen und in Wien bleibt man im „Kaffeehaus Stefanie“.

„Manieren“ ist Kaffeehausliteratur im besten Sinn: Ob es darum geht, im Ideal der Dame den Ursprung des Feminismus zu sehen oder ob gesagt wird, dass ein Herr alles tragen darf, „einen Ast, eine Aktentasche, ein halbes Schaf oder einen Bilderrahmen, aber keine Tüte“ – die Statements, die hier ausgeführt werden, überzeugen nicht durch Anwendbarkeit, sondern die Grazie ihrer Nutzlosigkeit.

Es wurde vermutet, jemand, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, könne „Manieren“ nicht allein geschrieben haben. Die Meinungen gingen in der Diskussion auseinander, die einen sprachen von Co-Autorenschaft oder Ghostwriting, bei der „Anderen Bibliothek“, der Eichborn-Reihe, in der das Buch erschienen ist, nannte man es Lektorat. Asserate selbst spricht von „Freundschaftsdienst“ und lässt es dabei bewenden. Heraus ist inzwischen, wer geholfen hat: Der Schriftsteller Martin Mosebach, über den der Brockhaus sagt, er sei ein „vielseitiger und produktiver Autor, der stilsicher in kleinen und großen Formen die Mittel des Realismus des 19. Jahrhunderts einsetzt, um sie zu ironisieren, häufig mit üppigen Schilderungen exotischer Schauplätze“. Mosebach, ebenfalls Autor der „Anderen Bibliothek“, ist mit Asserate seit Universitätstagen befreundet. Was nun die Entstehung der „Manieren“ angeht, so sagt Asserate, er habe immer schon etwas Derartiges schreiben wollen, Hans Magnus Enzensberger, der Herausgeber der „Anderen Bibliothek“, habe ihn schließlich dazu ermutigt. Martin Mosebach habe am Buch „stilistische Pinselstriche“ vorgenommen, aber verzichtet, dafür erwähnt zu werden.

Man kann es niemandem verdenken, eine Spur wie diese aufzunehmen, zumal der Helfer sie gelegt hat – und zwar recht deutlich zu sich selbst. Wer Mosebach bei Asserate finden will, der findet ihn. Da meint man eine spezielle Art des Sprachspiels wiederzuerkennen, dort eine profunde Kenntnis der Werke Heimito von Doderers, die einen daran erinnert, dass Martin Mosebach einmal den Heimito-von-Doderer-Preis bekommen hat.

Zweifel an der Entstehung eines Textes werden zumeist als Plagiatsvorwürfe laut. Fälle von Fälschen oder Abschreiben mit deutscher Gründlichkeit zu ahnden, liegt im Interesse jener, deren geistiges Eigentum geklaut wurde. Was aber, wenn jemandem beim Helfen schlicht die eigene Brillanz durchgegangen ist? Natürlich, ein Hinweis hätte nicht geschadet (vergleiche: Dieter Bohlen mit Katja Kessler). Schon deshalb, um den Unterstützten vor der Peinlichkeit der Erklärungsnot zu bewahren. Besonders in Hinblick auf den 19. Februar, denn da wird Asfa-Wossen Asserate der Chamisso-Preis übergeben, ein Preis, mit dem der Autor für seinen Stil ausgezeichnet wird. Aber muss es denn wirklich immer „Nichts als die Wahrheit“ sein?

Was sind denn Manieren? Manieren sind der gekonnte Umgang mit Echt und Gekünstelt, ein Spiel, das den Menschen davor bewahrt, immer er selbst sein zu müssen, „das Parfum, das vergessen lässt, dass wir stinken, und wie beim Parfum ist es klug, sich Manieren anzueignen, die mit den persönlichen Gegebenheiten nicht in kreischendem Gegensatz stehen, sondern sie glücklich ergänzen“, wie es im Kapitel „Der schöne Schein“ heißt. Manieren sind die Kunst, die bei allem Schein menschliche Größe offenbart, wenn sie beherrscht wird. Als bei einem Bankett am Wiener Hof ein ausländischer Staatsgast nicht wusste, was er mit seiner Fingerschale anfangen sollte und daraus trank, nahm Kaiser Franz Joseph seine eigene Fingerschale und führte sie ebenfalls zum Mund. Ein Beispiel, das illustriert, dass bei guten Manieren Spiel und Selbstverständlichkeit dasselbe sind.

Asserate lebt, was in seinem Buch steht. Er begrüßt einen mit „Verehrte gnädige Frau, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen“, er hat keine Geldbörse, weil im Kapitel „Versuch über den Herrn“ als das „Allerwichtigste“ steht: „Der Herr benutzt kein Portemonnaie. Das Geld klimpert bei ihm in der Hosentasche, die Scheine ruhen in der Brusttasche an seinem Herzen.“ Asserate erzählt, wie sehr es ihn gestört habe, dass sich im Äthiopien des Kommunismus alle geduzt haben. Er sagt das nicht wie jener Journalist aus der DDR, der einmal meinte, das Befreiendste nach dem Fall der Mauer sei gewesen, einem verhassten Vorgesetzten wieder das „Sie“-Wort antragen zu können. Asserate hat es geschmerzt, dass in Äthiopien bei der Anrede das Alter keine Rolle mehr spielte, im Duzen also die mit Lebenserfahrung verbundene Würde einer Person unterging.

Und Asserate hat gute Geschichten auf Lager. Zum Beispiel die aus dem Speisewagen nach Linz. Es war in den Siebzigerjahren, Asserate wollte sein früheres österreichisches Kindermädchen besuchen, das ihm am äthiopischen Hof unter anderem den Handkuss beigebracht hatte. Am Nachbartisch im Speisewagen saß und trank Helmut Qualtinger. Helmut Qualtinger war Asserates Idol, und Asserate haderte mit sich, ob er den Meister stören dürfe, das sei doch unmanierlich. Als es bei Qualtinger ans Zahlen ging, hatte Asserate die Idee: Er stellte sich neben dem Österreicher auf, zückte seine Brieftasche und sagte: „Der Papa wird’s scho’ richten.“ Ein Prinz mit Humor. Wie geschaffen für den Kaffeehaustisch.

Das Wichtigste am Kaffeehaustisch ist, dass man etwas zu erzählen oder vorzutragen hat. Wie man es erzählt, dass es dann „ein Theater“ wird, ergibt sich in Interaktion mit dem Gegenüber. Und wenn sich die finden, die sich gegenseitig befeuern können, zum Beispiel ein Geschichtenerzähler wie Asserate und ein Stilist wie Mosebach, dann „rennt der Schmäh“, wie man in Wien sagt. Schmäh ist per se Kollektivsache, er wird geführt, um ihn zum Rennen zu bringen, und damit sind wir auch bei dem, was die Koketterie der „Manieren“ ausmacht. Die „Manieren“ kreisen um sich selbst, es geht ums Formulieren, nicht um Formeln. „Ein wichtiges Element ist das Fließen, das Nicht-Verstummen“ heißt es in „Manieren“ über die Konversation. Es kommt im Kaffeehaus nicht darauf an, wer welches Bonmot gesagt hat, und es ist am Ende nebensächlich, wer das unter welchem Namen zu Papier bringt. Niemand würde auf die Idee kommen, bei Peter Altenberg nachzuforschen, ob Teile seiner Schreibe vielleicht auf Alfred Polgar zurückgehen.

Kaffeehausliteratur ist Mischung, und es ist ebenso müßig, diese in ihre Bestandteile zu zerlegen wie eine Melange, den Wiener Milchkaffee. Der Kaffeehausliterat Anton Kuh beschreibt eine Szene aus dem Ersten Weltkrieg, als in Wiens Kaffeehäusern aufgrund irgendwelcher Rationierungen keine Melange ausgeschenkt werden durfte, sondern nur Kaffee und Milch getrennt. Kuh bestellte also pflichtbewusst Kaffee und Milch getrennt und der Ober rief in die Küche: „Schani, eine Melange für den Herrn auf Sechse!“

Klar ist jedenfalls, was die Melange Asserate/Mosebach bewirkt hat: ein Phänomen. Das Buch hat eingeschlagen. Selbst Gerhard Schröder konnte nicht umhin, bei seinem Staatsbesuch in Äthiopien launig festzustellen, es sei ja ein äthiopischer Prinz, der den Deutschen derzeit Manieren beibrächte.

Benimmbücher sind immer erfolgreich, wenn sie dem Zeitgeist verpflichtet sind. Liest man etwa Benimmbücher aus den Fünfzigerjahren, der Sorte „Gutes Benehmen wieder gefragt“, so fällt deren Sehnsucht nach Harmonie und Unscheinbarkeit auf. Da ist es das Wichtigste, dass alles zuammenpasst und nichts das Bild einer geschlossenen Gesellschaft stört, ob man dazu angehalten wird, sich ja nicht zu übernehmen, oder belehrt wird, dass Mann und Frau das Haus nur dann verlassen dürfen, wenn ihre Kleidung farblich aufeinander abgestimmt sind.

Asserates Buch trifft nun den Deutschen in seiner postmodernen Zerrissenheit zwischen Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und dem Unmut, sich immer noch von der eigenen Ernsthaftigkeit maßregeln zu lassen. Einmal möchte man sein eigener Harald Schmidt sein dürfen. Das Buch mag mit dem Neokonservativismus und der Aristokratie kokettieren („Die europäische Auffassung über das, was schön und angemessen ist im Umgang mit Menschen, hat der Adel formuliert“), es kann sich dennoch jeder darin wiederfinden. Und zwar nicht, weil das, was da steht, so ist, sondern weil alles im selben Atemzug immer auch anders sein könnte. Den berühmten Tanzschullehrer Elmayer, der von sich sagt, er gehe nur im T-Shirt aus dem Haus, wenn er sich in der Wiener Peripherie aufhalten würde, findet man ja nicht deshalb ein Original, weil der gute Mann seine spezielle Kleiderordnung wirklich so streng einhält, sondern weil das Ganze genauso gut eine Pose sein könnte. Bei der Lektüre von „Manieren“ darf sich jeder Reihenhausbewohner als Dandy fühlen.

„Manieren“ sind nicht deshalb ein solcher Erfolg, weil hier die Wiederkehr von Zucht und Ordnung in Aussicht gestellt wird. Das Buch ist der spielerischen Doppeldeutigkeit verpflichtet, es ist die Anleitung, sich anders zu geben als man ist und dabei kein schlechtes Gewissen zu haben. Es fordert den Deutschen auf, das zu tun, was ihm am schwersten fällt: den schönen Schein als solchen zu genießen, ohne dass dafür gleich ein Lehrstuhl für Höflichkeit eingerichtet werden muss.

Dass es, mit Verlaub, um die Manieren in Deutschland nicht so gut bestellt ist, liegt ja nicht daran, dass man sie nicht lernen könnte. Es liegt daran, dass ein freundliches, vielleicht auch falsches „Schönen guten Morgen, wie gehts?“ nicht für sich stehen darf, sondern dass jede Nettigkeit, die das Zusammenleben erleichtern könnte, einer Wahrhaftigkeits-Feuerprobe unterzogen wird. So kommt es jedenfalls, dass es auch diesem schönen Buch nicht erlaubt wird, für sich zu stehen, als die deutsch-äthiopische Antwort auf den Schmäh, über den es in Wien zurecht genügsamerweise heißt: „Wenn er rennt, dann rennt er“, sondern dass die Diskussion über „Manieren“ nur mehr darum geht, ob und wie Autoren-Prozente verteilt sind. Deutschland muss noch viel lernen.

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