Zeitung Heute : Die Provinz verlachen

Susanne Kippenberger

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

In letzter Zeit wollen mir ja alle möglichen Leute weismachen, dass ich provinziell bin. Nur weil ich finde, dass eine wahre Metropole mehrere Bahnhöfe braucht – so wie London und Paris und einst auch Berlin. Weil ich es piefig finde, wenn sich eine Hauptstadt nur einen einzigen leistet, einen ohne U-Bahn-Anschluss, auf dem die Passagiere dann auf Wunsch eines einzelnen Herrn 20 Minuten lang festgehalten werden, nur, damit die Firmenstatistik stimmt. Und weil es mich ärgert, dass mir dieser Rückschritt ins eisenbahnerische Mittelalter als Fortschritt verkauft werden soll. Als Anhängerin des Bahnhofs Zoo werde ich als wehleidige Sentimentalistin abgestempelt, die keine Ahnung hat von der großen weiten Welt: West-Berlin war gestern, heute ist Hauptbahnhof.

Aber aufgepasst, ihr Neu- und Mitte- und Wende-Berliner, die ihr meint, der Prenzlauer Berg sei der Nabel der Welt, ihr kriegt auch noch euer Fett ab. Und zwar in Wedding. Denn wo die Provinz liegt, ist ja nur eine Frage des Standorts. Von Schöneberg aus betrachtet, könnte man meinen, dass Wedding tiefste Berliner Provinz ist. Von Wedding aus gesehen, ist der Prenzlauer Berg der Hort des wahren Spießertums. Zumindest von der Bühne des Prime Time Theaters aus gesehen, das an der Müllerstraße gleich gegenüber vom Arbeitsamt liegt, zwischen SPD, Telefonläden und Dönerbuden, also am Puls der Zeit.

Mit ungeheurer Lust spielen die vier Schauspieler ihren Longseller: Seit zwei Jahren läuft „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“, eine Sitcom über deutsch-türkische, ost-westliche Beziehungen. Dass man schon 38 Folgen verpasst hat, macht gar nichts, lachen kann man auch so und das reichlich. Die Wohnzimmer-Theater-Lounge ist gemütlich, das Publikum in seiner Mischung erfrischend, die Bouletten sind Kult und: Dieses Theater hat einen U-Bahn-Anschluss. Direkt vor der Haustür.

Das nenne ich Hauptstadt. Zu Preisen wie auf dem Dorf.

Prime Time Theater, Müllerstraße 163 b, Tel. 49 90 79 58 , www.primetimetheater.de.

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