Zeitung Heute : Die Rache der Gekränkten

Warum es Franziska van Almsick bei den Berliner Schwimm-Europameisterschaften nicht nur um Titel geht

NAME

Von Frank Bachner

Man muss sich nur dieses Hüpfen ansehen. Franziska van Almsick springt ja nicht einfach hoch. Sie hopst hinter dem Startblock auf die Zuschauer zu, ein, zwei Meter weit, und die Hüpfer haben etwas Ungelenkes. Aber damit auch etwas Authentisches. Sie hat gerade Gold gewonnen bei der Schwimm-Europameisterschaft in Berlin, ihr drittes Gold, diesmal in einem Einzelrennen, über die 100 Meter Freistil. Stev Theloke, ihr Nationalmannschaftskollege, hatte einen Tag zuvor Gold über 100 Meter Rücken gewonnen. Nachdem er aus dem Wasser geklettert war, verbeugte er sich theatralisch zum Publikum, und als er zu den Journalisten stieß, zeigte er das Victoryzeichen, streckte beide Arme in die Höhe. Er war zum achten Mal Europameister geworden. Van Almsick zum 19. Mal. Theloke machte die große Geste. Van Almsick hopste. Das ist der Unterschied.

Der 19. EM-Titel: Das ist ein bisschen irreführend. Denn am Mittwoch gewann die 24-Jährige ihren ersten Einzel-Titel seit 1995, und natürlich ist das etwas Besonderes. Andererseits wurde sie 1998 Weltmeisterin mit der Staffel, und mit der Staffel holte sie bei der EM auch schon zwei Goldmedaillen. Der Titel allein konnte also nicht der Grund für diesen Gefühlsausbruch sein. Der Jubel war es, der Beifall dieses Publikums, das war entscheidend. „So viel Applaus habe ich in den letzten zehn Jahren nicht erhalten“, sagte van Almsick, und ein Kameramann des Fernsehens fing Tränen in ihren Augen ein. „Das ist der schönste Tag, den ich seit langem hatte“, sagte sie. Und nach kurzem Nachdenken schob sie nach: „Nein, vielleicht war es der schönste Tag in meinem Leben.“

Spätestens da wurde klar, das es hier nicht mehr bloß um einen Titel oder eine Weltklassezeit geht. Franziska van Almsick ist bei diesen Europameisterschaften auf Mission in eigener Sache. Sie will endlich Respekt. Sie hat diesen ganz banalen Wunsch: Jemand möge sagen, „du bist eine gute Schwimmerin“. Und dann den Mund halten. Ihre Medaillen, ihre Leistungen sollen für sich stehen. Und nicht vom Bild der Werbemillionärin, des Medienphänomens, des Glamourgirls verdrängt werden. Es ist der erbitterte Kampf der Franziska van Almsick, als ganz normale Sportlerin wahrgenommen zu werden.

Berlin ist ideal für ihre Mission. Sie ist in exzellenter Form, starke nicht-europäische Konkurrentinnen dürfen nicht starten, vor allem aber hat Franziska van Almsick aus Berlin-Treptow ein Heimspiel. Morgen schwimmt sie über 200 Meter Freistil. Es ist ihre Spezialstrecke, dort hält sie den Weltrekord seit 1994, und in diesem Jahr ist keine andere Frau auf der Welt schneller über diese Distanz geschwommen als sie. Gold über 200 Meter, das wäre der Höhepunkt.

Diese Sehnsucht nach Respekt ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb sie immer noch schwimmt. Sie hätte sich ja längst zurückziehen können aus dem Sport. Sie ist Millionärin, und für die Werbung ist sie längst nicht mehr bloß als Schwimmerin interessant. Sie hatte einen Bandscheibenvorfall, einen komplizierten Handbruch – andere hätten schon lange aufgegeben. Nicht Franziska van Almsick. Sie hatte noch eine Rechnung offen. Sie wollte es allen, allen zeigen. Denn die Häme und die bösen Kommentare haben tiefe Spuren hinterlassen.

Als sie 1992 mit 14 Jahren bei den Olympischen Spielen zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen gewann, wurde sie in den Himmel gehoben. Sie war das Wunderkind, das von nun an grotesk überhöhten Ansprüchen zu genügen hatte. Jede Äußerung von ihr konnte ein mediales Erdbeben auslösen. Als sie bei der EM 1995 in Wien durch unglückliche Aussagen in einem Zeitungsinterview, die noch durch eine Manipulation des Blattes drastisch verschärft wurden, als Hitler-Verharmloserin erschien, war das eine Meldung in den Fernsehnachrichten: van Almsick, die geistige Brandstifterin. Die Journalisten hefteten sich an ihre Fersen, die 17-Jährige floh vor ihnen, setzte sich ins Auto, fuhr irgendwohin, wo sie alleine war und heulte, weil sie mit all dem, diesen Ansprüchen und den eigenen Erwartungen, nicht klar kam.

Nicht anders war es bei den Olympischen Spielen 1996. Gold über 200 Meter Freistil wollte sie, und alle Welt erwartete das von ihr. Es reichte nur zu Silber, und Franziska van Alsmick, grenzenlos enttäuscht, hätte am liebsten noch mehr geheult.

Damals begannen diese Gedanken: dass sie es allen zeigen musste. Sie wurde 1998 Weltmeisterin, aber das war ein Staffel-Titel, das war nicht der große Triumph. Den wollte sie in Sydney, bei den Olympischen Spielen 2000. Aber die Weltrekordlerin kam auf ihrer 200-Meter-Spezialstrecke nicht einmal ins Finale, und als sie sich tief enttäuscht in ihrem schwarzen Schwimmanzug aus dem Wasser quälte, drückte ein Fotograf ab. Das Bild erschien auf der Titelseite einer Boulevardzeitung, versehen mit dem beißenden Spott: „Franzi van Speck. Als Molch holt man kein Gold.“

Es war die tiefste Verletzung, die Franziska van Almsick erlitt. Und sie war wehrlos dagegen. Denn es ist ihr nie gelungen, die Rolle des Superstars anzunehmen. Also hat sie auch nicht gelernt, mit den Regeln dieser Rolle umzugehen. Wirkliche Stars haben die Fähigkeit, sich zu spalten. Sie geben die öffentliche Figur, die sich inszeniert. Kritik empfinden diese Promis als Angriff auf diese öffentliche Figur. Die andere Figur, die private Person, trifft diese Kritik nicht. Aber Franziska van Almsick konnte sich nicht spalten.

Nur eins hat sie gelernt: Sie ist vorsichtiger geworden. Aber diese peinliche Glätte, diese aufdringliche Künstlichkeit, wie sie so viele andere haben, die gibt es bei Franziska van Almsick nicht. Sie ist launisch, aber sie hat nie abgehoben.

Und sie hat nicht zu kämpfen aufgehört. Die Anerkennung als Sportlerin, das ist das Ziel ihrer Mission. Jetzt, bei dieser EM, spürt sie, dass sie ganz nahe daran ist. Jetzt hat sie ihn, den Respekt, den sie immer wollte. Nach dem 100-Meter-Freistil-Rennen sagte sie: „Ich habe nur Angst, dass das alles schnell wieder vorbei ist.“ Doch wenn sie jetzt noch die 200 Meter gewinnen würde, dann wüsste sie: Mission erfüllt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben