Zeitung Heute : Die Rache des Partisanen

Selbst den abtrünnigen Bruder will er ermorden lassen. Wie Öcalan in der Haft Todesurteile spricht und die PKK in einem blutigen Kampf zerfällt

Susanne Güsten[Diyarbakir]

Zehn Jahre lang saß Kani Yilmaz in türkischen Gefängnissen, drei Jahre in britischer und deutscher Haft. Die PKK war es ihm wert. Insgesamt 30 Jahre lang kämpfte er mit allen Mitteln für die kurdische Sache, er zählt zu den Mitbegründern der Rebellengruppe, die jahrelang die Türkei bekriegte. Yilmaz war ihr Europachef und befehligte in den 90er Jahren serienweise Angriffe und Brandanschläge in Deutschland. Doch am 28.Juli dieses Jahres hatte Kani Yilmaz plötzlich genug von der PKK.

„Mein Gewissen lässt mir keine andere Wahl“, schrieb er in einem offenen Brief „an das kurdische Volk“. Wie kam es zu dieser wundersamen Wandlung? Die einst stalinistische Kampftruppe hatte sich 1999 mit der Verhaftung ihres Führers Abdullah Öcalan von der Gewalt losgesagt und wollte sich in eine politische Organisation wandeln. Aber alle Versuche zur Demokratisierung seien fehlgeschlagen, schreibt Yilmaz in seinem Brief. Die PKK werde von Extremisten dominiert, die keine Beziehung mehr zum kurdischen Volk hätten und „nur um des Kampfes willen kämpfen“. Deshalb sage er sich jetzt von der PKK los. „Zweifellos werde ich nun als Verräter gebrandmarkt“, schrieb der 54-Jährige.

Lange musste Yilmaz nicht warten. „Das ist der schmutzigste Verrat in der Geschichte der Kurden“, empörte sich die verbliebene PKK-Führung kürzlich in ihrem Zentralorgan, der in Deutschland erscheinenden Zeitung „Özgür Politika“. Alle Abtrünnigen müssten erledigt werden, befahl PKK-Chef Abdullah Öcalan aus seiner Zelle auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali: „Tut das Notwendige.“ Über den PKK-Sender Roj TV, der via Satellit aus Dänemark in die Welt sendet, wurde der Hinrichtungsbefehl verbreitet. „Das ist der übliche Weg der Organisation, die Liquidation bestimmter Personen zu veranlassen“, sagt Yilmaz, der inzwischen untergetaucht ist und sich per Internet an die kurdische Öffentlichkeit wendet. Selbst die Schergen, die mit der Vollstreckung beauftragt sind, will der PKK-Veteran kennen.

Die Vollstrecker haben derzeit viel zu tun. Reihenweise setzen sich Führungsmitglieder der PKK ab; alleine in den letzten drei Monaten floh das halbe Zentralkomitee. Viele suchen Zuflucht bei den irakischen Kurden, deren Sicherheitskräfte kürzlich ein PKK-Killerkommando beim Überfall auf ein Versteck in der nordirakischen Stadt Mossul schnappten. Andere haben weniger Glück; die flüchtigen PKK-Mitglieder berichten von internen Folterungen und Hinrichtungen.

Die einst eisern geschlossene Kampftruppe PKK, die jedes Jahr ihren Namen ändert und derzeit Kongra-Gel heißt, zerfällt inzwischen in „Kollaborateure“ und „Verräter“, wie sie sich gegenseitig beschimpfen. Ideologisch geht es um die Beziehungen zu den irakischen Kurden, um den bewaffneten Kampf gegen die Türkei und um den inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan. In Wirklichkeit geht es um den bitteren und blutigen Todeskampf einer totalitären Organisation, die ihren Existenzzweck verloren hat. Offene Rechnungen aus drei Jahrzehnten erzwungener Einigkeit werden dabei mit den alten Methoden beglichen, und gleichsam im Sturz reißen die Rebellen den kurdischen Südosten der Türkei wieder hinab in den Krieg.

„Hier zieht wohl bald jeder als eigene Partisanentruppe los“, tobt PKK-Chef Abdullah Öcalan, dessen Führungsanspruch trotz der seit fünfeinhalb Jahren andauernden Einzelhaft auf der Gefängnisinsel Imrali ungebrochen ist. Ungehindert lenkt Öcalan von der Zelle aus seine Organisation, diktiert Strategie und Taktik der Kurdengruppierungen in der Türkei wie in Europa und bestimmt sogar ihre Funktionäre bis hin zu den Chefredakteuren der PKK-Medien. Übermittelt werden Öcalans Befehle von seinen Anwälten, deren Protokolle ihrer Besuche beim PKK-Chef wie Dekrete in der Kurdenbewegung zirkulieren. Dass die Protokolle, die dem Tagesspiegel vorliegen, offenbar keiner Zensur durch die türkische Justiz unterliegen, weckt inzwischen bei immer mehr PKK-Anhängern Zweifel an Öcalans Rolle. Ist er eine Marionette der Armee, die ihm seine Befehle diktiert – und seine Kommunikation mit der Außenwelt deshalb unzensiert durchgehen lässt? Ist er ein Opportunist, der durch Zusammenarbeit mit dem türkischen Staat seine Freiheit zu erkaufen hofft? So viele Ansichten es dazu in der Kurdenbewegung gibt, so viele Fraktionen gibt es inzwischen in der PKK, in der Fraktionsbildung als Hochverrat gilt. Noch haben Öcalans Anhänger die Organisation im Griff, weil sie die PKK-Zeitungen und -Sender kontrollieren, doch die Kräfteverhältnisse ändern sich mit jedem Tag: Aus Protest gegen das Todesurteil gegen Kani Yilmaz verließen erst am 31.August wieder 17 prominente Guerillaführer die PKK.

Die Entscheidung erfordert Mut. „Sie wird die Rechnung bezahlen“, sagte Öcalan seinen Anwälten, als sich im Mai die vormalige PKK-Sprecherin Mizgin Sen von den Rebellen trennte. „Mizgin kann nicht einfach gehen. Macht sie unschädlich.“ Kurz darauf soll Mizgin Sen von PKK-Häschern abgeholt worden sein, wie ihre Sympathisanten berichten, seither hat nie wieder jemand von ihr gehört. „Wenn künftig noch einmal jemand Verrat gegen mich begehen will, dann sagt ihnen, dass ich noch lebe und atme – und dass es ihnen genauso ergehen wird.“ Doch die die Lawine der Austritte rollt immer schneller.

„Ihr hättet sie schon vor fünf Jahren abwürgen müssen“, fuhr Öcalan seine Anwälte Ende August an und schloss ausdrücklich seinen Bruder mit ein. Osman Öcalan, der jüngere Bruder des PKK-Chefs und altgediente Guerillakommandant, zählt zu den bekanntesten Dissidenten. Um ihn sammeln sich in Mossul die Abtrünnigen. Statt auf eine Zukunft für die Kurden in einer demokratisierten Türkei zu setzen, wie Abdullah Öcalan das tut, propagiert Osman die Zusammenarbeit mit den irakischen Kurden, die immerhin ein eigenes Bundesland im Irak bekommen. Der PKK-Chef, der die irakischen Kurdenführer bis aufs Blut hasst, ist außer sich vor Wut. „Osman verkauft meinen Nachnamen“, ereifert er sich. Wenn er das geahnt hätte, sagt Abdullah Öcalan, dann hätte er den Bruder beizeiten mit eigenen Händen erdrosselt.

Das glaubt Osman Öcalan sicher gerne, denn zwischen den Brüdern sind außer ideologischen Differenzen noch andere Rechnungen offen. In dem epischen Bruderzwist versuchte der jüngere Öcalan schon vor zehn Jahren einmal die Flucht aus der PKK, wurde aber zurückgeholt, zum Tode verurteilt und erst nach vier Jahren begnadigt. Osman verließ im Mai dieses Jahres das PKK-Lager in den nordirakischen Kandil-Bergen und floh mit weiteren Führungsmitgliedern in die Obhut der nordirakischen Kurden nach Mossul, wo sie sogleich mit dem Aufbau einer neuen Partei – der Patriotischen Demokratischen Partei (PWD) – begannen. Die neue Partei erklärt sich mit den irakischen Kurden solidarisch und fordert einen gewaltfreien Kampf für die Rechte der türkischen Kurden – ein Seitenhieb auf die PKK, deren Truppen seit drei Monaten wieder im Südosten der Türkei angreifen.

Die PKK-Kämpfer kündigten auf eigene Faust am 1. Juni ihre Waffenruhe mit der Türkei, weil ihnen die Regierung die geforderte Generalamnestie verweigerte, sie gingen wieder zum Angriff über – obwohl Öcalan sich das verbeten hatte. Nur zur Selbstverteidigung dürften die Rebellen kämpfen, ließ er ausrichten, nicht aber angreifen. Doch auf sein Kommando hören auch die Guerrillatruppen nicht mehr. Mindestens 200 türkische Soldaten und Polizisten will die PKK nach eigenen Angaben seit Juni getötet haben, während sie ihre eigenen Verluste auf unter 40 Mann beziffert. Eine Bilanz, die kaum nach reiner Selbstverteidigung aussieht.

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