Zeitung Heute : Die Rache ist digital

Von harmlosen Streichen bis zu massiver Belästigung: Das Internet wird immer öfter für die persönliche Vergeltung missbraucht

Hannah Pilarczyk

Köln, an einem Abend im Februar. Ein junger Mann auf dem Weg zu seinem „Blind Date“. Schnell kauft er noch eine rote Rose – das Erkennungszeichen. Er ist mit der Unbekannten aus dem Internet zum Kino verabredet. Wie sie wohl aussieht? Er ist auf eine Überraschung vorbereitet, doch nicht auf diese. Statt einer einzigen Frau streckt ihm der ganze Kinosaal eine Rose entgegen. Die Freundin des jungen Mannes hat sich an dem Fremdgeher gerächt. Und mit ihr der „Rache-Club“.

Der „Rache-Club“ hat sich unter „www.rache-ist-suess.de“ organisiert. Die Homepage ist nur ein Beispiel dafür, wie das Internet für Vergeltungsschläge missbraucht werden kann. Der Schritt vom Streich zur Straftat ist dabei schnell gemacht, denn die vermeintliche Anonymität des Netzes verführt Rachedurstige dazu, ihre Opfer teils massiv zu bedrängen. Zudem lassen sich beleidigende SMS und E-Mails übers Internet schneller und billiger verschicken als über Post und Telefon. Dauert die Belästigung an, wird sie auch „Cyber-Stalking“ genannt. Als „Stalker“ bezeichnet man Personen, die ihre Opfer – ob Lieblingsstar oder Ex-Partner – durch Briefe, Anrufe oder Besuche bedrängen und verfolgen. An der TU Darmstadt läuft zurzeit das erste deutsche Forschungsprojekt zum Phänomen „Stalking“. Erste Ergebnisse sind bereits bekannt: 85 Prozent aller Stalker in Deutschland sind Männer, ihre Opfer zu 86 Prozent weiblich. Über 35 Prozent der Stalker nutzen mittlerweile das Internet, um ihre Opfer zu belästigen. Durchschnittlich dauert das Cyber-Stalking 18 Monate. In solchen Fällen ist die Rache per Internet ein Fall für den Rechtsanwalt.

Doch nicht alle Racheakte zielen auf Einschüchterung ab. Auch online abrufbare Angebote wie Probe-Abos für Zeitungen oder die Anmeldung zur GEZ werden missbraucht, um anderen eins auszuwischen. Die am weitesten verbreitete Form der Cyber-Revanche sind jedoch so genannte Rache-Foren, die explizit dazu einladen, über Ex-Partner und Kollegen herzuziehen.

So ein Forum findet sich auch unter „www.rache–ist-suess.de“. Wer mit mehr als Worten schädigen will, kriegt hier konkrete Tipps von anderen Usern: Abführtropfen ins Getränk, abgebrochener Zahnstocher ins Türschloss und andere Geschmacklosigkeiten werden hier propagiert. Für den großen Racheakt wie den Kino-Stunt hält die Homepage den „Rache-Club“ bereit. Über 10 000 Mitglieder stehen als „potenzielle Komplizen“ zur Verfügung. Einzige Bedingung für die konzertierten Streiche: „legal und möglichst humorvoll“, so Homepage- und Club-Betreiber Björn Jörges.

„Wut und Frust“ brachten Rechtsanwalt Jörges dazu, die erste deutsche Rache-Community zu gründen. Während des Jura-Studiums klaute ihm ein Kommilitone eine Hausarbeit und erhielt sogar eine bessere Note. Statt sich beim Professor zu beschweren, machte sich Jörges auf seiner Homepage Luft. Ein Wutausbruch mit Folgen: Schnell fanden sich andere „Opfer“ ein, die sich über ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Peiniger ausließen. Wie mit dem Ansturm umgehen? Am Stammtisch kam Jörges schließlich auf die Idee, Rache-Forum und -Club zu gründen. Zehn Jahre ist das her. Die Tonlage des Stammtischs, die markigen Sprüche und die hetzenden Parolen ist „rache-ist-suess.de“ aber nicht losgeworden.

„Agnes A., dieses billige Miststück, ist das größte, dümmste und widerlichste Luder, das im ganzen Ruhrgebiet rumläuft!“ – Pöbeleien wie diese eines Anonymus über die Ex-Freundin des besten Freundes haben in Rache-Foren Tradition. Schon 1983 gründete sich mit Alt.Revenge die erste News Group, die sich der Schmähung verschrieb. Härteste Form der verbalen Vendetta sind jedoch die so genannten „hate pages“. Sie hat Klaus Neumann-Braun, Professor an der Uni Koblenz-Landau, untersucht.

Anders als in den Rache-Foren sind oft Prominente Ziel von Hass-Seiten. „Wo es begeisterte Fans gibt, gibt es auch begeisterte Hasser“, erklärt Neumann-Braun. Am Beispiel einer Hass-Seite zu Pop-Sängerin Jasmin Wagner alias Blümchen hat der Soziologe analysiert, was User dazu bringt, ihren Ressentiments freien Lauf zu lassen. Seine Ergebnisse: Die Anonymität des Internet fördert die Enthemmung, wichtiger erscheint ihm jedoch die „integrative Wirkung“ von Hass. Gemeinsam träten die User in einen „Identitätswettbewerb“ um den stärksten Spruch. Auf der Anti-Blümchen-Seite etwa versuchten User, sich mit den übelsten Straf- und Folterwünschen für die Sängerin zu übertreffen. Aber nur selten verlassen die User dabei die spielerische Ebene, sagt Neumann-Braun. „Oft gibt es keinen Unterschied zu Schülern, die an der Bushaltestelle heftig lästern.“ Das Fazit: „Im Netz vollzogene Racheakte sind in der Regel kindisch, kleinlich, plump, obszön, rüde und zuweilen kriminell.“

Rechtsanwalt Volkmar von Pechstaedt ist Spezialist für Cyber-Stalking-Fälle. Er sieht die Aktivitäten seines Kollegen Jörges vom Rache-Club „hart an der Grenze der Legalität“. Hass-Tiraden aus den Foren erfüllten oft den Tatbestand der Beleidigung und stünden damit unter Strafe, so der Kasseler Rechtsanwalt. Die rechtliche Lage der Opfer ist trotzdem schwierig, denn Stalking ist in Deutschland kein eigener Straftatbestand. Unter „übler Nachrede“ oder „Nötigung“ wird die Tat nur ungenügend erfasst. Von Pechstaedt warnt die Täter dennoch: „Man kann sich im Internet nicht verstecken.“

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