Zeitung Heute : Die Räuber der Unschuld - Wolfgang Joop kritisiert die Modebranche

Die aktuelle Ausgabe der Modezeitschrift "Vogue" steht seit vergangenen Dienstag auf dem Index. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften hat verfügt, dass das Heft an Jugendliche unter 18 Jahren nicht mehr verkauft werden darf. Zwei minderjährige Mädchen, fünf und sieben Jahre alt, werden darin in einer Modestrecke (Überschrift: "Märchenspiele - Puck, Fee oder kleine Diva: zwei Kinder und ihre Beauty-Träume") stark geschminkt und teilweise nackt gezeigt. Das Heft sei daher geeignet, "Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren", begründet die Prüfstelle ihre Entscheidung.

Die Welt der Mode hat ein Problem: Mit der Welt außerhalb hat man nur wenig Kontakt. Von Stylisten über Fotographen bis nun offenbar auch der Chefredaktion einer Modezeitschrift scheint sich niemand wirklich um die Realität da draußen zu kümmern: Man ist sich selbst genug. Wie sonst soll man sich erklären, dass diese Päderasten-Modestrecke veröffentlicht wurde?

Auch die Welt der Mode muss lernen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, doch dazu braucht man Distanz zur eigenen Arbeit, Distanz zu sich selbst. Vielleicht stimmt die Indizierung einige aus der Branche nachdenklich. Ich würde mir das wünschen!

Man muss wissen, dass die Drahtzieher im Geschäft mit Schönheit und Sexualität weiterhin Männer sind, deren "Nachfrage" das "Angebot" regelt. Die oft nicht eingestandene Verunsicherung und Schwäche dieser Männer leisten dem erschreckenden Hang zur Pädophilie Vorschub. Die "Täter" im Mode- und Modelgewerbe sind nicht in erster Linie die Stylisten oder Fotographen (denen muss man mangelnde Verantwortung vorwerfen). Nein, es sind jene "Dirty Old Men", die die Welt der Mode als persönliche Jagdgründe sehen. Männer wie Donald Trump, die in gewissen Kreisen als "Womanizer" respektiert werden und seit einiger Zeit in das Geschäft drängen.

Versuche mit der scheinbaren Naivität "unserer Kleinen" unser Konsumverhalten zu stimulieren, gibt es längst überall. Auftritte von Babys und Kindern werden in Werbespots bis tief in die Nacht gezeigt und sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Auch über diese Art von Missbrauch sollten wir nachdenken: Ist so etwas wirklich akzeptabel?

Moralapostel haben in der Modewelt einen schweren Stand: Schließlich erzeugt auch Tabuverletzung den erwünschten Hype, der das Geschäft antreibt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Macher unsere Gesellschaft reflektieren und illustrieren, im Guten wie im Schlechten. Im positiven Fall erschaffen sie Illusionen als Flucht vor der Realität, die uns umgibt. Kindliche Models auf Laufstegen und Modefotos bebildern auch die Sehnsucht nach "Unschuld" als Kontrast zu unserer Zeit. Dass diesen Models viel zu oft die eigene Unschuld genommen wird, dafür will plötzlich niemand Verantwortung übernehmen.

Chefredakteurinnen und -redakteure dieser Blätter müssten verantwortlich gemacht werden für eine eventuell zweifelhafte Botschaft ihrer Bilder, doch mir scheint, das ist ein sinnloses Unterfangen. Von ihnen ist offenbar ein Sich-selbst-in-Frage-stellen nicht zu erwarten. Es geht in dieser Welt zu oft nur um die Oberfläche der Dinge - und damit eigentlich um nicht allzuviel. Pardon, liebe deutsche "Vogue"! Aber ist es etwa anders?

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