Zeitung Heute : Die Raststadt

An der Autobahn A3 liegt der größte Pausenstopp in Deutschland. In der Urlaubszeit schwillt die Zahl der Besucher auf bis zu 40000 – am Tag. Anton Strohofer ist der heimliche Bürgermeister dieser Stadt für Reisende.

Roland Schulz

Wenn man alles abzöge von der großen Summe des Lebens von Anton Strohofer, die Millionen Liter Benzin, die er verkauft, Hunderttausende Menschen, die er beherbergt, Tausende Lastwagen, die er repariert hat; wenn man außerdem alle Legenden über ihn beiseite ließe, schließlich auch das viele Geld abzöge, das er verdient, die unzähligen Freunde und Feinde, die er sich dabei gemacht, die ganzen Pläne, die er verwirklicht hat – wenn man also alles das abzöge vom Leben des Anton Strohofer, dann bliebe noch immer ein Mann von ungeheurer Fülle.

Anton Strohofer ist ein dicker Mensch. Sein Gewicht ist derart, dass auch wohl geschnittene Kleidung es nicht zu verbergen vermag, und er selbst sagt manchmal im Witz, seine Statur ähnele der Buddhas. Und doch wirkt er nicht feist: Die Masse seines Körpers fügt sich gut in das Bild dieses Mannes, von dem man vieles sagen kann, nur eines aber mit Sicherheit – er sprengt jede Dimension.

Anton Strohofer, 65 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und Großvater von 18 Enkeln, ist ein Mann der verwirrenden Vielfalt: strenggläubiger Katholik, aber eng befreundet mit Heavy-Metal-Bands wie „Manowar“, die ihre Konzerte als „Hölle auf Erden“ preisen. Erzkonservativer Bayer, aber er feiert für sein Leben gerne mit böse tätowierten Motorradfahrern. Reicher Unternehmer, aber er fühlt sich am wohlsten, wenn er mit dem Unimog Dreck wegfährt. „Ich bin, was ich bin“, sagt Anton Strohofer, der Herr vom Autohof in Geiselwind, Deutschlands größter Raststätte, gelegen an der A3 zwischen Nürnberg und Würzburg.

An der Ausfahrt 76, am Fuße des Steigerwalds in Unterfranken, finden sich hier auf 48 Hektar Land drei Tankstellen, ein Restaurant, zwei Fast-Food-Filialen, 3000 gewöhnliche und 600 für Trucks ausgelegte Parkplätze, eine Auto- und eine LKW-Werkstatt, drei Waschstraßen; es gibt ein Hotel mit 160 Betten, einem halben Dutzend Tagungsräumen, Spielcasino und Schwimmbad nebst finnischer Sauna und osmanischem Dampfbad, außerdem eine Veranstaltungshalle von der Größe eines Flughafenterminals, eine Diskothek, eine Bar, ein Internet-Café, eine eigene Metzgerei und eine eigene Kirche, die rund um die Uhr geöffnet ist, wie fast alles in Geiselwind – und wer sich schon jetzt nicht mehr auskennt, der hat das Wichtigste bereits verstanden: Die Raststätte ist ein Moloch.

Seit 24 Jahren wächst sie, ohne Unterlass. „Wir sind wie eine kleine Stadt“, sagt Anton Strohofer. Eine Stadt, die jeden Tag von 1500 Lastwagen angefahren wird, dazu kommen über 50 Reisebusse, die Autos zählen sie schon gar nicht mehr. Eine Stadt, die nur 200 Einwohner hat, so viele Menschen arbeiten dort, die aber jeden Tag rund 10 000 Reisende aufnimmt, zur Ferienzeit im Sommer oft mehr, wenn sich an Wochenenden hier drei- bis viermal so viele Menschen zu Heavy-Metal-Konzerten oder Trucker-Festivals treffen. Eine Stadt, die eine eigene Zeitschrift herausgibt, um den Besuchern die Menge ihrer Angebote erklären zu können. Die Zeitschrift heißt „Toni’s Journal“, so wie die Metzgerei „Toni’s Metzgerei“ heißt und das Restaurant „Toni’s Rasthof“.

Toni, das ist Anton Strohofers Spitzname. Es gibt Menschen, die nennen ihn auch „Pate von Geiselwind“, „Superlativ-Toni“ oder „Raststättenkönig vom Steigerwald“, aber das hört Anton Strohofer gar nicht gerne. „Das sind Flausen“, sagt er. Für gewöhnlich wirkt sein Gesicht, geprägt von einem schiefergrauen Schnauzbart und einer eckigen Brille, so freundlich wie das eines in Würde gealterten Privatiers, doch wenn die Sprache auf seine zahlreichen Beinamen kommt, werden Anton Strohofers Lippen schmal und seine Rede knapp. Er argwöhnt dahinter böse Absicht oder Spott. Er weiß, dass manche Menschen im Dorf Geiselwind, das auch noch existiert, auf der anderen Seite der Autobahn, ihm seinen Erfolg neiden und deshalb laut mit Lob über ihn sprechen, leise aber mit Fluch. Er hätte es lieber, man würde ihn statt mit diesen Beinamen so bezeichnen, wie er sich selbst sieht: „Ich bin ein fleißiger Mann, ich verdiene gerne Geld, und ich gebe es gerne aus – für mein Unternehmen. Ich bin ein Macher.“ Anton Strohofer schätzt es auch nicht, wenn Geiselwind eine Autobahnraststätte genannt wird. Er bevorzugt den Begriff „Erlebnisrasthof“. Was das bedeutet, zeigt er auf einer Fahrt durch sein Reich. „Man muss das gesehen haben“, sagt er, „sonst begreift man’s nicht.“

Anton Strohofer nimmt immer den Wagen, wenn er sich auf seinem Terrain bewegt. Es ist ein silbergrauer Mercedes, auf dessen Armaturenbrett ein Amulett des Heiligen Christopherus angebracht ist, Schutzheiliger der Reisenden, das ist Strohofer, der jeden Sonntag die Messe besucht, Ehrenpflicht und Mahnung zugleich. Er fährt nie schnell. Gemächlich rollt er durch sein Reich, ein wuchtiger Mann in einem wuchtigen Wagen, der immer wieder einmal einen Gast oder Mitarbeiter mit einem Kopfnicken grüßt. Er fährt zuerst dorthin, wo alles begann – zu „Toni’s Rasthof“. Das Restaurant und die Tankstelle daneben waren die ersten Gebäude, die er baute. „Damals“, sagt er, „haben mich alle für verrückt erklärt.“

Damals, das waren die 60er und 70er Jahre. 1964 wurde die Autobahn zwischen Nürnberg und Würzburg gebaut, vierspurig und direkt durch die Felder der Familie Strohofer. Anton Strohofer war Bauer aus Zwang: Weil sein Vater im Zweiten Weltkrieg gefallen war und in den Jahren nach dem Krieg sein ältester Bruder bei einem Unfall starb, musste er mit 14 Jahren eine Lehre als Landwirt anfangen. Eigentlich hatte er Elektriker werden wollen. Als die Bauarbeiten an der Autobahn begannen, sahen viele Bauern längs der Trasse sie als Bedrohung. Strohofer sah sie als Chance.

1970 fing er an, als Tankwart auf dem nahen Rasthof Steigerwald zu arbeiten. So lernte er das Geschäft kennen, das die Autobahn mit sich brachte – und vor allem die Menschen, die auf ihr fuhren. Nachtschicht auf Nachtschicht unterhielt sich Strohofer mit den Truckern, er hörte genau auf ihre Bedürfnisse. Schon damals sagte er jedem, er werde bald seinen eigenen Rasthof besitzen. Geglaubt habe ihm das niemand, sagt er. Doch 1979 begann er zu bauen, auf fünf Hektar, und am 26. Juni 1981 feierte er die Eröffnung seines Betriebes. Seine ganze Familie half, das hat er bis heute beibehalten, die wichtigsten Stellen in der Firma haben alle Familienmitglieder inne.

Strohofer setzte von Anfang an auf die Fernfahrer und ihren Wunsch nach einem Ort, den sie nach dem Tanken nicht schnell wieder verlassen müssen. Er gab ihnen die Möglichkeit zu duschen, bot einen Stammtisch, einen Fernsehraum, installierte im Restaurant CB-Funk und wies eine Mitarbeiterin an, sich jeden Tag auf Kanal Acht, dem Trucker-Kanal, mit den Fernfahrern zu unterhalten, das Mittagsmenü durchzusagen, sie zu lotsen. Es dauerte nicht lange und Geiselwind galt unter Truckern als die Oase an der A3.

Anton Strohofer erinnert sich gerne an die Zeit des Anfangs. Damals entstand ein Lied, das er noch heute auswendig weiß, und so räuspert er sich und hebt das Singen an: „Ich mache gern ’nen Stopp im Rasthof Geiselwind/ da ist es gemütlich wie zu Haus’/ ich mache gern ’nen Stopp im Rasthof Geiselwind/ die Küche ist sehr gut, der Service lockt und stimmt.“ Das Lied ist von Tom Astor, dem Country-Sänger, allerdings bevor er 1984 mit „Hallo, guten Morgen, Deutschland“ einen Hit hatte. Er gehört zu den regelmäßigen Gästen in Geiselwind. „Nach dem Lied werden wir noch heute gefragt“, sagt Anton Strohofer stolz. Genauso wie nach dem zweiten Lied aus der Anfangszeit. Gunter Gabriel, auch ein Country-Sänger, auch ein Freund Strohofers, dichtete: „Geiselwind, Geiselwind/ der Himmel beginnt in Geiselwind/, da, wo die Trucker zu Hause sind“. Mit diesem Lied bekam Strohofers Anlage endgültig einen Namen auf Deutschlands Autobahnen – Geiselwind, der Himmel der Fernfahrer.

Diesen Ruf hat es noch heute. Jüngst erst hat ein Fernsehsender aus den USA eine Liste der besten Truck-Stopps der Welt aufgestellt. Auf dem ersten Platz: Geiselwind. Der Sender nannte es „das Mekka des Highway-Himmels“ und Vorbild für alle Rasthöfe. Anton Strohofer findet das ganz richtig. „Wer Geiselwind nicht kennt“, sagt er und lenkt sein Auto zu den neueren Gebäuden seines Geländes, „der hat die Welt verpennt.“

Es ist einer dieser Sätze, die Strohofer dutzendfach im Repertoire hat, kleine Sentenzen, irgendwo zwischen Kalenderspruch, Floskel und Schlagzeile angesiedelt. Er liebt diese Sätze. Seine Favoriten sind: „Ich bin Unternehmer, nicht Unterlasser“, sein Klassiker, „Mir sind 110 Cent lieber als ein Euro“, die Maxime seines Wirtschaftens, und schließlich: „Mein Motto heißt wachsen, nicht schrumpfen“, was ihn besser beschreibt als alles andere.

Er hat sein Reich mit solcher Geschwindigkeit ausgebaut, dass die Gebäude und Parkplätze wie ein einziger wuchernder Komplex wirken, wenn er die einzelnen Bauabschnitte nacheinander abfährt – die Diskothek „Music Hall“, Treffpunkt zum „Abfeiern, Abtanzen und Abrocken“, das Hotel, dessen Front mit Werbebotschaften aus Neonröhren bepflanzt ist, die Veranstaltungshalle, bei der Architekten vermutlich Albträume bekämen, so zweckgemäß sieht sie aus. Hier finden die Konzerte statt, die Strohofer zum zweiten Standbein seines Unternehmens gemacht hat, lange bevor die Steuern auf Benzin ihm sein Kerngeschäft verdarben. Die „Kastelruther Spatzen“ spielten schon hier, „Status Quo“, „Truck Stop“ und natürlich Gunter Gabriel oder Tom Astor, mit dem Strohofer jeden ersten Adventssamstag zur „Country-Weihnacht“ in Geiselwind lädt. Strohofer macht dann den Nikolaus. Country ist seine Musik. Country, sagt er, sei ehrliche Volksmusik, die den Menschen in die Seele und aufs Maul schaue. Er hat einst sogar die Country-Legenden Willie Nelson und Johnny Cash nach Geiselwind geholt: „Johnny Cash hat bei uns schon Linseneintopf gegessen.“

Anton Strohofer hält sich nicht lange bei den bereits bestehenden Gebäuden auf, er fährt sogleich weiter, bis in die noch unbebauten Hügel hinter dem Rasthof. Hier, auf diesen Flächen, kampieren sommers die Besucher der Geiselwind- Festivals, die „Earthshaker“ heißen, „Trucker&Country Festival“ oder „Bike Weekend“, ein weiteres Nebengeschäft. Dann kommen Heavy-Metal-Bands wie „Manowar“ mit ihrer Hölle auf Erden, dann ist Geiselwind voll mit Gestalten, die ihre Motorräder im Kreis jagen, bis die Reifen qualmen, und die ansonsten das Bier, die Frauen und vor allem böse Tätowierungen gut heißen. Der Chef ist da immer mittendrin. „Ich mag die Leute, die mit Gott und der Welt nicht zufrieden sind“, sagt er. „Die können sich an mir anlehnen oder sich an mir abreiben.“

Anton Strohofer, der beileibe kein gewöhnlicher Mensch ist, umgibt sich gern mit ebensolchen Typen. „Alle anderen brauchen mich nicht“, sagt er. Er ist inzwischen am höchsten Punkt seines Geländes angelangt. Wie von einem Feldherrenhügel deutet er seine weiteren Bauvorhaben aus: Dort, bei der frisch ausgehobenen Kuhle, werde ein Amphitheater entstehen, zwei brackige Teiche sieht er schon als Biotope, und ein bislang nur in Grundmauern vorhandenes Gebäude werde bald Heim des Platzwartes sein, den er für ein Sportgelände mit Fußballplatz und angegliederten Beachvolleyball-Feldern benötige. Im Moment ist an der Stelle noch grüne Wiese. Die Planung sei aber schon so weit gediehen, dass er bereits erste Gespräche mit Franz Beckenbauer geführt habe, wegen möglicher Trainingslager von Fußballvereinen aus der Bundesliga.

So denkt Anton Strohofer: Immer in der Zukunft, immer im großen Maßstab – aber so überzogen, dass es zum Fürchten ist. Mögen Fußballfans auch lachen bei der Vorstellung, ein Bundesligist könnte ein Trainingslager direkt an einer Autobahn abhalten: Für Anton Strohofer ist der Dreisatz Geiselwind-Beckenbauer-Bundesliga kein Größenwahn. Für ihn ist das die Wirklichkeit. Wenn der rastlose Unternehmer über seine Pläne spricht, dann ist der Eindruck klar: Wo Anton Strohofer hintritt, da wächst Gras.

Dann hat es der Mann plötzlich eilig. Vor lauter Zukunft hat er die Gegenwart vergessen: Er muss noch eine Fuhre Aushub fahren, von der Baustelle des zweiten Hotels, das er gerade hochzieht. Er hat zwar Mitarbeiter, die das auch könnten, aber deren Arbeitskraft ist ihm zu wertvoll, also fährt er selbst. Er entert die Kabine des Unimogs in freudiger Erwartung, lässt sich in den verdreckten Sitz fallen, der Motor brüllt auf, und los.

Es geht in die Wälder auf der anderen Seite der Autobahn, die auch Strohofer gehören. Dorthin bringt er alle Erde, die bei den Bauarbeiten am Rasthof anfällt, sie wird Humus für seine Bäume. Bei ihm bleibt nichts ungenutzt. Er kompostiert sogar die Borsten der in seiner Metzgerei verarbeiteten Schweine. Der Weg ist voller Morast und Schlaglöcher, der Unimog bockt, Zweige peitschen gegen die Windschutzscheibe. „Das mache ich lieber als Golf spielen oder Reiten“, brüllt Anton Strohofer über das Dröhnen des Motors hinweg. „Für andere ist das Arbeit – für mich ist es Erholung!“

Der Unimog ist so etwas wie seine persönliche Raststätte. Hier fühle er sich richtig wohl, sagt er. Auf diesen Fahrten könne er in Ruhe und Muße nachdenken, weitere Pläne abwägen, auf verwirklichte Pläne zurückschauen, Bilanz ziehen.

Wenn Anton Strohofer selbst die große Summe seines Lebens betrachten und einmal alles abziehen soll, bis auf das Wichtigste, dann bleiben zwei Augenblicke. Ein sehr schlimmer und ein sehr schöner. Der schlimme ist fast auf den Tag genau 22 Jahre her. Damals, am 20. Juni 1983, starb Anton Strohofer junior, sein Sohn, nach einem Verkehrsunfall, es war eine Fahrt für den Betrieb.

Der schöne Augenblick ist vier Jahre her. Am 7. September 2001, da wurde die Autobahnkirche geweiht, die Anton Strohofer gestiftet hat, als Dank für die Hilfe Gottes in guten und schlechten Zeiten, und zum Gedenken an seinen Sohn. Seine ganze Familie war da, sein größter Stolz: seine Frau, die Kinder, die Enkel. Er sagt, das sei der schönste Moment in seinem Leben gewesen – die Eröffnung der „ersten komplett privat finanzierten Autobahnkirche Deutschlands“. Genau so sagt er das. Er betont, dass er seine Kirche selbst finanziert, selbst geplant und selbst gebaut hat, bis hin zum Kreuz aus Neonröhren am Glockenturm, und dass sie damit auch die erste ihrer Art in Deutschland ist.

So viel Superlativ muss sein, wenn Anton Strohofer einmal alles abzieht von der großen Summe seines Lebens.

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