Zeitung Heute : Die Realität gibt keine Ruhe

Wie rettet man 1268 Menschen vor den Macheten des Mobs? Der Film „Hotel Ruanda“ zeigt, wie ein einziger Mann tat, was die UN unterließen. Eine Begegnung mit dem Oskar Schindler Afrikas

Christine Meffert

Wenn Paul Rusesabagina den Völkermord erklärt, klingt das ganz einfach. Es gibt, sagt er, drei Ursachen für eine Million Tote, und diese Ursachen kann er seinen geneigten europäischen Zuhörern in drei Kolonialsprachen auseinander setzen: auf Englisch, Französisch und sogar auf Deutsch, das hat er in der Schule gelernt. Ruanda stand einst unter deutschem Protektorat, bevor Belgien im Ersten Weltkrieg die Kontrolle über das Land übernahm. Außerdem ist Paul Rusesabagina Hoteldirektor gewesen, und die sind ja schon von Berufs wegen mehrsprachig, damit sie die Wünsche ihrer Gäste auch richtig verstehen.

Pauls Hotel stand in Ruanda. Dort steht es immer noch, aber es hat jetzt einen anderen Chef. Es heißt „Hotel des Mille Collines“ – das Hotel der Tausend Hügel. Das „Mille Collines“ ist vor allem ein Hotel für Europäer und Amerikaner, für Diplomaten und Leute, die in Ruanda Geschäfte machen.

Als aber in diesem Land der eine Stamm – der mit den zwei „U“ im Namen, den man leicht mit dem anderen mit dem einen „U“ verwechselt – als also die Hutu begannen, die Tutsi abzuschlachten, da ist dieses Hotel 100 blutige Tage lang kein Hotel mehr gewesen. Und Englisch, Französisch oder Deutsch hat man dort auch nicht mehr gehört. Das Hotel ist damals für viele Tutsi zur letzten Zuflucht geworden. Und aus Paul, dem Hoteldirektor, ist einer geworden, der 1268 Menschen das Leben gerettet hat, ein Oskar Schindler Afrikas.

Darum sitzt Paul nun im Hotel Adlon in Berlin und beobachtet, immer noch Hoteldirektor im Innersten, diskret die Kellner. Paul hat eine Mission in Europa. „Ich bin da, um zu zeigen, dass ich da bin.“ Er sagt das nicht, weil ihn sein rhetorisches Geschick im Stich lässt, er sagt das, um zu zeigen, dass er die Wirklichkeit ist, dass er real ist, und dass die Realität keine Ruhe geben wird. Es ist die Realität eines ganzen Kontinents, die Realität Afrikas.

Pauls Wirklichkeit ist es, die den Film auflädt, der ab heute, dem Tag, an dem sich der Beginn des großen Mordens in Ruanda zum elften Mal jährt, in unseren Kinos läuft. Paul, der seit den Massakern im belgischen Exil eine Transportfirma betreibt, fühlt sich geehrt, aber vor allem fühlt er eine kleine späte Hoffnung. Damals stießen die Nachrichten aus Ruanda auf taube Ohren. Nachdem Hutu-Extremisten das Gerücht verbreitet hatten, dass ihr eigener Präsident von Tutsi-Rebellen getötet worden sei, nahm die große Vergeltung ihren Lauf. Doch statt zu intervenieren, verringerten die UN ihre Friedenstruppen in Ruanda von 2500 auf 270 Soldaten.

Es gibt eine Szene, die ist vielleicht die grausamste des ganzen Films, eine Szene, die Paul in allem, was er ist, erschüttert: in seiner Vielsprachigkeit, in seinem Verhältnis zu seinen europäischen Arbeitgebern und Gästen, in seinem ganzen Selbstverständnis.

Man sieht in dieser Szene Menschen vor dem Hotel stehen. Schwarze Menschen, Männer, Frauen, Kinder, sie drängen sich eng aneinander und haben den Blick starr auf ein Fahrzeug gerichtet, das der Zuschauer nicht sieht. Aber er weiß, in diesem Fahrzeug sind alle Weißen, die sich im Hotel aufgehalten haben. Sie werden von den UN-Soldaten in Sicherheit gebracht. Man könnte auch sagen, in diesem Fahrzeug fährt das Leben davon. Die anderen, die stehen bleiben, die immer kleiner werden im Blick des Zuschauers, liefert man ans Messer.

Paul Rusesabagina hat sich immer an die Weißen angepasst. Er hat ihre Sprachen gelernt, er hat ihnen in seinem Hotel alle Wünsche erfüllt, er hat ihre Länder bereist, er hat auch die UN-Soldaten 1993 voller Vertrauen begrüßt in seinem Land. Er hat geglaubt, dass sie alle nun irgendwie zusammengehören, die Weißen und die Schwarzen. Er hat sich geirrt.

„Als die Weißen abfuhren, in dem Moment habe ich begriffen, dass das Leben in Afrika nichts mehr wert ist“, sagt Paul. Er hatte sich immer als Wanderer zwischen den Welten verstanden, noch kurz vor dem Ausbruch der Gewalt am 7.April 1994 hat er mit seinen Kindern und seiner Frau eine Reise durch Europa gemacht: Deutschland, Belgien, Frankreich, die Schweiz.

Er lacht, kein lustiges Lachen. „Ich hätte meine Familie dort lassen können, aber ich habe den Vereinten Nationen vertraut, ich dachte, ihre Soldaten würden uns schützen, ich dachte, nun gebe es Verhandlungen, eine Aussöhnung zwischen den Hutu und den Tutsi. Frieden.“ Das Gegenteil war der Fall.

Paul war mit einem Schlag abgeschnitten von Europa, dieser Welt, der er so nah zu sein glaubte. Die einzige Verbindung, die ihm blieb, war eine Faxleitung, und die nutzte er. „Ich bin allen, die ich in Europa kannte, auf die Nerven gegangen“, sagt er. Auch seine Kontakte im eigenen Land hat er genutzt. Er hat die neuen Machthaber mit Geld und Schnaps versorgt. Er wollte seine Leute vor den Mördern schützen, auch wenn er dafür andere Mörder bestechen musste. Dabei hat ihm geholfen, dass er selbst Hutu ist, obwohl er auf diese Unterscheidung nie Wert legte. „Meine Mutter war Tutsi“, sagt er. „Und ich habe nie gehört, dass sich meine Eltern schlecht verstanden hätten.“ Auch seine eigene Frau ist eine Tutsi.

Schließlich hat Paul Hutu-Milizen dazu bewegen können, das Hotel vor Hutu-Banden zu schützen. „Ein guter Manager kann sich in der Regel an alle Situationen anpassen. Das habe ich getan.“

Das Hotel, sagt er, war der einzige Ort in Ruanda, wo den Menschen nichts geschah, wo in diesen zehn Wochen, bis die Tutsi-Rebellen das Land zurückeroberten, keiner ermordet worden ist. Die Kirchen aber, in die sich die Menschen damals geflüchtet hatten – viele sind zu Gräbern geworden, sagt er. „Als ich sah, wie die Blauhelme diese Menschen verließen, gab es keine Hoffnung mehr. Aber ich gebe nie etwas auf, ich sage nie: So, das ist jetzt zu Ende. Das bin nicht ich. Ich insistiere immer.“

Aber wie konnte es so weit kommen, dass Menschen auf ihre Nachbarn mit Macheten losgehen?

Wenn Paul Rusesabagina den Völkermord erklärt, klingt das ganz einfach. Der erste Grund für das Morden, sagt er, war die Folgenlosigkeit des Unrechts, das seit 1959 in Ruanda geschah. „All die Jahre haben die Hutu die Tutsi gejagt, haben ihre Häuser, ihre Plantagen besetzt. Der Staat hat die Verbrecher nicht verfolgt.“ Dann waren da noch die große Armut und die „schlechten“ Führer. „Sie haben die Tutsi entmenschlicht, sie haben sie so lange öffentlich als Ungeziefer bezeichnet. Bis sich keiner mehr darüber gewundert hat, bis sie auch die Beseitigung des Ungeziefers fordern konnten. Das war dann nur noch ein Akt der Desinfektion. Über das Radio haben sie ausgerufen: Fahrt los, macht sauber, holt das Ungeziefer aus den Kellern.“

Man glaubt, dass man diesem Mann, der heute 50 Jahre alt ist, etwas ansehen müsse. Als hätte sich das alles wie ein Gift in ihn hineingefressen. Das ist Unsinn. Er ist nur müde, er insistiert jetzt schon so lange. Und es gibt wenig Anzeichen, dass sich die Dinge ändern. Da ist der Krieg in Kongo, Hilfsorganisationen sprechen von 3,8 Millionen Toten. „Und im Januar“, sagt Paul, „war ich in Darfur, wo jetzt passiert, was in Ruanda Anfang der 90er Jahre passiert ist. Auch Ruanda ist immer noch eine Diktatur. Das Feuer schwelt, es kann jeden Moment ausbrechen. Was ist, wenn all die Waisen losziehen und ihre Eltern rächen?“

Und seine Angst, was macht er mit seiner eigenen Angst? Angst, sagt Paul Rusesabagina, habe er nicht, noch nicht einmal während dieser Wochen damals habe er Angst gehabt. Er hatte viel zu viel zu tun. Aber er traut den Menschen nicht mehr. Nur an eines glaubt er immer noch: „Wenn du einen zum Reden bringst, ist das Schlimmste vorbei. Dann gibt es eine Möglichkeit, dass er dich am Leben lässt.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben