Zeitung Heute : Die Rechnung geht auf

Hochschulen, Universitäten und Forschungsinstitute kurbeln auf vielfältige Weise die Wirtschaft der Hauptstadt an.

Paul Janositz
Gemeinsam sind sie stark. Teile des Campus der Humboldt-Universität zu Berlin in Adlershof. Links die Fensterfront des Erwin-Schrödinger-Zentrums, rechts daneben das Gefahrstofflager des Instituts für Chemie, in der Mitte der Trudelturm, rechts daneben das Institut für Chemie. Ganz rechts außen der alte Motorenprüfstand der ehemaligen Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt. Foto: © 2013 WISTA-MANAGEMENT GMBH – www.adlershof.de
Gemeinsam sind sie stark. Teile des Campus der Humboldt-Universität zu Berlin in Adlershof. Links die Fensterfront des...

„Für jeden investierten Euro bekommen Sie zwei zurück.“ Was sich fast wie das unseriöse Angebot eines Fonds-Managers anhört, lässt sich hier durch harte Zahlen belegen. Diese haben jetzt die vier Berliner Universitäten vorgelegt. Gemäß einer Studie der DIW econ GmbH, dem Consulting-Unternehmen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), leisten die Freie, die Technische und die Humboldt-Universität sowie die Universität der Künste gemeinsam genau das: Jeder aus der Landeskasse in den Uni-Etat überwiesene Euro bringt der Hauptstadt zwei Euro an Wertschöpfung zurück. 2011 erzeugten somit die 840 Millionen Euro, die die Universitäten für Personal, Sachmittel und externe Dienstleistungen ausgaben, in der Region eine Wertschöpfung von rund 1,7 Milliarden Euro.

Ähnlich positiv dürfte die Bilanz für die Fachhochschulen ausfallen, sagt Monika Gross, Rektorin der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Die Professorin für Biotechnologie vertritt als Sprecherin der staatlichen Fachhochschulen auch die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) sowie die Alice Salomon Hochschule.

Für den Wertschöpfungseffekt der Fachhochschulen liegen keine aktuellen Zahlen vor, da sich die DIW-Ökonomen auftragsgemäß nur mit den Universitäten beschäftigten. Doch sind auch für die Fachhochschulen mit ihrer praxisnahen Ausbildung und Forschung positive Effekte auf die Berliner Wirtschaft plausibel. So habe allein die Beuth Hochschule rund 200 regionale Kooperationen mit der Wirtschaft und ebenso viele steuerten die übrigen drei Fachhochschulen bei, sagt Gross. Zudem konnten die vier Fachhochschulen im Jahr 2011 insgesamt 17 Millionen Euro an Drittmitteln einwerben. Bei den Universitäten kamen 2011 mehr als 400 Millionen Euro an Drittmitteln in den Haushaltstopf, das sind rund 30 Prozent der gesamten Einnahmen. Im Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) liegt Berlins Wissenschaft klar an der Spitze der deutschen Regionen.

Zur Wertschöpfung in Berlin tragen auch die 160 220 Studierenden bei, von deren Konsum die regionale Wirtschaft profitiert. Die Uni-Studierenden konsumieren demnach für rund eine Milliarde Euro, auf die Fachhochschul-Studierenden dürften analog etwa 300 000 Euro entfallen.

Einen wesentlichen wirtschaftlichen Effekt schreibt die DIW-Studie auch den Mitarbeitern an Berliner Universitäten zu. An den vier Universitäten gab es 2011 knapp 14 400 Beschäftigte. Von der universitären Nachfrage nach Sachmitteln und Dienstleistungen hängen in der Berliner Wirtschaft etwa 10 400 weitere Arbeitsplätze ab. Insgesamt generieren die vier Universitäten somit einen Beschäftigungseffekt von 24 800 Arbeitsplätzen. Die gesamten Nachfrage- und Beschäftigungsimpulse der Universitäten erzeugen in der Region Einkommen in Höhe von rund 1,7 Milliarden Euro. Deren Versteuerung sichert dem Land zudem Einnahmen von rund 118 Millionen Euro.

Zu der von Bund und Ländern finanzierten Forschung muss das Land Berlin nur 3,1 Prozent beisteuern. Einen fast dreimal so hohen Finanzierungsanteil, nämlich 8,9 Prozent, bekommen Berlins Unis und seine knapp 70 außeruniversitären Einrichtungen aus diesem Topf. Letztere tragen viel zum Ansehen Berlins als herausragender Forschungsstandort bei. In der Hauptstadt befinden sich 14 Institute der Leibniz-Gemeinschaft, jeweils sieben Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer Gesellschaft sowie drei Helmholtz-Institute. Mit dem „Tätigkeitsprofil und der regionalen wirtschaftlichen Bedeutung“ dieser hochkarätigen Institute beschäftigte sich eine im Februar 2013 erschienene Studie der Technologiestiftung Berlin (TSB).

Demnach betrug das Haushaltsvolumen der außeruniversitären Institute rund 1,8 Milliarden Euro. Fast die Hälfte davon entfiel auf Ausgaben für die insgesamt 18 000 Beschäftigten. Deren Konsum und die Nachfrage in den Instituten nach Sachgütern lösten in der Berliner Wirtschaft eine Produktion von schätzungsweise einer Milliarde Euro aus. Daran hängen 9400 weitere Arbeitsplätze.

Das Gewicht der außeruniversitären Einrichtungen innerhalb der Berliner Wirtschaft hat der TSB-Studie zufolge in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Die Zahl der Beschäftigten stieg dort zwischen 2001 und 2010 um 23 Prozent, in der Berliner Wirtschaft hingegen nur um drei Prozent. Die Wertschöpfung der Forschungseinrichtungen erhöhte sich um fast 40 Prozent und damit doppelt so stark wie die hauptstädtische Wirtschaft im Durchschnitt.

Eine starke Forschung sieht Günter Stock als wichtigen Standortvorteil für Berlin. Die Wirtschaft brauche stets kreative Mitarbeiter mit neuen Ideen, sagt der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und ehemals langjähriger Forschungsvorstand bei Schering. Solche Mitarbeiter fänden sich am ehesten in einer geistig und kulturell anregenden Umgebung. „Industrie wird sich ansiedeln, wo es kreative Menschen mit hervorragender wissenschaftlicher Ausbildung gibt.“ Dazu trügen Berlins Universitäten und Forschungseinrichtungen beispielsweise mit exzellenten Graduiertenschulen und Postdoc-Programmen bei. Die wissenschaftliche Expertise fließe auch in gemeinsame Projekte zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Weitere wirtschaftliche Impulse geben die Existenzgründungen, die von Unis und Hochschulen ausgehen. „Berlin bietet für Start-ups etwa auf dem Feld der Biotechnologie, Medizintechnik oder Informationstechnologie eine ideale Umgebung“, sagt Stock. 2011 waren allein die vier Universitäten an acht Firmen beteiligt, die direkt oder indirekt 170 Arbeitsplätze schafften und eine „regionale Wertschöpfungskette in Höhe von 10,6 Millionen Euro“ auslösten.

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