Zeitung Heute : Die Rechten von nebenan

Lore Lierse ist dreifache Mutter, Hundefriseurin, Kandidatin der NPD in Brandenburg. „Ich bin eine ganz normale Frau“, sagt sie. Und sie ist Teil einer neuen Strategie.

Lucia Jay Seldeneck

Die großen Maulkörbe sind aus Leder, die kleinen aus Plastik. Sie warten darauf, Hunde zu bändigen, in diesem weiß gekachelten Raum, an dessen Wänden Dackel-, Pudel-, Terrierfotos hängen. In diesem Hundesalon in Bernau, nördlich von Berlin, der von einer NPD- Aktivistin betrieben wird.

Lore Lierse, 52, Mutter von drei erwachsenen Töchtern, hat sich Kräutertee gekocht, eine ganze Kanne voll. Auf ihrem schwarzen T-Shirt schwingt ein goldener Fantasy-Drache. Schwarze Lederhosen und rotgefärbte Igelfrisur vermitteln energische Tatkraft. Und da sagt sie es auch schon selber: „Man braucht Autorität für diese Arbeit – sonst machen die Hunde, was sie wollen.“ Ihre persönlichen Lieblinge sind Schnauzer. „Die trimmen wir“, sagt sie.

Trimmen, das heißt: tote, schwache Haare ausreißen, damit das übrige Fell gesund bleibt, widerstandsfähig wird. Es vollzieht Lore Lierse sozusagen schon heute am Hundehaar, was ihre Partei sich künftig für das ganze Land wünscht: Sie sortiert aus.

Lierse ist Leiterin des kommunalpolitischen Arbeitskreises beim Landesvorstand der NPD-Oberhavel, und sie kandidiert bei den brandenburgischen Kommunalwahlen im September diesen Jahres. „Es wird einem schwer gemacht hier“, sagt sie. Schon mehrfach habe sie Farbbeutel von der Wand pulen müssen. „Es gibt einen starken Feind“, sagt sie. Der Feind – das sind die Linken, der Verfassungsschutz, der Gaststättenverband Brandenburg, die Medien. „Ich kann fast keine politische Veranstaltung mehr planen.“ Was sie nicht aufhält. Sie sei ein sturer Mensch, erklärt Lore Lierse. Und das System als Gegner, das habe sie – mit anderen Vorzeichen – schon in der DDR erlebt. Damit wisse sie umzugehen.

Lore Lierse hat nicht immer Hunden das Fell geschoren. Sie hat Zahntechnikerin gelernt, musste den Beruf aber wegen eines kaputten Halswirbels aufgeben. Sie eröffnete eine Zoohandlung. Dann kam der Hundesalon dazu. Das könne in Deutschland jeder machen, man brauche lediglich etwas Talent und Durchsetzungskraft. Erst lief es gut, dann kam es knüppeldick. Ein Steuerberater aus Sachsen, der falsch beraten hat, eine Steuerschätzung über 60 000 Mark. „Ich verlor alles“, sagt sie: „Geschäft, Haus und mit der Verfügung zur Gewerbeuntersagung auch meine Arbeit.“

Sie kämpfte weiter. Schrieb Briefe an alle Parteien. Wollte aufmerksam machen darauf, dass gerade „eine Existenz vernichtet“ wurde. Es kam keine Antwort. Aber es kam Besuch: von der NPD. Die bot ihr rechtliche Hilfe an. Lore Lierse, die sich da schon keinen Anwalt mehr leisten konnte, sagte Danke und wurde noch im selben Jahr Parteimitglied. Das war 2004.

Lore Lierse ist keine, die klein beigibt. Sie hat sich schon immer gewehrt. In der DDR engagierte sie sich in der Gewerkschaft – bis sie ein politisches Tätigkeitsverbot erhielt. Damals ging es ihr um bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen in Weißensee. „Kleinkram“, findet sie, „verglichen mit dem, was heute schief läuft“. Was ist es also, wofür sie heute kämpft? „Ein vernünftiges Deutschland“, sagt sie. „Ein Deutschland, in dem man Kinder erziehen kann, wo es Arbeitsplätze für Deutsche gibt und eine vernünftige Verteilung.“

„Vernünftig“, das Wort fällt immer wieder, wenn Lore Lierse versucht, ihre Ziele zu erklären.

„Vernünftig“, das ist vor allem auch das Gegenteil von brauner Randale, von wütender Schlägerei, rasendem Ausländerhass. „Vernünftig“, so will sich die NPD verkaufen, um an die weiblichen Wähler heranzukommen.

Frauen sind in der rechten Szene nicht mehr ausschließlich blonde Anhängsel für Kameraden in Springerstiefeln. Sie versuchen sich an eigenen Themen. Es geht um Bildung, gesunde Ernährung und die Anerkennung ihrer Arbeit als Erzieherinnen. Seit September 2006 vertritt der „Ring nationaler Frauen“ diese Anliegen. Die neuen rechten Frauen kaufen im Bioladen ein und organisieren Sommerfeste in der Nachbarschaft. Sie machen die NPD spielplatztauglich. Der Partei kann das recht sein. Lange Zeit hat sie die Frauen vernachlässigt. Die Statistik zur Bundestagswahl 2005 zeigt, dass vor allem junge Männer für die NPD gestimmt haben. Frauen sind hochwillkommen.

Auch die dreifache Mutter Lierse spricht vor allem ihre Geschlechtsgenossinnen an. Im Januar 2008 hat sie das erste Regionaltreffen vom „Ring nationaler Frauen“ in Brandenburg organisiert. Die Familie funktioniere in unserer Gesellschaft nicht mehr, sagt die Hundefriseurin, das möchte sie ändern. „Die Familie war schon immer die Grundzelle. Wenn’s da knirscht, knirscht es überall“, sagt sie. Von dem traditionellen Rollenbild der treu sorgenden Frau, das in der rechten Szene sehr verbreitet ist, hält Lore Lierse nicht viel. Jede Frau muss selbst entscheiden, ob sie zu Hause bleibt oder arbeiten geht.

Beim Treffen im Januar sollen rund 40 Frauen zwischen 15 und 78 Jahren in die Gaststätte gekommen sein. Wo, das kann sie nicht verraten – sonst könnten sie sich dort nicht mehr treffen. Sie haben sich zu Kaffee und Kuchen zusammengesetzt und geredet. Kinder müssten wieder Disziplin lernen, „die Grundlage für das Arbeitsleben“, sie sollten selbstbewusster werden dürfen, mal die deutsche Nationalhymne singen, Schluss mit dem ewigen Büßerdenken. Das Treffen sei ein Erfolg gewesen, es solle regelmäßig wiederholt werden. Ein Sommerlager für Kinder sei geplant, gemeinsame Ausflüge zu historischen Orten. Zu welchen, könne sie wieder nicht verraten, sonst kämen sie da doch wieder nicht rein. Lore Lierse rollt mit den Augen. Ja, schwer mache man es ihnen. Weiter mit den Kindern: Denen müsse man was bieten, da seien sich die Frauen einig.

Lore Lierse, die Hand am Kräuterteebecher, erklärt: Die deutsche Kultur sei doch verunreinigt. Das fange schon bei den vielen Amerikanismen in der deutschen Sprache an. Aber wo die Grenze liegt zwischen eigen und fremd, das ist eine schwierige Frage. Da klingelt wie zu ihrer Erlösung das Telefon.

Es gibt nicht viele Frauen in der NPD, die sich öffentlich äußern. Die meisten bleiben lieber unerkannt. Um den üblichen Abwehrreaktionen zu entgehen. Und weil es Teil der Strategie ist. Im brandenburgischen Hohen Neuendorf gab es vor einem Jahr einen entsetzten Aufschrei, als herauskam, dass sich unter die rührigen Kita-Mütter des Ortes klammheimlich und ganz freundlich die NPD-Funktionärin Stella Palau gemischt hatte. Auch Lore Lierse hält sich zurück, wenn es um ihre Familie geht. Der Maulkorb, diesmal unsichtbar, nicht für Hunde, eher ein Brutschutz. Es könnte Schwierigkeiten geben, wenn die familiäre Verbindung zur NPD ruchbar würde. Bekannt ist einzig, dass die Zoohandlung, in der sie ihren Hundesalon hat, einer ihrer Töchter gehört.

In ihrer Freizeit lese sie gerne Gedichte von Friedrich Schiller, sagt Lore Lierse. Mit 14 habe sie ihren ersten Schiller-Gedichtband geschenkt bekommen. Die Sprache ist es, was der Brandenburgerin gefällt – und das Rebellische an seinen Stücken. Schiller wollte was verändern. Das will sie auch. Und sie fand, dass sie da reinpasst bei den Rechtsextremen. „Die machen wenigstens was.“ Berührungsängste hatte sie nie.

„Mit den Kameraden gab es noch nie Probleme“, sagt sie. Und später lauter:

„Die NPD wird immer als glatzköpfige Idiotengruppe dargestellt.“

Dieses Bild möchte sie gerade rücken. Von rechten Gewalttaten will sie nichts wissen. Die kahlen Köpfe der Rechtsextremen tut sie als Protesthaltung junger Menschen ab, oder als eine „weitere Lüge“ der Medien. „Oder sehe ich etwa so aus, als ob ich losrenne und einen Imbiss in Brand stecke?“, sagt sie.

Sie hat einen offenen Brief im Internet stehen mit einem Fragebogen: „Sind Sie rechtsradikal? – Testen Sie sich selbst.“

Es folgen 15 Thesen, die Deutschland auf- und andere Länder und Nationen abwerten:

Asylbewerbern darf keine Sozialhilfe gezahlt werden. Ja oder nein?

Wenn die Türkei in die EU aufgenommen wird, sollte Deutschland diese verlassen. Ja oder nein?

Lore Lierse erzählt von einem „Bimbo ausm Busch“, der sie in der S-Bahn angemacht habe. Es ist das erste Mal, dass sie sich total in der Wortwahl vertut. Wo war der Maulkorb? Sie merkt das selbst. Sie rückt gerade, die Stimme fest: „Ich bin eine ganz normale Frau mit ganz normaler Arbeit – aber national.“ National, das erklärt sie, heißt vor allem: das eigene Volk erhalten. „Keine Mischkultur!“ Das Schlagwort ihrer Partei. Sie legt den Kopf schief.

„Es wird immer behauptet, wir seien rassistisch.“ Pause.

„Aber das hat nichts mit Rassismus zu tun: Völker sollen sich nicht vermischen. Nur so kann man Vielfalt erhalten.“

Lore Lierse will nicht missverstanden werden: Sie habe nichts gegen Ausländer. Ihre bulgarische Freundin, die hier geheiratet und eine Familie gegründet hat, würde sie nicht rausschmeißen. Aber die vielen anderen, die sich hier „aushalten lassen“, die müssten weg. „Mit einem Ticket und ein bisschen Geld“, betont die Hundefriseurin. Auch wenn die Ausländerquote in Brandenburg bei niedrigen 2,6 Prozent liegt, müsse man handeln. „Man darf nicht zu lange abwarten, sonst sieht es aus wie in Kreuzberg.“

Ab wann ist man deutsch? Die Hundeliebhaberin muss nicht lange nachdenken. Nicht alle, die einen deutschen Pass haben, könnten hier bleiben. „Den kriegt ja jeder nachgeschmissen.“ Sie nimmt sich inzwischen merklich zusammen, um nichts zu sagen, was sie später bereuen könnte. „Wer eine Arbeit hat, soll vorläufig bleiben.“ Aber nur vorläufig. Dann auch die weg.

Lore Lierse beugt sich über den Tisch: „Man sagt uns immer, wir sollen toleranter sein. Aber darauf fallen wir nicht rein.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust, abwartend, kämpferisch.

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