Zeitung Heute : Die Rechthaber

Wer Vitra kauft, kann (und will) nichts falsch machen. Der Familienbetrieb produziert fabrikneue Klassiker. Und dann steht man da und will das alles zu Hause haben

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Von Stefanie Flamm Am Anfang war das Haus, und das Haus war schön. Rolf Fehlbaum, der Inhaber der Möbelfirma Vitra, hatte es Mitte der 80er Jahre bei dem damals in Europa noch völlig unbekannten Architekten Frank O. Gehry in Auftrag gegeben, um darin seine private Möbelsammlung unterzubringen. Doch als es dann fertig war und wie ein zerklüfteter Marmorblock zwischen den Werkshallen in Weil am Rhein und der Straße Richtung Basel stand, beschloss er, darin ein öffentlich zugängliches Museum einzurichten. Warum, das weiß heute keiner der 800 Vitra-Mitarbeiter mehr so genau. Das dramatische Gebäude wird eine Rolle gespielt haben, das in den 80er Jahren in ganz Europa gewachsene Interesse an Produkt- design und Fehlbaums Werbeabteilung, die damals schon begriffen haben muss, wie gut dieses kleine Museum für das Ansehen der Firma sein würde.

Zwei Ausstellungen im Jahr, 75 000 Besucher, sechs, sieben Kooperationen mit anderen Häusern – „imagemäßig“ habe sich die Investition auf jeden Fall gelohnt“, sagt der Kunsthistoriker Mathias Schmidt-Clauss, der seit vielen Jahren als Kurator in Weil am Rhein tätig ist. Vor zehn, 15 Jahren hätten viele Privatleute überhaupt nicht gewusst, dass im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz schon seit 50 Jahren serienmäßig Möbel hergestellt werden, die heute als „Design-Klassiker“ auf dem Antiquitätenmarkt Mondpreise erzielen. Und wenn der in den 30er Jahren gegründete Büromöbelhersteller jetzt plötzlich wie ein Shootingstar gehandelt wird, liegt das vor allem am allgemeinen Retrotrend. Aber es liegt auch an dem Museum, das übrigens die Wiedereröffnung seiner Berliner Dependance plant.

Es regnet wie aus Eimern. Die Kirschbäume auf dem Werksgelände, die um diese Jahreszeit in voller Blüte stehen sollten, sind schwarz vor Nässe, im Museumsfoyer schüttelt sich eine Gruppe italienischer Architekturstudenten, die wegen der Joe-Colombo-Ausstellung hier sind, das Wasser aus den Haaren. Anneliese Gastel vom Museumsmanagement brüht eigenhändig zwei Espressi auf und lässt ihren Blick zum hundertsten Mal durch die Caféteria wandern, der man ansieht, dass sie zuerst nur eine Küche sein wollte: schlichte Betonwände, davor eine Theke, auf der der Espressoautomat steht. Außerdem vier Tische mit jeweils vier Stühlen, alles Entwürfe von Ray und Charles Eames. Sie stammen aus dem Jahr 1946, jener Zeit, da das Ehepaar in Kalifornien mit gebogenem Holz experimentierte, um amorphere, weniger geometrische Möbelformen zu finden. Die von weitem an dünnbeinige Ameisen erinnernden „Plywood“-Stühle gelten heute als die Vorläufer der „Plastic Armchairs“, mit denen die Eames später sehr berühmt wurden.

Wer in der Nachkriegszeit etwas auf sich hielt, saß auf einem Plywood- oder einem Plastic-Chair. Auch der Bonner Kanzlerbungalow von Sepp Ruff war zu Wirtschaftswunderzeiten damit bestückt. Ein halbes Jahrhundert später hatte Bundeskanzler Schröder in seinem Berliner Herrscherdomizil dann den etwas eleganteren „Alu-Chair“ der Eames stehen. Doch das war bloß noch eine Replik auf den optimistischen, fortschrittsgläubigen Zeitgeist der frühen Jahre, auf dieses dynamische „We can do it“, wie Rolf Fehlbaum es ausdrückt.

Schon Anfang der 50er hatte sein Vater, der Vitra-Gründer Willi Fehlbaum, sich in die für damalige Sehgewohnheiten noch ziemlich ungewöhnlichen Fiberglas-Throne verliebt. 1953 kaufte er dem amerikanischen Hersteller Herman Miller die Europarechte daran ab. Später, als im Zuge der allgemeinen Raumfahrtbegeisterung Formen, Farben und Materialien noch gewagter wurden, nahm er mit George Nelson und Verner Panton zwei weitere Vertreter der zweiten Moderne ins Programm auf, viele andere kamen nach und nach dazu. Kürzlich hat Fehlbaum junior, der genau wie sein Vater 80 Prozent seines Umsatzes noch immer mit Büromöbeln erzielt, die Nachbaurechte an Jean Prouvé erworben, einem mittlerweile wieder hoch gehandelten französischen „Konstrukteur“, der viel mit Le Corbusier zusammengearbeitet hat. Und es ist, wie auch Anneliese Gastel zugeben muss, sicherlich kein Zufall, dass das Museum, das formal eine von der Firma unabhängige Einrichtung ist, mit dem Architekturmuseum in Frankfurt am Main gerade eine spektakuläre Ausstellung über Prouvé zusammengestellt hat.

Doch ist das wirklich verwerflich? Geht es bei der Produktgestaltung nicht um Kunst genauso wie Kommerz?

Design, sagt der Berner Theoretiker Beat Schneider, trete seit der vorletzten Jahrhundertwende zwar mit dem Anspruch auf, die Welt zum Wohle der Menschen zu verbessern, aber es sei auch schon immer ein enormer Wirtschaftsfaktor gewesen. Eine gute Gestaltung dient nicht nur der Funktionalität der Produkte, sondern auch den Firmen, die diese Produkte verkaufen wollen. Und in Zeiten, in denen es weniger darum geht, Bedürfnisse zu decken, als darum, Bedürfnisse zu wecken, wird der kulturelle Mehrwert der Dinge immer wichtiger. Wer es sich leisten kann, bei Vitra bis zu 3000 Euro für einen Sessel auszugeben, will mehr als Qualität.

Gute Möbel, glaubt Eckart Maise, der auffällig junge, auffällig korrekt frisierte Chef der vor zwei Jahren als eigene Abteilung ausgegliederten „Vitra Home Collection“, brauchen eine gute Verarbeitung – in Weil am Rhein wird noch fast alles mit der Hand zusammengebaut. Aber sie brauchen auch eine gute Geschichte. Und je bekannter diese Geschichte ist, desto größer wird der Distinktionsgewinn, den Käufer und Verkäufer damit erzielen. Der kuschelige, mit weichem Leder ausgeschlagene Loungechair von Eames ist genauso ein Statussymbol wie die an ein riesiges Seerosenblatt erinnernde Ottomane des Japaners Isamu Noguchi. Wer sich die viel roher wirkenden Standardsitze von Jean Prouvé kauft, bekennt sich zur französischen Ingenieurskunst der 50er Jahre, mit dem Erwerb des „ Ulmer Hockers“ von Max Bill erweist man der Ulmer Hochschule für Gestaltung, die das deutsche Nachkriegsdesign maßgeblich prägte, seine Hochachtung.

Das kann man lächerlich finden oder sogar versnobt, im Vitra „Showroom“, wo all diese „Midcentury Classics“ fabrikneu zu bestaunen sind, will man das plötzlich alles bei sich zu Hause haben. Ja, man fragt sich sogar, ob zeitgenössische Möbel so schön sein können. „Natürlich können sie das“, sagt selbst Maise. Der Vorteil von Klassikern sei bloß, dass sich da die Spreu vom Weizen längst getrennt habe. Er spricht vom „survival of the fittest“: „Was Sie hier sehen, hat sich gegen die Eintagsfliegen behauptet.“ Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn wie überall, ist die Kanonbildung auch beim Design eine ziemlich irrationale Angelegenheit. Es geht dabei auch um Sehgewohnheiten und Moden. Anfang der 90er Jahre standen die strengen, in ihrer radikalen Schlichtheit ziemlich pädagogisch daherkommenden Stahlrohrmöbel sehr hoch im Kurs. Und jetzt, da die Sessel von Mies van der Rohe und Marcel Breuer in jeder Bankfiliale stehen, stürzt sich die kulturelle Elite auf die „Midcentury Classics“.

Deren kühne bis tollkühne Formen und ihre optimistischen Farben entsprechen zwar gar nicht der eher bleiernen Stimmung der Gegenwart, aber sie befriedigen ihre Sehnsüchte. „Und es ist schon ein Armutszeugnis, dass wir heute wieder modern und schick finden, was vor 50 Jahren schon einmal modern und schick war“, findet Mathias Schwartz-Clauss vom Vitra-Museum. Eckart Maise von der „Vitra Home Collection“ sieht das natürlich weniger kritisch. „Mit den Klassikern finanzieren wir die jungen, unbekannten Designer.“ Hella Jongerius zum Beispiel, eine junge Holländerin, die im aktuellen Katalog mit einem Sofa vertreten ist, dessen asymmetrische Silhouette an die Küstenlandschaft ihrer Heimat erinnern soll, oder die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec, die ein kompaktes Schlaf- und Wohnmodul, bestehend aus Tisch, Bett und Lampe, entworfen haben, die sich neben den ausgeflippten Interieurs Verner Pantons durchaus sehen lassen können.

Doch selbst wenn diese Dinge gut laufen, dauert es Jahre, bis die Investition sich rechnet. Eames, Panton und Konsorten dagegen sind im Moment eine sichere Bank – jedenfalls so lange sie auf potenzielle Käufer wirken wie alte Bekannte, die man oft genug gesehen hat, um sie gleich wiederzuerkennen, aber noch nicht so häufig, dass man sagen würde: ach der schon wieder.

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