Zeitung Heute : Die Rede von George W. Bush und mein erster Kampf

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Fotos: privat, Kitty Kleist-Heinrich

Es ist Montagnacht, zwei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung und schaue mir im Fernsehen die Ansprache des amerikanischen Präsidenten an, von der es heißt, dass sie praktisch eine Kriegserklärung an den Irak ist: the moment of truth has arrived, das Fenster der Diplomatie ist geschlossen. Mir ist schlecht. Ich habe Angst. Vor meinem Fenster ist es dunkel. Dunkel. Später liege ich im Bett und versuche einzuschlafen. Ich kann nicht einschlafen.

Ich denke an meine Lesereise mit Crazy vor zwei Jahren. Nach Amerika. Eine Station war New York, eine Schule in der Bronx. Mit der U-Bahn bin ich von Manhattan dort hingefahren. Dorthin, wo New York nicht mehr glitzert. In meiner Mappe hatte ich mein kleines Buch dabei, das von einem Internat in Rosenheim handelt.

Die Mappe wurde am Eingang der Schule sofort von einem Security-Menschen geöffnet. Waffen? Rauschgift? Handy? Nicht erlaubt. Hatte ich auch nicht dabei. Ich ging durch die Gänge zu dem Schulzimmer, in dem man mich schon erwartete. Wer mich erwartete? Die Gestalten, denen ich auf dem Weg begegnete, machten mir Angst. Lauter Typen in meinem Alter, also so um die 17, nur viel größer und schwarz. Fast niemand war weiß. In ihren Augen war etwas Raues, Wildes. Sie hatten Baggyhosen an. Genau wie manche Typen, die ich in Deutschland kannte. Verpflasterte Gesichter, Tätowierungen, Tücher um den Kopf geknüpft. Ich ging ins Klassenzimmer 205. Die Lehrerin stellte mich der Klasse vor. „Mister Lebert from Germany!“

Ich sagte: „I’m Benjamin.“ Machte keinen besonderen Eindruck. Die Schüler liefen herum und beachteten mich nicht.

Ich verbrachte den ganzen Vormittag unter ihnen. Erste Unterrichtsstunde Literatur. William Shakespeare wurde gelesen, Richard III. Mir teilte die Lehrerin die Rolle König Richards zu. Alle lachten sich tot über mein Englisch. Einmal kam das Wort bosom vor, ein wunderschönes schwarzes Mädchen in der ersten Reihe sagte: „I never say bosom. I always say tits.“ Hände auf dem T-Shirt: „I love my tits!“

Plötzlich kam vom Gang wahnsinniges Geschrei und Gepolter. Alle rannten hinaus, ich auch. Aber ich ging gleich wieder zurück ins Klassenzimmer. Da draußen prügelten sich zwei Mädchen. Was heißt prügeln? Sie hatten Messer in den Händen, sie bluteten, schrien wie am Spieß. Fünf Minuten später war es wieder ruhig. Die Klasse kam zurück. Alle lachten sich wieder tot. Als sie mich völlig verschüchtert und blass in der Ecke stehen sahen.

„Was this your first fight?“ fragte einer. Yes, es war mein erster Fight. Dann schlug ich mein kleines Buch auf und las, wie es in Rosenheim ist. Und wie wir heimlich Zigaretten rauchten. Und wie ich zum ersten Mal mit einem Mädchen schlief. My first fight. Ich blieb dann noch in der Mathematik-Stunde und verstand genauso wenig wie in Deutschland. Und sie wurden dann ganz nett zu mir. Einige rappten mir was vor. Und einer fragte, ob wir in Deutschland auch Autos haben.

Und jetzt liege ich in meinem Bett und denke an die Jungs und Mädchen, die ich in der Bronx getroffen habe. Und daran, dass der Präsident George W. Bush die Rede doch eigentlich an sie gerichtet hat. An die Bürger und Bürgerinnen der Vereinigten Staaten. Und was sie wohl davon halten, die Rapper. Den Namen der Schule habe ich vergessen. Sie nicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben