Die Regierung macht Pause : Das Weihnachtskabinett

Nicht mal Plätzchen. Zu schweigen von Tannengrün. Die letzte Sitzung des Bundeskabinetts vor Weihnachten, auf dem riesigen ovalen Holztisch im Kabinettssaal liegen bloß die üblichen Akten, und die Bundesjustizministerin referiert über die Reform des Aktienrechts unter besonderer Berücksichtigung der Wandelschuldverschreibungen. Die anderen hören mit routiniert interessierter Miene weg. Es ist ein Elend. Dabei wäre es so einfach, das Jahresendkabinett für alle zur Bescherung zu machen …

Angela Merkel, noch halb im Mantel, stürzt ins Vorzimmer und drückt ihrer Bürochefin ein zappelndes Federbündel in die Hand. „Halt sie gut fest, Beate!“ Die Gans protestiert, aber es hilft nichts; ihr ist der Kanzlerinnen-Bräter vorbestimmt. Drinnen im Kabinettssaal dampft der Glühwein. Der Kanzleramtschef hat auf die Tagesordnung unter Punkt eins „Rückblick und Ausblick“ gesetzt, was er eigentlich kurz erläutern will, dann aber lässt, weil jemand launig „Fresse, Ronald!“ dazwischenruft.

Also: Rückblick. Versonnen lächelnd mustert die Kanzlerin die Schar ihrer Minister und Ministerinnen. „Wisst ihr noch, wie wir vor einem Jahr hier saßen?“ Jawohl, wissen sie noch. Da, wo jetzt Philipp Rösler sitzt, saß zum Beispiel Rainer Brüderle, wobei das nicht ganz korrekt ist, weil Rösler jetzt eigentlich da sitzt, wo damals Guido Westerwelle saß, der immer noch am Tisch sitzt, aber quasi nur noch als ein Drittel seines vormaligen Selbst, abzüglich Parteivorsitz und Vizekanzlerschaft. Auf Röslers altem Platz nimmt jetzt gerade Daniel Bahr einen tiefen Schluck aus dem Glühweinglas. Er verzieht den Mund – verflixt, verbrannt! Rösler lächelt. Er kennt sich da aus.

Auf dem Stuhl, der seinerzeit Thomas de Maizière gehörte, ruckelt derweil Hans-Peter Friedrich sich zurecht. De Maizière wiederum ist einen Sessel weitergezogen, auf den ehemaligen Platz von Du-weißt-schon-wer.

Auch die Kanzlerin sinnt kurz vor sich hin. Dann zieht sie ein Buch hervor, setzt die Lesebrille auf – der treue Pofalla hat rundum die Kerzen entzündet – und liest die Weihnachtsgeschichte. Leise senkt sich Dämmerung über den Raum. „… denn sie hatten keinen Raum in der Herberge …“ tönt Merkels Stimme über die in Gedanken versunkene Schar. Jedes Wort schreibt das Protokoll mit. Nur wer dazwischengemurmelt hat: „Der Josef kannte halt den Maschmeyer nicht“ – das wird die Nachwelt nie, nie, nie erfahren.

Robert Birnbaum

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