Zeitung Heute : „Die Region steht auf der Kippe“

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In Dagestan hat es in den vergangenen Jahren mehrere Terroranschläge gegeben. Welche Bedeutung hat die Republik im Tschetschenien-Konflikt?

Sie spielt eine Schlüsselrolle für Moskau im Nordkaukasus, weil über Dagestan die Öl-Pipelines laufen, unter Umgehung Tschetscheniens. Deshalb wird Moskau alles Erdenkliche tun, um die Region zu stabilisieren. Andererseits haben auch die tschetschenischen Rebellen erkannt, dass sie den ganzen Nordkaukasus in Brand setzen können, wenn es ihnen gelingt, Dagestan zu destabilisieren.

Wie groß ist überhaupt noch Moskaus Einfluss im Nordkaukasus, der sich der Kontrolle durch die Zentralregierung mehr und mehr entzieht?

Das steht jetzt auf der Kippe. In den Nachbarrepubliken Tschetscheniens wie Inguschetien, Nordossetien oder Dagestan ist die wirtschaftliche Infrastruktur zusammengebrochen. Die Region ist die wirtschaftlich schwächste in Russland. Natürlich werden dort Aversionen gegen Moskau stärker. Andererseits gibt es in diesen Republiken jetzt nicht plötzlich die Gefahr, dass sie sich von Russland abspalten. Für sie gibt es keine Alternative. Einen tschetschenischen wahhabitisch Staat sehen sie als Gefahr für sich selbst an. Außerdem sind sie untereinander zerstritten.

Der Kreml-Bevollmächtigte für Südrussland, Viktor Kasanzew, hat am Freitag gesagt, es sei zu früh, die Spur der Attentäter in Tschetschenien zu suchen. Steht er mit dieser Zurückhaltung in Moskau nicht ziemlich allein da?

In Moskau ist man vorsichtig geworden, weil noch keiner genau weiß, wer die Bombenanschläge im September 1999 verübt hat. Damals wurde zunächst leichtfertig von einer tschetschenischen Spur gesprochen. Die Leute, die verhaftet wurden, waren aber keine Tschetschenen. Daraus hat auch Putin gelernt. In Russland wird heute eine bessere PR-Kampagne gefahren. Man weiß heute, dass solche Aussagen eher schaden, als dass sie Putins Autorität stärken.

Welche Reaktionen Russlands sind jetzt zu erwarten? Nach den Anschlägen von 1999 hatte Putin mit einer Offensive in Tschetschenien reagiert.

Der Tschetschenien-Krieg als solcher ist zu Ende. Die Russen sind mit größter Brutalität vorgegangen, um dort jeglichen Widerstand zu bekämpfen. Auf der anderen Seite geht der Partisanenkrieg weiter. Vor zwei Wochen ist eine Bombe in Wladikawkas in Nordossetien explodiert, jetzt der Anschlag in Dagestan. Solche Attentate lassen sich kaum vereiteln. Russland wird sich auf ein langes Nordirland einstellen müssen.

Ein Friedenskonzept für die Region scheint aber in Moskau kein Thema zu sein.

Die Zukunft liegt in einer Zusammenarbeit mit dem Westen, im Aufbau einer neuen vertrauensbildenden Struktur in der Region. Bisher wollte Putin den Konflikt nicht internationalisieren. Aber um eine Zusammenarbeit kommt er jetzt nicht mehr herum. Für Putin beginnt außerdem in anderthalb Jahren der Wahlkampf. Bis dahin muss er das Problem in den Griff bekommen.

Das Gespräch führte Claudia von Salzen.

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