Zeitung Heute : Die Region will keine Billigtouristen anlocken - und der Erfolg stellt sich ein

Chris Melzer

"Sanfter Tourismus" hieß nach der Wende ein Schlagwort. Vor zehn Jahren war schnell klar, was man in Mecklenburg-Vorpommern vermarkten konnte: die Natur. Wie dieser sanfte Tourismus funktioniert, wusste jedoch niemand so genau. Jetzt ist die Richtung jedoch klar: Der Fahrradtourismus lockt zahlende Gäste ins Land, gehört aber gleichzeitig zu den umweltschonendsten Formen des Gelderwerbs für eine Region.

Die Zuwachsraten sind sehr ansehnlich und werden Jahr für Jahr mit zweistelligem Plus überboten. Die Zahl der Pedaleure hat die Millionengrenze fast erreicht. Trotzdem sieht Tourismusverbandschef Bernd Fischer immer noch Reserven. Der Fahrradurlaub sei die Zukunft des Fremdenverkehrs im Nordosten. Die Natur locke genügend Touristen an. An der zweiten Voraussetzung, einer intakten Infrastruktur, werde eifrig gewerkelt.

Wege und Ausschilderung seien bei weitem noch nicht perfekt, räumt der Sprecher des Tourismusverbandes Christian Hardt ein. Es gehe aber mit Riesenschritten voran. Die Landräte hätten begriffen, dass jedes Hinweisschild und jeder Eimer Asphalt eine Investition seien.

Hardt verweist auf die Vorzeigestrecke im Nordosten, den Mecklenburgischen Seenradweg. Der fängt in Lüneburg an, schlängelt sich durch den südlichen Landesteil und endet erst auf Usedom. Dabei passiert er die Mecklenburger Seenplatte sowie 76 Hotels und Campingplätze, elf Jugendherbergen und 18 Tourismuszentralen. Die Unternehmen kamen nur in den Werbekatalog des Tourismusverbandes, wenn sie fünf Bedingungen erfüllten. Dazu gehört die Bereitstellung von Trocken- und Reparaturräumen und abschließbaren Fahrradkammern und die Bereitschaft, Radler auch nur für eine Nacht aufzunehmen.

Im vergangenen Jahr wurde der 614 Kilometer lange Radweg eröffnet. Die Resonanz sei "gewaltig" gewesen. Die Werbebroschüre für den Radweg sei 40 000 Mal verschickt worden, öfter als jede andere Veröffentlichung des Verbandes. Schon jetzt werde die Strecke mit so legendären Velo-Strecken wie dem Donauradweg verglichen.

Nur bei den Gastwirten war die Begeisterung zunächst verhalten. Das seien doch Billigtouristen, die zudem nur eine Nacht blieben, hieß es. Wie könne man an den besseren Rucksackreisenden schon Geld verdienen, fragten die Skeptiker.

Sie behielten nicht Recht. Nach Angaben des Verbandes gibt der Velo-Reisende 20 Prozent mehr aus als der übliche Tourist. "Das sind keine Billigtouris", betont Hardt. "Die kommen mit einem 4000-Mark-Rad und perfekt ausgerüstet und erwarten was für ihr gutes Geld." Ein Fahrradständer reiche für die Rasse-Drahtesel nicht. Eine sichere Unterstellkammer müsse ebenso zum Standard gehören wie Trockenräume für die Sportkleidung oder eine Reparaturkammer. Der Fahrradtourist sei zwar Durchgangsreisender, aber "am nächsten Tag steht dann schon der Nächste vor der Tür".

Das bestätigen auch die Hotels und Pensionen entlang der Strecke. Im Seehotel in Plau am See gehören Pedal-Reisende inzwischen zur festen Klientel. Die Angestellten informieren über reizvolle Ausflugsziele und halten für den Notfall Ersatzteile bereit. Das Hotel bietet sogar einen Gepäckservice an und bringt die Koffer zum nächsten Etappenziel. Diese Leistungen offeriert auch das Scheunenhotel in Bollewick. Chefin Sabine Ladda freut sich über jeden Radler. Oft würden ganze Herrenclubs einradeln. Auch das Baltic Sporthotel in Zinnowitz registriert immer mehr Fahrradtouristen. Und das, obwohl die Usedomer Herberge eher in die hochpreisige Kategorie gehört.

Grund genug für den Tourismusverband, nachzulegen. Den Seenradweg soll in Kürze eine andere Radlerlinie kreuzen: Von Kopenhagen nach Berlin wollen die Tourismusmanager eine Strecke abstecken. Von den 380 Kilometern Radweg liegen gute 130 in Mecklenburg-Vorpommern. Als Test radelten Anfang September schon 20 Dänen und neun Deutsche die Strecke ab: Morgens um zwei gings in Kopenhagen los, abends um neun waren die Extremurlauber in Berlin.

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