Zeitung Heute : Die reine Ehre

Er steht nicht freiwillig im Ring. Aber nun kämpft Joschka Fischer umso härter für Rot-Grün – und für sich

Stephan Haselberger

Ist das da Joschka Fischer, der „gefürchtete Debattenredner“? Das „Alphatier“, wie sie ihn nennen, die „Rampensau“, der „Chef im Ring“ – jeder Schlag ein Treffer und für die Galerie noch eine Zugabe knapp oberhalb der Gürtellinie, immer feste druff?

Der Mensch, der da säbelbeinig am Rednerpult steht – sein Silberschopf, das vertraute Faltengesicht, der Zeigefinger, der durch die Luft stochert wie ein Spieß – dieser Mensch sieht tatsächlich aus wie Fischer. Aber er hört sich anders an. Irgendwie kraftlos und fahrig, wie aus der Zeit gefallen.

Es ist der Mittwoch der vergangenen Woche, die letzte ordentliche Sitzung des 15. Deutschen Bundestages. Vor Fischer hat Gerhard Schröder in einer Mischung aus staatsmännischer Würde und oppositionellem Furor seine letzte Rede gehalten vor einem Parlament, dessen Auflösung er gegen erheblichen Widerstand erzwungen hat – auch gegen den des Außenministers. Fischer erschien es nach der NRW-Wahl nicht besonders klug, einen Kampf auf wenige Runden zu verkürzen, wenn der andere nach Punkten vorne liegt. Schröder hat ihn trotzdem in den Ring genötigt. Seither tut Fischer die meiste Zeit so, als sei eine weitere Amtszeit von Rot-Grün nach dem 18. September nur eine Frage des Kampfgeistes.

Wer daran zu zweifeln wagte in den letzten Wochen, ist eine „Feuchthose“ oder ein umfragehöriger Ignorant, der in der Wahlnacht eines Besseren belehrt werden wird, so wahr er Joschka Fischer heißt und mit seinem Wahlkampf-Bus das ganze Land abfährt. 14000 Kilometer in sechs Wochen, mindestens zwei Auftritte pro Tag und dazu die geballte fischersche Autosuggestionskraft: „Die Umfragen geben vor, es ist aussichtslos, aber ich sage: Nein! Ich akzeptiere das nicht! Surrender is not an option!“

Fischers Busfahrer hat zuletzt James Brown durch Italien und Spanien gekarrt, auch so eine Legende, die einfach weiter- macht, bis es nicht mehr geht.

Im Parlament kann man beobachten, wie Fischer schwitzt. Er rackert sich ab, er röhrt, krächzt und knarzt, die Stimme noch heiserer als sonst, er grimassiert und gestikuliert, die Hände zittern ein bisschen. Es geht um viel bei seinem womöglich letzten Auftritt vor dem Bundestag als Vizekanzler. Es geht um den großen Moment. „Große Politik“, hat Fischer, Symbolfigur von Rot-Grün mit ausgeprägtem Hang zur Selbst-Mythologisierung, kürzlich in dem Dokumentarfilm „Der Rausch der Macht“ gesagt, „große Politik zielt immer auf das Rendezvous mit der Geschichte“.

Nur dass der Moment im Plenum jetzt vorübergeht, ungenutzt, keine Verabredung bis auf weiteres. Vielmehr darf eine freudig erregte Opposition erleben, wie sich der Minister im Angesicht der Historie im Kleinen verliert, statt das große Design der letzten oder gar vier weiterer Jahre Rot-Grün aufzuzeigen. Wer Fischer an diesem Tag zuhört, muss befürchten, dass es keines gibt. Da tauchen unvermittelt „Autos mit Hybridmotor, also mit einem Elektromotor und mit einem konventionellen Ottomotor“ in seiner Rede auf, außerdem „chinesische oder indische Delegationen“, und zwar „auch dort, wo sie vorher nicht gewesen sind“. Man ahnt: Es geht um die Energiefrage, und man wünscht sich – der Liter Super kostet an diesem Tag einen Euro 39 – in einem plötzlichen Sympathieschub den Autokanzler Schröder zurück ans Rednerpult. Der hat zwar auch kein Grand Design für Rot- Grün zu bieten, aber er spricht wenigstens eine klare Sprache: „Das Setzen auf alternative, erneuerbare Energien ist bitter notwendig, um vom Öl wegzukommen.“

Überhaupt erlebt man in diesen Wahlkampfwochen einen Kanzler, der mit sich im Reinen zu sein scheint, während man das von seinem Stellvertreter streckenweise nicht so genau weiß. Der „Minister des Äußersten“, wie er bei den Grünen tituliert wird, unterliegt erkennbaren Formschwankungen, ein Spitzenkandidat als Jo-Jo. Kaum vorstellbar, dass es einem Joschka Fischer im Normalzustand eingefallen wäre, Angela Merkel als „Kanzlerin“ anzureden, und sei es nur ironisch gemeint. Das klang schon sehr nach dem verhassten A-Wort: Abschied. Nach dem Parlamentsauftritt am Mittwoch vergangener Woche schalteten grüne Landesfürsten in ihren Büros resigniert den Fernseher ab und sagten das Sch-Wort.

Andererseits steht derselbe Joschka Fischer nur einen Tag später im ZDF-Studio von Maybrit Illner Unter den Linden und macht ein Gesicht wie die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch beim appetitlichen Gedanken, in Bälde Mogli zu verspeisen. Gerade redet der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle, den Fischer seit langem für eine Art Milchschnitte hält, gut für den kleinen Hunger zwischendurch. Der „Guuiiido“, wie Fischer den Liberalen gerne nennt, übersteht den Abend aber unbeschadet. Statt seiner putzt Fischer Oskar Lafontaine weg, den ehemaligen SPD-Chef und heutigen Spitzenkandidaten der Linkspartei. Der leistet sich unvorsichtigerweise den Luxus, Fischer zu einer Wette aufzufordern um die Frage, ob die erste Senkung des Spitzensteuersatzes die Grünen oder aber Lafontaine selbst in seiner Zeit als Bundesfinanzminister zu verantworten hatten. Es kommt zu einem schönen Dialog, an dessen Ende Lafontaine so versnobt dasteht, wie seine Gegner es schon immer geglaubt haben. Lafontaine: „Da biete ich Ihnen jetzt eine Wette an. Eine Kiste Champagner – und das wird überprüft. Auf Ihren Druck hin wurde der Spitzensteuersatz gesenkt. Eine Kiste Champagner!“ Fischer: „Nein! Wenn, dann Bier! Wir sind eine Partei, wo man um Bier wettet. Maximal. Aber nicht um Champagner.“

Wahrscheinlich ist es so, dass Fischer selber stärker an Umfragen glaubt, als er zugibt. Den augenfälligen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Auftritt erklären Vertraute jedenfalls mit dem unverhofften Aufschwung der SPD in den Umfragen Ende letzter Woche: „Die neuen Zahlen waren Doping.“ Gut möglich, dass Fischer die Machtperspektive braucht, damit er als Gesamtkunstwerk nicht auseinander fällt in folkloristisch wirkende Fragmente: den Umweltaktivisten, den ob der Weltläufe höchst besorgten Außenminister, den Wahlkämpfer in der zum Ritual erstarrten Popstarpose, den ewigen Rebellen. Vielleicht macht auch das den Unterschied zu Schröder in den letzten Wochen aus: dass Schröder loslassen kann – Sieg oder Viktoria, Kanzlerschaft oder Familienglück mit dem Adoptivkind – Fischer aber nicht. Womöglich ist sein Zuhause die Politik. Fischer selbst bestreitet das, behauptet, er könne „sofort die Tür hinter mir zu machen“. Auch sinniere er nicht über „mein Bild in der Geschichte“.

Tatsache ist: Das Jo-Jo Fischer saust mit den verbesserten, aber noch immer geringen Siegeschancen für Rot-Grün so schnell nach oben, dass einem angst und bange werden kann. Zum Beispiel, wenn man ein wohlerzogener Herr wie Wolfgang Gerhardt ist und von der FDP gerade für das Außenamt nominiert wurde. Dann trifft man am Sonntagabend bei Sabine Christiansen auf einen Fischer, für den das Wort von der „Rampensau“ wieder volle Gültigkeit hat, Betonung auf der letzten Silbe. In jeder einzelnen Stirnfalte des Ministers liegt Verachtung. Fischer rempelt und rüpelt, er spottet und höhnt, er lässt sein Gegenüber aussehen wie einen lernschwachen Grundschüler. Vernichtend sein Einwurf, die Moderatorin werde Gerhardt „schon helfen, wenn es schwierig wird“.

Das Ganze ist ein faszinierendes Schauspiel, aber es hat zugleich auch etwas Abstoßendes. Es erinnert noch einmal an das Archaische, Unzivilisierte in Fischers Person, das Schlägerhafte und Rücksichtslose, das ihn bis an die Spitze der Republik gebracht hat und einen Teil der Bewunderung so vieler Deutscher ausmacht. Dabei ist die Geschichte seines Aufstiegs zum beliebtesten Politiker des Landes auch eine Geschichte der Einschüchterung, Erniedrigung und Domestizierung anderer. Liebling Fischer – das war immer auch Ekel Joschka. In seiner Partei können sie ein trauriges Lied davon singen. Sein langjähriger Freund Rezzo Schlauch zum Beispiel. Dem damaligen Grünen-Fraktionschef verkündete Fischer, ganz der Pate, in der Wahlnacht 2002 in einem italienischen Restaurant in Berlin-Kreuzberg das Karriere-Ende: „Ich habe dir nichts anzubieten.“ Schlauch rettete sich dann mit Hilfe seines Freundes Gerhard Schröder ins Wirtschaftsministerium, von wo aus er als Mittelstandsbeauftragter dem Ende seiner Karriere entgegenreiste.

Es muss aber auch so etwas wie eine Lust an der Unterwerfung geben, die Fischer zu wecken versteht wie kein anderer Spitzenpolitiker. Selbst erfahrene, langjährige Hauptstadt-Korrespondenten haben seine unverhohlene Herablassung in den vergangenen sieben Jahren oft widerspruchslos ertragen. In Hintergrundgesprächen mit Journalisten ließ er sich das Mahl zuweilen vorab servieren, stocherte danach missmutig zwischen den Zähnen herum, und wer ihn bei diesem anscheinend kontemplativen Akt mit einer Frage zu belästigen wagte, wurde kopfschüttelnd in die Trottelecke geschickt nach dem Motto: Wie kann man nur so dumm sein!

Ist das Joschka Fischer? Der Mensch, der einem da im Wahlkampfbus gegenübersitzt auf der Fahrt von Nürnberg nach Würzburg, gibt einen überaus angenehmen, für seine Verhältnisse fast schon milden Gesprächspartner ab. Er hat monatelang durch einen hindurchgesehen, als wäre man nicht existent, aber jetzt lässt der 57-Jährige Fragen zu, die er vor kurzem noch rüde zurückgewiesen hätte. Man kann mit diesem charmanten Mann, seit kurzem Großvater einer Enkeltochter, jetzt zum Beispiel ungestraft über Macht und Freundschaft in der Politik reden.

Herr Fischer, hatten Sie ein schlechtes Gewissen, als Sie ihrem Freund Schlauch beim Italiener eröffneten, er müsse den Fraktionsvorsitz aufgeben?

„Welcher Italiener?“

Wie ist das, einem Freund eine Funktion zu verweigern?

„Man muss versuchen, emotionale Verletzungen auszugleichen. Und man muss davon überzeugt sein, das Richtige zu tun. Am schwierigsten ist es bei Leuten, denen du viel bedeutest. Wenn die was von dir wollen, aber du der Überzeugung bist: Dafür ist derjenige nicht gebaut.“

Stellen Sie nicht auch in Freundschaften immer ein Oben und Unten her?

„Freundschaft verträgt kein Oben und Unten. Es gibt kein Oben und Unten mit Tom Koenigs, Daniel Cohn-Bendit oder Otto Schily – auch nicht mit Rezzo Schlauch. Es gibt aber keine Freundschaft unter Männern ohne kompetitives Element. Das lässt die Sache nicht erlahmen.“

Es ist wohl aber eher so, dass es mit ihm keine Freundschaft ohne Konkurrenz geben kann. Wenn es eherne Konstanten gibt in Fischers Wandlungsgeschichte vom militanten Straßenkämpfer zum Taxifahrer zum Grünen-Realo zum Außenminister zum Marathonmann, dann sind es Konkurrenz und Kampf. Er hat sich auf diese Weise quasi selbst erschaffen, immer wieder neu. Jetzt, da es mit Rot-Grün zu Ende zu gehen droht, kämpft er um die Ehrenrettung einer Koalition, für die er stand wie kein anderer. Es geht am Sonntag wie immer auch und vor allem um ihn selbst, um das große Ich von Joseph Fischer, genannt Joschka.

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