Zeitung Heute : Die Reisewelle

Sie kommen aus Düsseldorf und aus Marburg an die Elbe – Helfer aus ganz Deutschland fahren der Flut hinterher

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Von Nina Hermann, Dömitz

Auf dem Sandsack-Verladeplatz am Rande von Dömitz nennen sie ihn nur „den Rocker“. Michael Pokrant trägt einen schwarzen Overall mit halb geöffnetem Reißverschluss, Spiegelsonnenbrille, eine Tätowierung am Arm und auch nach einer durcharbeiteten Nacht noch ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Es sei ein verdammt gutes Gefühl, helfen zu können, sagt er. Der 38-Jährige ist Chef eines Fuhrunternehmens im hessischen Marburg und mit einem knallroten Chevrolet-Pick-up nach Mecklenburg-Vorpommern gebraust. „Nachdem die Fernsehbilder von der Flut nicht enden wollten, habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin los“, sagt er.

Das Fachwerkstädtchen Dömitz liegt an der einzigen Brücke, die hier in der Gegend über die Elbe führt, gleich gegenüber des niedersächsischen Landkreises Lüchow-Dannenberg. Deshalb ist es jetzt für viele, die aus allen Winkeln der Republik angereist sind, erste Anlaufstelle, um beim Wettlauf gegen die Flut mitanzupacken. Am Mittwochmorgen hatte die Evakuierung von Dömitz begonnen. Der Fluss hat sich über die ganzen Elbauen hinweg zu einer gewaltigen Seenlandschaft ergossen und steht jetzt kurz unter der Deichkrone. Auf dem Verladeplatz nur wenige Meter hinterm Deich schlucken Pokrant und die rund 250 anderen freiwilligen Helfer trockenen Staub. Pokrant stapelt die Sandsäcke auf der Ladefläche seines Pick-ups, die anderen Helfer hieven sie keuchend zu ihm hoch. Die Augustsonne brennt, der Schweiß läuft. „Kinders, habt ihr mal einen Schluck Wasser“, fragt Pokrant.

Es sind vor allem Schüler aus den umliegenden Gemeinden, die hier mithelfen. Unterricht haben sie ohnehin gerade nicht, der ganze Landkreis Ludwigslust hat unterrichtsfrei, weil die Schulen zu Notunterkünften für Evakuierte umgewandelt wurden. Die meisten Mädchen tragen Shorts und Bikini-Oberteil. Michael Pokrant zwinkert ihnen gerne zu, und sie erwidern immer häufiger mit einem Lächlen, die eine keck, die andere schüchtern. „Meine Schöne, Du hier und nicht in Hollywood“, das ist Pokrants Standardspruch.

Hand in Hand mit den Heimischen arbeiten die von weit Angereisten. Hans-Jürgen Meyer aus Oberhof im Thüringer Wald, ein 50-jähriger arbeitsloser Monteur, und seine Schrebergartennachbarn aus der Kolonie „Himmelreich“ reisen mit der Flut. Am Vortag schufteten sie noch am Elbdeich in Magdeburg, als sich dort die Lage entspannte, fuhren sie weiter elbabwärts. Auch Meyer schwärmt von dem guten Gefühl, helfen zu können. „Sonst wird meine Arbeit nicht mehr gebraucht, nun ist sie ganz wichtig.“ Neben ihm an der Ladefläche ist Stefan Franke aus Hannover in die Hocke gegangen, um kurz zu verschnaufen. „Hey, Rambo, nicht schlapp machen“, flachst ein Schüler aus dem Nachbarort. „Warste nicht beim Bund?“ Nein, war der frischgekündigte Lagerarbeiter nicht, obwohl er einen Tarnanzug trägt, ein armeegrünes Stirnband und ein Sanitätstäschchen. „Ich wurde als untauglich ausgemustert, hier kann ich meinen Mann stehen“, sagt der 32-Jährige.

Neue Nachrichten aus dem Radio machen die Runde. Die erste Flutwelle zieht vorbei. Früher als erwartet, aber der Scheitel des Elbwassers stagniert vorläufig 40 Zentimeter unter den befürchteten 7 Meter 10. Doch von Entwarnung könne längst noch keine Rede sein, heißt es. Durch die Luft donnern Tornados der Bundeswehr, die mit Wämebildkameras die Schwachstellen in den Deichen herausfinden sollen. Unten rumpeln fast im Minutentakt Transporter auf dem holprigen Parkplatz, die mit Sandsäcken beladen werden müssen. Die Sandsäcke hat die Bundeswehr aus Mailand eingeflogen. Meist sind es private Unternehmer wie Michael Pokrant, die mit ihren Lastfahrzeugen von hier zu den kritischen Stellen an den Deichen pendeln.

Brandneu sind die beiden Sechstonner mit dem Kennzeichen D. Sie kommen direkt aus dem Düsseldorfer Daimler-Chrysler-Werk. Von dort sind Dienstag nach Schichtende 18 Azubis und zwei Ausbilder Richtung Dömitz aufgebrochen. Es war die Idee von Ausbildungsmeister Bodo Schaale. „Ich hab das Okay von der Werksleitung bekommen, dann unsere Jugendlichen zusammengetrommelt und gefragt, wer mitkommen will.“ Es war fast jeder Zweite, und ein paar Stunden später ging die Reise schon los.

Michael Pokrant startet seinen vollbeladenen Transporter, fährt hinein nach Dömitz. Nur noch Helfer, die Sandsäcke anliefern, dürfen in die abgeriegelte Stadt. Polizeibeamte rufen über Lautsprecher die Bevölkerung zum Verlassen ihrer Häuser und der Stadt auf. Doch die meisten der 5000 Bewohner bleiben stur. Viele haben sich zum Abladen der Sandsäcke an den Deichen des Elbezuflusses Löcknitz versammelt, der mitten durch die Stadt verläuft und dessen Pegelstand langsam aber beständig zur Deichkrone hinaufklettert. Als Pokrant mit seinem roten Pick-up angefahren kommt, klatschen die Leute. Auch hier kennen sie ihn längst.

Als Pokrant zurück zum Verladeplatz kommt, brechen die Menschen überrascht auf. Der Platz wird geräumt, die Welle kommt, Busse bringen die Helfer aus der Umgebung in einen sicheren Nachbarort. Zurück bleiben die Auswärtigen, die zusammensitzen und sich fragen, wo es nun hingehen soll. Elbabwärts, mit der Flut, da sind sie sich einig. Doch wissen sie nicht genau, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Die Auszubildenden von Daimler-Chrysler liegen nach einer Nacht mit zwei Stunden Schlaf erschöpft im Schatten, einige haben sich einen Sonnenbrand geholt. Später fahren sie zur nächsten Notunterkunft für Evakuierte, damit Sanitäter die verbrannte Haut verarzten können. Die Männer aus dem Thüringer Wald, der Hannoveraner Stefan Franke und die Übrigen fahren im Konvoi los, auf der Suche nach ihrem nächsten Einsatzort.

Nur Michael Pokrant verharrt noch auf dem leeren Platz. „Ein bisschen abwarten, ob die Deiche halten“, will er. Und das gute Gefühl genießen, geholfen zu haben.

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