Zeitung Heute : Die rettende Spritze vor dem Drogentod

Der Tagesspiegel

Jeder der 189 Menschen, die im letzten Jahr in Berlin durch den Konsum illegaler Drogen gestorben sind, ist einer zuviel. Doch wie ist es möglich, diese Zahl zu verringern? „Es gibt keinen Königsweg“, sagt Gesundheitsstaatssekretär Hermann Schulte-Sasse, „nur viele kleine Beiträge.“ Neben den derzeit auch für Berlin diskutierten Fixerstuben ist einer dieser Beiträge das Medikament Narcanti. Es dient zur Behandlung von Atemstillstand, der häufig durch Opiate oder synthetische Betäubungsmitteln verursacht wird. Viele derjenigen, die starben, weil eine Überdosis Heroin ihre Atmung lahmlegte, hätten mit diesem so genannten Opioid-Antagonisten gerettet werden können, wenn es sofort verfügbar gewesen wäre. In einem bundesweit einmaligen Modellversuch erprobt Berlin derzeit die Möglichkeit, den Junkies das Medikament für Notfälle an die Hand zu geben. Normalerweise darf das verschreibungspflichtige Mittel nur unter ärztlicher Kontrolle verabreicht werden.

Seit Beginn des Modellversuches 1998 haben Therapeuten in Berlin rund 300 Drogenabhängige im Gebrauch von Narcanti, das bei einem Notfall sofort gespritzt werden muss, geschult. Dabei arbeitete man mit den Junkies, die fest in der Szene verankert sind und häufig ihre Drogen gemeinsam mit anderen konsumieren. Neunzig von ihnen hielt man für verantwortungsbewusst genug, mit dem Mittel umgehen zu können. „Bisher spritzten die ausgebildeten Rauschgiftsüchtigen das Medikament in rund 60 Notsituationen“, sagt die Berliner Drogenbeauftragte Elfriede Koller. Ohne Narcanti wären einige von ihnen sicher in der Drogentotenstatistik gelandet.

Nicht alle Drogentote sterben durch die direkte Wirkung des Rauschgiftes. Wer als Drogentoter gilt, das bestimmt eine Definition des Bundeskriminalamtes. Danach zählen nicht nur die direkt an einer Überdosis Rauschgift gestorbenen Personen, sondern auch diejenigen, die sich mit von der Droge vernebelten Sinnen das Leben nahmen oder bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Und da in Berlin vier gerichtsmedizinische Institute fast jeden obduzieren, bei dessen Tod ein Fremdverschulden nicht sofort ausgeschlossen weren kann, finden die Mediziner öfter als in anderen Städten auch Drogen im Körper – ein weiteres Rauschgiftopfer. Auf diesem Wege können auch harmlose Haschraucher in der Statistik auftauchen. Elfriede Koller: „Cannabis ist noch vier Wochen nach dem Konsum nachweisbar.“ Bei Alkohol ist das anders: „Wer betrunken bei einem Verkehrsunfall stirbt, zählt als Verkehrsopfer, nicht als Alkoholtoter.“ I.B.

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