Zeitung Heute : Die richtigen Zutaten

Bei Rainer Schwadtke stehen Jung und Alt in der Backstube – und ergänzen sich.

Voneinander lernen. Melvin Dieu und Gerhard Grams arbeiten im selben Bäckerei-Betrieb. Foto: Davids/Sven Darmer
Voneinander lernen. Melvin Dieu und Gerhard Grams arbeiten im selben Bäckerei-Betrieb. Foto: Davids/Sven DarmerFoto: DAVIDS

Zwei Jahre gegen ein ganzes Leben – was Rainer Schwadtkes Mitarbeiter an Erfahrung mitbringen, könnte kaum unterschiedlicher sein. Gerhard Grams, ältester Geselle in der Friedrichshagener „Dresdner Feinbäckerei“, ist 81 Jahre alt – der jüngste Azubi gerade mal 18.

Damals selbst 18-jährig, fing Grams 1950 in der Bäckerei an. Seit 63 Jahren macht er hier sein Spritzgebäck, den Mürbeteig, die Bärentatzen. Auch seine Frau hat er hier kennengelernt. Bäcker- und Konditormeister Rainer Schwadtke sagt: „Warum sollte man die alten Leute entsorgen‘? Man kann doch noch von ihnen lernen.“ Nach seinem Diversity Management gefragt, kommt allerdings die knappe Gegenfrage: „Wat für’n Ding?“ Die Altersvielfalt in Schwadtkes Betrieb mit knapp 30 Mitarbeitern ist nicht planvoll entstanden – sie ist einfach passiert.

2013 war ein erfolgreiches Jahr. Das Magazin „Der Feinschmecker“ kürte das Unternehmen zu einer der besten Bäckereien des Landes. Für die Kanzlerin hat Schwadtke gebacken, zuletzt gab es die Franz-von-Mendelssohn-Medaille für das soziale Engagement. Auch der Nachwuchs liegt Schwadtke am Herzen. Er lädt regelmäßig Kinder und Jugendliche ein, bei ihm zu backen.

Der 18-jährige Auszubildende Melvin Dieu brauchte ein bisschen, um mit allen Kollegen eine gemeinsame Ebene zu finden. Doch jetzt kenne man sich, „und wir können viel miteinander lachen“, sagt er. In der Backstube schaut er bei Gerhard Grams genau hin, wenn der seine Kaviarstangen formt. „Die richtige Handbewegung, nicht verkrampfen – das ist gar nicht einfach“, sagt Dieu. Seinen Kollegen vermittelt Grams zudem ein Bewusstsein für den ökonomischen Umgang mit Materialien. „Heute gibt es ja alles im Überfluss“, sagt Chef Schwadtke. „Aber er hat in den vierziger, fünfziger Jahren gelernt, wo es nichts gab.“ Wenn es dagegen einen 50-Kilo-Mehlsack zu schleppen gilt, springen die Jüngeren ein.

Ein weiterer Geselle, inzwischen 69 Jahre alt, kommt seit Jahren einmal pro Woche aus Lutherstadt Wittenberg. Im Weihnachtsgeschäft hilft er fast jeden Tag. Diesen Zusammenhalt schätzt Schwadtke. Bei Weiterbildungen, Ausflügen und Feiern fällt ihm immer wieder auf, dass nicht die Jungen bei den Jungen sitzen und die Alten bei den Alten. „Die mischen sich, man kennt sich, es werden Anekdoten erzählt.“ Und Geschichten wie die von der Hochzeitstorte, die beim abrupten Bremsmanöver auf den Beifahrersitz segelt, haben alle auf Lager – ob 18 oder 81.Franziska Felber

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar