Zeitung Heute : Die Rohstoffpreise bleiben hoch

Das wird auf Jahre durch die starke Nachfrage aus China und Indien vermutlich so bleiben

Jonas Dowen[Chicago]

Der Aufschwung an den Rohstoffmärkten ist ins Stocken geraten. Der Ölpreis ist von rund 80 Dollar je Barrel auf nur noch 64 Dollar gefallen. Nachdem sich die Spekulation aus der Anlageklasse etwas zurückgezogen hat, sind auch die Preise für agrarische und metallische Rohstoffe zurückgefallen. Für Ökonomen sind das positive Zeichen, auf die man gerade in den Industrieländern lange gewartet hat. Denn sinkende Rohölpreise helfen der Konjunktur auf die Sprünge. Entwarnung ist jedoch noch lange nicht angesagt. Denn Experten wie Jim Rogers, Jeff Currie oder Klaus Martini sind sich sicher, dass die derzeitige Phase lediglich eine Korrektur von Übertreibungen darstellt und der Superzyklus am Rohstoffmarkt weiter Bestand haben wird und noch auf viele Jahre hinaus für Überraschungen sorgen wird.

Auf den meisten Märkten könne das Angebot noch immer nicht mit dem Tempo der weltweit steigenden Nachfrage Schritt halten, obwohl in den vergangenen Monaten erhebliche Gelder in die Suche, Exploration und Erschließung neuer Rohstoffvorkommen investiert worden sind. Dass die großen Rohölmultis weltweit auf einer Liquidität von inzwischen mehr als 550 Milliarden Dollar sitzen, zeigt jedoch, dass die Suche nach neuen größeren Rohölfeldern offensichtlich so gut wie aussichtslos ist. Vor diesem Hintergrund bleibt vor allem die Lage an der Energiefront in den nächsten Jahren zugespitzt. Der Aufwärtstrend der Preise werde zwar – wie derzeit – immer wieder von Minuskorrekturen unterbrochen, doch sei noch zumindest für die nächsten zehn Jahre mit tendenziell steigenden Preisen zu rechnen. Das Tempo der Preissteigerung werde aller Voraussicht nach jedoch nicht mehr an das der vergangenen fünf Jahre heranreichen, heißt es allgemein.

Wenn die Rohstoffpreise steigen, ist das für die Rohstoff-Produzenten und -Investoren ein Grund zum Jubel. Weite Teile der Weltwirtschaft stöhnen jedoch nach wie vor unter dieser Last. Die Weltwirtschaft leidet zwar unter stark gestiegenen Energiepreisen, hat diese Belastung in den vergangenen Jahren jedoch „erstaunlich gut weggesteckt“, wie Martini im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagt. Nach Meinung von Hans-Jürgen Klisch, Geschäftsführer der US-Investmentbank Raymond James & Associates ist an den Energiemärkten keine nachhaltige Entspannung abzusehen. Als entscheidend wird von den Fachleuten nach wie vor die starke Nachfrage aus bevölkerungsreichen Ländern wie China und Indien angesehen. Beide Staaten befinden sich erst am Eingangstor zur Industrienation und müssen in den nächsten Jahren erhebliche Anstrengungen zum Aufbau ihrer Infrastruktur vornehmen, was einen anhaltend hohen Rohstoffbedarf bedeutet.

Die meisten Analysten haben den Aufschwung der Rohstoffpreise in den vergangenen Jahren unterschätzt. So war es notwendig, dass sie ihre Preisprognosen immer wieder an die überraschend stark gestiegenen Preise nach oben anpassen mussten. „Das Risiko an den Rohstoffmärkten liegt weiterhin in steigenden und nicht in sinkenden Preisen“, sagt Jim Lennon, der als einer der Ersten in den vergangenen Jahren den Aufschwung der Preise angekündigt hatte.

Starken Nachholbedarf haben nach Meinung von Fachleuten agrarische Rohstoffe. Entscheidende Impulse erhalten Teilmärkte wie Zucker, Mais, Sojabohnen und Raps durch eine neue Energiepolitik in den USA und in Europa. So rückt die Bush-Regierung mit der Verabschiedung des neuen Energiegesetzes Bio-Energien stärker in den Vordergrund. Bio-Treibstoffe wie Ethanol und/oder Biodiesel (aus Raps hergestellt) sollen künftig dazu beitragen, den Energiebedarf decken zu helfen. Die Einflussfaktoren auf Rohstoffpreise sind vielfältig. Neben Ernteberichten, Wirbelstürmen und Attentaten auf Pipelines sind auch die Klimabedingungen ein entscheidender Preisfaktor.

Wer als Anleger in Rohstoffe investieren will, hat zahlreiche Möglichkeiten. Neben dem Investment über Futures und Optionen an den Terminbörsen sind Kapitalanlagen in Rohstoffaktien oder in auf Rohstoffaktien spezialisierte Investmentfonds eine gute Alternative. Darüber hinaus hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren ein Zertifikatemarkt entwickelt, der von der Angebotsseite her kaum noch Wünsche offen lässt. Trotz der unbestrittenen Attraktivität von Rohstoffen fristen diese in den Depots noch ein Schattendasein, heißt es in Expertenkreisen. Umfragen zufolge halten lediglich circa ein Prozent der Anleger Rohstoffe in ihrem Depot.

Bei der Anlage in Rohstoffzertifikate gilt es einige Dinge zu beachten. Rohstoffe werden meist in US-Dollar notiert. Deutsche Zertifikate notieren an der Stuttgarter Börse Euwax dagegen in Euro. Mit dem Erwerb eines Zertifikats geht der Anleger somit auch ein Währungsrisiko ein. Mit so genannten Quanto-Zertifikaten kann dieses Risiko jedoch ausgeschaltet werden. Rohstoffzertifikate haben in den meisten Fällen den Rohstoff-Future als Basiswert. Endlos laufende Zertifikate wie Tracker- oder Turbozertifikate beziehen sich meist auf den nächst fälligen Future und werden in regelmäßigen Abständen gerollt.

Ist der zu kaufende Future teurer als der zu verkaufende, spricht man von „Contango“. In diesem Fall entstehen Rollkosten die im Preis des Zertifikats berücksichtigt werden müssen. Dies kann die Gesamtperformance schmälern. Liegt jedoch der umgekehrte Fall vor – hier spricht man von „Backwardation“ – profitiert der Anleger doppelt.

Die Rohstoffpreise korrelieren kaum oder gar nicht mit der Wertentwicklung von Aktien oder Anleihen. Dadurch führt schon eine geringe Beimischung dazu, die Volatilität – also das Risiko – des Gesamtportfolios zu verringern, womit dem Diversifikationsgedanken vor allem beim langfristigen Vermögensaufbau Rechnung getragen werden kann.

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