Die Rolle der USA im Libyen-Krieg : Sprache der Bomben

Seltene Töne aus den USA: Diesmal wollen sie nicht die Führungsrolle, diesmal sollen die Europäer ran. Deshalb sind die Ziele des Libyen-Einsatzes auch ganz unterschiedlich. „Die Zivilbevölkerung schützen“, sagt Obama. „Gaddafi stürzen“, sagt Sarkozy

Das Staatsfernsehen zeigte die goldene Faust, die ein US-Kampfflugzeug zerdrückt, das Wahrzeichen von Gaddafis Palast in Tripolis. Und mit sich überschlagender Stimme drohte der Despot der westlichen „Kreuzfahrer-Allianz“ einen „langen, ausgedehnten Krieg“ an. „Das gesamte Volk steht unter Waffen, unser Sieg ist gewiss“, rief der Gewaltherrscher am Sonntag in seiner bislang letzten, kurzen Audiobotschaft. Und er gebärdete sich noch einmal, wie die Welt ihn kennt: „Wir haben keine Angst“, erklärte er. „Wir werden uns nicht vom Schlachtfeld zurückziehen, denn wir verteidigen unsere Erde und unsere Würde.“ Die Regierungen in Paris, London und Washington aber würden fallen „wie Hitler und Mussolini“.

Der Diktator gebärdet sich als Freiheitskämpfer, das ist nur eines der widersprüchlichen Bilder, die der Krieg in Nordafrika derzeit produziert. Verwirrend auch ein anderes, das Barak Obama viele Tausend Kilometer von Tripolis entfernt abgibt. Von Brasilia aus gibt der amerikanische Präsident seinen Streitkräften den Einsatzbefehl für Libyen. Er verkündet es am Rande seines Treffens mit Brasiliens neuer Präsidentin Dilma Rousseff, mit ernstem Blick und dunkler Stimme. Trotzdem wird Obama auch jetzt, da er sein „Go“ erteilt, nicht müde zu betonen, dass die USA „nicht die Führungsrolle“ in diesem Einsatz haben, sondern nur eine support role, eine unterstützende Funktion für die arabischen und europäischen Verbündeten. Das sind sehr ungewohnte Worte für Amerikaner, die es gewohnt sind in Kategorien des american leadership zu denken.

Seit 24 Stunden bombardieren französische, britische und amerikanische Kampfflugzeuge Militäreinrichtungen und –fahrzeuge in ganz Libyen. Mit modernster Technologie sind sie vom Himmel über den bis dahin ärmlich vor sich hin schwelenden Scharmützelkrieg hergefallen, den regierungstreue Milizen sich mit den Rebellen geleistet hatten. Die Feuerkraft des Westens hat verheerende Wirkungen. 124 Tomahawk-Marschflugkörper wurden auf Luftabwehrbatterien abgefeuert. Drei für Radar unsichtbare Stealth- Bomber griffen den besonders wichtigen Militärflughafen bei Tripolis an. 48 Menschen seien durch das alliierte Bombardement getötet und rund 150 verletzt worden, darunter viele Zivilisten, erklärte das libysche Staatsfernsehen und zeigte Bilder von Verwundeten aus Kliniken.

Es sind dies die Bilder, die der Westen fürchtet. Zivile Opfer passen nicht in das Konzept des Luftschlags, der das Morden eines sich gegen seinen Herrscher auflehnenden Volkes beenden soll. Noch am Samstag hatte Muammar al Gaddafi versucht, mit massiven Angriffen auf Bengasi die Hochburg der Rebellen im letzten Moment noch unter seine Kontrolle zu bringen oder wenigstens so weit in bewohnte Gebiete vorzustoßen, dass sie vor Angriffen aus der Luft geschützt sein würden. Stundenlang erschütterten Bombeneinschläge, Artilleriesalven und Schusswechsel die westlichen Bezirke der Stadt. Nach Augenzeugenberichten drangen Gaddafis Panzer in zahlreiche Wohngebiete vor, konnten aber nach erbitterten Straßenkämpfen wieder vor die Tore der Stadt zurückgedrängt werden. Dann kamen die Jets der Koalitionstruppen und nahmen sie unter Feuer.

Ohne das operative Zentrum auf einem amerikanischen Flugzeugträger, wäre das nicht möglich. Einen Großteil der Marschflugkörper feuerten US-Schiffe ab. Die Sprachregelung im Generalsstab, die Obama wünscht, aber lautet: „Wir übernehmen die Führungsflanke.“ So drückt es Vizeadmiral Bill Gortney im Pentagon aus. Wie soll man daraus schlau werden? Hat Obama die USA in einen Krieg geführt, ohne es zugeben zu wollen. Oder hat man ihn gedrängt? Zeigt sich dieser Tage einmal mehr, warum so viele US-Bürger ihn immer wieder als fremd und unamerikanisch empfinden?

Obama legt es nicht darauf an, seine Außenpolitik als widerspruchsfrei darzustellen. Die Argumente für ein Eingreifen sind ähnlich gut und überzeugend wie die Gründe, die dagegen sprechen. Er teilt viele Bedenken, die Kanzlerin Merkel von einem Engagement in Libyen abhalten. Deshalb hat er zwei Wochen lang gezögert. Und deshalb wirkte es wie ein unerwarteter Schwenk, als die USA ihren ganzen Einfluss am Mittwoch in den Vereinten Nationen aufboten, um eine Resolution zu verabschieden, die militärische Aktionen gegen Libyen erlaubt.

Es waren nicht Militärs und konservative Falken, die Obama dorthin trieben. Es waren drei Frauen, Interventionisten aus dem linken Lager: Samantha Power, früher Harvard-Professorin und nun Menschenrechtsbeauftragte im Nationalen Sicherheitsrat (NSC); UN-Botschafterin Susan Rice; und Gayle Smith, eine wichtige Stimme im Center for American Progress. Für alle drei war es ein Schlüsselerlebnis, dass die USA beim Völkermord in Ruanda 1994 nicht eingriffen. Bill Clinton nennt es im Rückblick einen seiner schwersten Fehler. Was die Lehren für Libyen betraf, wechselte auch Hillary Clinton in der ersten Hälfte der vergangenen Woche ins Lager der Interventionisten – freilich erst, nachdem sie in Paris mit Vertretern der libyschen Opposition gesprochen hatte.

Zwischen dem 9. und 16. März wurde in täglichen Krisensitzungen im Weißen Haus gestritten, meist ruhig und konzentriert, mitunter leidenschaftlich, in seltenen Ausnahmen mit erhobener Stimme. Obama mag es nicht, wenn die Temperamente mit seinen Beratern durchgehen. Er hat große Sympathien für Freiheitsbewegungen. Aber er scheut das Risiko. Und mit Verteidigungsminister Robert Gates hatte er einen mächtigen Verbündeten in dieser Frage an seiner Seite. Es sei viel zu riskant für die Stimmung in der arabischen Welt, wenn es so aussähe, dass die USA ein bestimmtes politisches Ergebnis mit Gewalt erzwingen wollten. Das Militär könne wegen Irak und Afghanistan keinen lang anhaltenden dritten Krieg führen und schon gar nicht Bodentruppen für ein weiteres „Nation building“ stellen, wenn nach Gaddafis Sturz ein Machtvakuum entstehe und ausländische Streitkräfte die Sicherheit und später freie Wahlen garantieren sollen. Selbst wenn man die Mission von vorneherein auf den Schutz der Zivilbevölkerung aus der Luft beschränke, könne sich aus dem weiteren Verlauf ein Sog entwickeln, der die USA ungewollt in einen vollen Krieg ziehe. Und man muss nur den Namen Jimmy Carters erwähnen, um das Risiko für Obama selbst auszumalen. Carter war 1980 über ein ähnlich gewagtes militärisches Abenteuer gestolpert, den misslungenen Einsatz zur Befreiung amerikanischer Geiseln im Iran.

Zwei Faktoren gaben am Ende den Ausschlag. Erstens die Dynamik am Boden. Gaddafis Söldner schlugen die Aufständischen mit erschreckender Geschwindigkeit zurück. Zweitens bekam Obama, was er als unabdingbar angesehen hatte, nämlich eine führende Rolle arabischer Staaten in der Front gegen Gaddafi. Die Arabische Liga forderte die Flugverbotszone. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi Arabien versprachen die Beteiligung ihrer Luftwaffen gegen Libyen. Am Sonntag stellten dann auch arabische Nationen Kampfflugzeuge bereit. Und nach Darstellung amerikanischer Medien liefert Ägypten schon jetzt Waffen an die Aufständischen.

Schon während der ersten Stunden alliierter Luftangriffe auf Libyen zeigte Gaddafi seine tückische Seite. Der Angriff des Westens erlaubte dem selbstsüchtigen Mann, seine Paraderolle des unbeugsamen Volksführers wieder anzunehmen. Seine Getreuen wurden zusammengetrommelt als menschliche Schutzschilde für Gaddafis Militärbasis Bab al-Azizia und für den zivilen Flughafen von Tripolis. Am Sonntagmorgen waren nahe der libyschen Hauptstadt schwere Explosionen sowie Luftabwehrfeuer zu hören, tagsüber herrschte gespannte Ruhe. Am Nachmittag gab das Staatsfernsehen bekannt, an eine Million Libyer würden jetzt Waffen ausgegeben. Im Hafen nahmen Bewaffnete die Besatzung eines italienischen Schiffes als Geiseln. Derweil griffen Panzer Gaddafis am Sonntag erneut die 200 Kilometer entfernte Stadt Misrata an. Bewohner berichteten dem Fernsehsender „Al Jazeera“, die Stadt stünde unter Dauerbeschuss. Wasser und Strom sind seit Tagen abgestellt, auf Dächern postierte Scharfschützen des Regimes zielen auf alles, was sich bewegt.

Ärzten des Jalaa- Krankenhauses in Bengasi berichteten, mindestens 96 Menschen seien dabei umgekommen, hunderte verletzt. Zahlreiche Häuser und Wohnungen wurden durch Panzergranaten beschädigt, empörte Bewohner inspizierten die Trümmer und beschimpften den Diktator als „Mörder“ und „blutrünstigen Tyrannen“.

Als Folge der alliierten Luftschläge erlebte das Zentrum der Aufständischen am Sonntag erstmals seit längerem einen relativ ruhigen Tag, während die Rebellen sich erneut rüsteten, auf die kurz zuvor aufgegebene Stadt Ajdabija vorzurücken. Fernsehbilder zeigten entlang der Küstenstraße zahlreiche ausgebrannte Militärwracks von Gaddafi-Eliteeinheiten, die von französischen Kampfjets zerstört worden waren. Augenzeugen zählten insgesamt 14 Panzer, zwanzig gepanzerte Truppentransporter, zwei Lastwagen mit Raketenwerfern sowie zahllose Geländewagen, aus denen auch Stunden nach dem Beschuss noch Rauch aufstieg. Mindestens 14 Soldaten kamen bei den Luftangriffen ums Leben, darunter auch afrikanische Söldner. „Gaddafi ist wie ein Huhn, dem die Koalition jetzt seine Federn ausrupft, so dass er nicht mehr fliegen kann“, sagte einer der vorrückenden Kämpfer gegenüber Reuters. „Die Revolutionäre aber werden ihm jetzt den Kopf abschneiden.“

Was passiert, wenn die Rebellen tatsächlich auf Tripolis vorrücken sollten und zu Angreifern der Millionenstadt werden, ist im Szenario der Alliierten nicht vorgesehen. Derweil fliehen tausende Familien in Panik aus Bengasi Richtung Osten. Auf der Küstenstraße kommt es zu kilometerlangen Staus hoch bepackter Autos und Kleinbusse. Die UN-Flüchtlingshilfsorganisation bereitet nahe dem Grenzübergang zu Ägypten ein Notaufnahmelager für bis zu 200 000 Menschen vor. Die bisher eingetroffenen Flüchtlinge seien extrem verängstigt und traumatisiert, einige hätten ihre Häuser durch Bomben verloren, hieß es. Vielleicht werden sie demnächst auch ihren Staat verlieren

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben