Zeitung Heute : Die Rosskur

Vor einem Jahr wurde Matthias Rath über Nacht berühmt: als der neue Reiter von Totilas, dem Jahrhunderthengst. Wie lebt es sich im Schatten eines Pferdes?

Schaum vorm Mund. Ist beim Pferd Zeichen von Entspannung, beim Menschen dagegen von Zorn. Und zornige Reaktionen gab es viele, als Totilas an Matthias Rath ging. Foto: Uwe Anspach, dpa
Schaum vorm Mund. Ist beim Pferd Zeichen von Entspannung, beim Menschen dagegen von Zorn. Und zornige Reaktionen gab es viele, als...Foto: picture alliance / dpa

Ein Bild von ihm ist auf eine Tasse gedruckt. Für die Fans. Er stellt die Tasse vor sich auf den Tisch. Das Bild ist künstlich eingefärbt, Wiese und Büsche tragen ein ganz weiches Grün, der Himmel ein gräulich verschwommenes Blau. Er steht vor diesem Hintergrund in einer weißen Hose und einem schwarzen Polohemd, die linke Hand stemmt er in die Hüfte. Auch er wirkt ein bisschen verfärbt, ganz wächsern. In der Rechten hält er die Zügel eines pechschwarzen Pferdes, sehr ordentlich zusammengelegt. Das Pferd und er sehen in dieselbe Richtung, in die Ferne. Seine Stirn liegt in Falten, die Ohren des Pferdes sind ganz aufmerksam gespitzt.

Hinter dem Tisch und der Tasse sitzt Matthias Alexander Rath und grinst. Der Unterschied zwischen diesem schlaksigen und blassen blonden Kerl, der in einer beigefarbenen Reithose und weit hochgezogenen karierten Kniestrümpfen wie hingegossen in einem Sessel hängt, und dem jungen Mann auf der Tasse könnte größer nicht sein.

Matthias Rath kennt das. Das Bild, das andere von ihm haben, haben möchten vielleicht, deckt sich selten mit seinem eigenen. Immerzu erwarten Menschen Dinge von ihm, meistens ziemlich großartige. Was er auch macht, es soll ein bisschen besser sein, soll mit Leichtigkeit geschehen, als sei es eine Freude. Warum auch nicht? Er hat’s ja, er kann es sich ja leisten, wenn nicht er, wer denn dann?

Seit einem Jahr reitet Matthias Rath, gerade 27 Jahre alt geworden, das teuerste und vermutlich beste Dressurpferd der Welt, den schwarzen Hengst Totilas, genannt „Wunderpferd“.

Jeder Sieg von Rath gilt seitdem als selbstverständlich, jeder Nicht-Sieg als katastrophale Niederlage. Er ist jetzt die „Goldhoffnung“ für Olympia 2012. Vorher kannte ihn fast niemand.

Matthias Rath will sich von alldem nicht beeindrucken lassen. Er hat sich den Dressursport ausgesucht. Einen Sport, in dem alles immer viel einfacher zu sein scheint, als es wirklich ist. Die Pirouetten, bei denen sich ein hunderte Kilo schweres Pferd anmutig im Galopp auf den Hinterbeinen dreht, Piaffen, bei denen es auf der Stelle tanzt – die kosten Pferd und Reiter viel Kraft. Nur sehen soll das keiner.

Es ist ein früher Morgen in Kronberg im Taunus, draußen verweht der Wind feinen Nieselregen, im Stall tragen die Pferde Decken, so kühl ist es bereits. Der Schafhof, das 24 Hektar große Anwesen von Raths Familie, ist so schön, dass es selbst im herbstlich matschigen Grau-Grün-Braun herrschaftlich wirkt; die Büro- und Stallgebäude aus Fachwerk, das große Wohnhaus der Familie. Die Stallungen des Gestüts, in dem rund 50 Pferde leben, sind gelb gekachelt, die Türen der Boxen sind grün.

Als Matthias Rath dann seine Turnschuhe aus- und glänzend schwarze Lederstiefel anzieht, wirkt er noch ein bisschen länger und dünner. Im Grunde, sagt er, habe sich im vergangenen Jahr gar nicht viel verändert. Noch immer reitet er bis zu acht Pferde am Tag, gerade führt die Pflegerin Dancing Elvis in die Reithalle. Ein riesiger Brauner mit breiter Brust und massigen Beinen. Keine Spur von tänzerischer Eleganz. Doch dann steigt Rath in den Sattel und das große braune Pferd wirkt plötzlich fast schmal. Trab, Schritt, Trab, Schritt, Tempowechsel. Konzentriert horcht der Braune auf die Kommandos seines Reiters, der ruhig und kerzengerade im Sattel sitzt.

Lange war die Dressur allein ein Sport für ein Publikum, das sich auskannte, und nur deswegen wusste, warum die Richter eine Übung als gut bewerteten und eine andere als schlecht. Dann kam Totilas – und mit ihm mehr und mehr Publikum. Denn dass dieses Pferd gut ist, sich anmutig und außergewöhnlich bewegen kann, das sieht auch ein Laie.

Vor Matthias Rath saß der Niederländer Edward Gal auf dem Rappen, er hat ihn ausgebildet und wurde mit ihm im Sommer 2010 Weltmeister. Nur gehörte das Pferd nicht Gal, sondern seinem Sponsor Moorlands Stables. Der verkaufte an den Züchter Paul Schockemöhle, für rund zehn Millionen Euro, hieß es. Schockemöhle lächelte und dementierte nichts. Stattdessen setzte er Rath auf das Pferd, talentiert, nett und freundlich, Stiefsohn der ehemaligen Dressur-Goldmedaillengewinnerin Ann Kathrin Linsenhoff, die Totilas zur Hälfte erwarb.

Als Rath im Juni Deutscher Meister wurde, da sagten die Leute: Dieses Pferd ist eben makellos. Im August, bei den Europameisterschaften, gewann er keine Medaille. Da sagten die Leute: Der Junge kann es eben doch nicht. Niederländische Reitfans tobten, und auf Raths Internetseite, im Gästebuch, hatten Menschen längst notiert: Schade, braune Pferde stehen Ihnen besser.

So ist das wohl, wenn man berühmt wird fast über Nacht. Matthias Rath sagt: „Man darf sich nicht zu sehr hochjubeln lassen und auch nicht zu sehr runterziehen.“

Ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Fußgänger. Totilas ohne Matthias Rath, das ist noch immer ein außergewöhnliches Pferd. Und Matthias Rath ohne Totilas? Wie lebt es sich im Schatten eines Pferdes? Es gibt Fanklubs, die alles über das schwarze Pferd wissen möchten. Dass er lieber Äpfel isst als Möhren zum Beispiel und dass er auf den Spitznamen „Toto“ hört. Sie kaufen die Tassen, die mit seinem Bild bedruckt sind und möchten Autogramme haben. Auf den Autogrammkarten von Matthias Rath ist Totilas natürlich ebenfalls zu sehen.

Eineinhalb Stunden lang stand Rath bei einem Turnier in Wiesbaden im Stall und signierte Fotokarten. Dann hatte er genug. Er sagt: „Das alles ist eine riesengroße Chance für den Sport.“

Matthias Rath sagt auch, dass es ihn nicht stört, dass sein Pferd der größere Star ist. Normalerweise heißen die Helden im Reitsport Isabell Werth und Ludger Beerbaum. Nun heißt einer Totilas.

An diesem Morgen darf der Hengst seine Box nicht verlassen. Er hat sich ein Hufeisen abgetreten und soll nicht geritten werden, bevor der Schmied es wieder angenagelt hat. Da steht er, gar nicht so mächtig wie erwartet, ein paar Sägespäne im schwarzen Schweif, die Decke auf dem Rücken ein wenig verrutscht, und ist genervt, dass er nicht raus darf. Er schnuppert am Fenster, wofür er den Hals recken muss. Dann beißt er in die Gitterstäbe der Boxentür. Rath erzählt, dass Totilas manchmal wiehert, wenn er den Stall betritt und ruft. An diesem Tag macht er das nicht.

Totilas dreht den Kopf, ein großes dunkles Auge blickt durch die grünen Gitterstäbe. Lange, ziemlich lange. Prüfend. Schlau. So ein Pferd entscheidet, ob jemand sein Freund wird oder nicht. Wehe, wenn nicht.

Schon die erste Präsentation des neuen Paares Rath und Totilas vor einem Jahr, im November 2010, auf dem Hof von Paul Schockemöhle, war ein großes Spektakel, mit Spotlights und Musik in einer abgedunkelten Reithalle. Später komponierte kein Geringerer als DJ Paul van Dyk die Musik für die Kür der beiden. Mit Totilas sei Glamour in den etwas altbacken eleganten Dressursport eingezogen, hieß es dann. Das stimmt. Aber es verschweigt auch etwas: Matthias Rath ist ein sehr guter Reiter. Monate, bevor er ein „Wunderpferd“ unter dem Sattel hatte, holte er mit der Mannschaft Bronze bei den Weltreiterspielen.

Früher, als er noch ein kleiner Junge war, sein Trainer-Vater Klaus-Martin Rath angestellter Reiter im Norden Deutschlands, da schaute Matthias Rath oft stundenlang beim Reiten zu. Heute sagt er, dass er am Dressurreiten besonders die Präzision mag.

Dancing Elvis soll aus dem Trab anhalten. In einer Prüfung müssten die Vorder- und Hinterbeine dann exakt nebeneinander stehen. Ohne Übung funktioniert das nicht. Trab – Halten – Trab – Halten, der Braune hat Schaum vor dem Maul, Rath rote Wangen. Und wieder: Halt. Richtig so, gut steht er, Rath lobt.

Junge Pferde auszubilden mache ihm Spaß, sagt Matthias Rath. Schön zu merken, wie sich die ständigen Wiederholungen auszahlen, wie immer mehr Lektionen gut funktionieren, man sich immer besser versteht. Ein Pferd auszubilden ist eine Sache. Sich auf ein perfekt ausgebildetes setzen, eine andere.

Matthias Rath ist nicht Edward Gal, und wer das am sichersten weiß, ist Totilas. Der hat jahrelang gelernt, wie er funktionieren soll – nach Anweisung des Niederländers. Was Rath ändern will, kann er nur langsam tun. Ein Pferd wie Totilas kann man nicht zwingen. Man muss es überzeugen.

Ein Pferd ist auch für einen Profi am Ende des Tages nur ein Pferd. Es sei denn es heißt Totilas. Dann wird sein Bild auf Tassen gedruckt – wo der Reiter nicht auf ihm sitzt, sondern danebensteht.

Matthias Rath sagt, dass er sich ein Leben ohne Pferde nicht vorstellen könne. Kurz hatte er nach dem Abitur daran gedacht, Architektur zu studieren. Dann entschied er sich für Betriebswirtschaftslehre. „Ist ja auch ein Betrieb hier.“ Im Sommer schrieb er seine Bachelorarbeit. Jetzt ist er Angestellter seiner Eltern, arbeitet im Familienbüro. Praktisch. Und so vernünftig.

Der Bundestrainer der Dressurreiter, Holger Schmezer, sagt über Rath: „Er ist sehr besonnen.“ Seine größte Stärke sei die Ruhe, die guten Nerven. Von Disziplin ganz zu schweigen. Reiten ist ein Leistungssport.

Matthias Rath reitet mit Helm. Immer. Sein Lieblingsgetränk sei Apfelschorle, steht auf seiner Webseite. Das glaubt natürlich niemand, der Mann ist schließlich 27! „Ja, ich muss das mal aktualisieren“, sagt er und lacht. Aber was soll er schreiben? Bier, wenn’s so wäre? Geht ja nicht. Er bekommt viele Briefe von Fans, da sind auch Kinder darunter. Neulich hat ihm ein Neunjähriger ein Bild gemalt und erzählt, er reite auch und habe vor, berühmt zu werden. Natürlich hat Rath geantwortet, geschrieben, wie das bei ihm damals war, ein bisschen Mut gemacht.

Dass er exzellente Voraussetzungen hat, um Erfolg zu haben, weiß er natürlich. Die Stiefmutter reich, der Gönner motiviert, das nächste vielversprechende Nachwuchspferd, Bretton Woods, ein schwarzer Hengst wie Totilas, steht schon bereit. Reiten ist ein Sport für Wohlhabende, auf dem Schafhof sind Handtücher im Stall mit dem Familienwappen verziert. Matthias Rath sagt: „Pferde haben schon immer Geld gekostet.“ Was soll er auch sagen?

Mit fünf begann er auf Pony Susi zu reiten und bis er 15 war, blieb er Ponyreiter. Mit Ponys macht man mal Blödsinn. Von hinten aufspringen zum Beispiel. Cowboy und Indianer spielen, Westernfilme drehen. Rath war Cowboy.

Wenn er heute bei Turnieren auf dem Aufwärmplatz etwas sieht, das ihm missfällt, eine von Sporen blutig gepiekste Flanke etwa, dann spricht er den Reiter darauf an. Wo es um Millionen geht, wird getrickst. Und die Konkurrenz ist groß. Rath hat unter den Spitzenreitern in der Dressur eine „neue Leistungsdichte“ ausgemacht. Die Deutschen sind schon lange nicht mehr immer die besten, auch die Niederländer, die andere große Dressurnation, nicht. „Jede Prognose für London wäre, jetzt schon getroffen, völlig falsch“, sagt Rath. Trotzdem sagt der Bundestrainer, dass er froh sei, Totilas nun in den eigenen Reihen zu haben und nicht als Gegner.

In der Reithalle hat Dancing Elvis begonnen zu schwitzen. Ein paar Mal touchiert Rath die Hinterbeine seines Pferdes mit der langen Gerte. Vergiss dein hinteres Ende nicht, soll das heißen. Trag dich ein bisschen und latsch nicht nur dahin. Der Braune schlägt mit dem Schweif. Ja doch!

Mit dem Vater werden nach dem Training Videos der Ritte analysiert. Es gebe, sagt Rath, der den Vater als Vorbild verehrt, dann durchaus Meinungsverschiedenheiten. „Aber wir trennen strikt zwischen Reiten und Vater-Sohn-Sein.“

„Wir“ sagt er immer. Oder „uns“. Viel öfter als „ich“. Manchmal meint er mit „wir“ Totilas und sich selbst. Meistens die Familie. „Ich bin aus keiner Prüfung in meinem Leben gekommen und musste mich schlecht fühlen“, sagt er. Den Erfolgsdruck versuchen die Eltern fernzuhalten.

Bei der Europameisterschaft in Rotterdam hatten die Kameras dann natürlich nicht nur Matthias Rath und Totilas im Blick, sondern auch Paul Schockemöhle, der mit versteinertem Blick zuschaute, wie sein Multi-Millionen-Euro-Jahrhundertpferd eine Kür mit kleinen Fehlern lief; Ann Kathrin Linsenhoff, die den doch etwas enttäuschten Stiefsohn nach dem Ritt fest umarmte. Nur Platz fünf, da hatten sie sich alle mehr erhofft. Was hat denn nicht funktioniert? „Technische Fehler“, sagt Matthias Rath und grinst. Will heißen: ist zu beheben.

Sollte behoben werden.

Denn natürlich sind die Olympischen Spiele in London 2012 sein Ziel. Seine Stiefmutter gewann Olympisches Gold in der Dressur 1988 in Seoul, ihre Mutter 1972 in München als erste Frau in der Einzeldressur. Natürlich will er da hin.

„Sie erkaufen sich eine olympische Medaille, weil Sie es mit eigener Leistung nicht schaffen“, schrieb einer Anfang des Jahres ins Gästebuch auf Raths Webseite. Seit 2008 hat der einen Physiotherapeuten, seit kurzem auch einen Mentaltrainer, einen PR-Berater ebenso. Er nimmt seinen Sport nicht leicht.

Matthias Rath sagt, Totilas und er seien Kumpels. Scheint so.

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