Zeitung Heute : Die RTL-Polit-Sitcom ist gar nicht so schlecht, wie missmutige Medienkritiker mosern

Henryk M. Broder

Wie war ich, Doris? Gut, echt gut, Gerhard. Aber auch Doris war gut, Angela war gut, Joschka war gut, Helmut war gut und Jürgen war super. Der Schnauzbart im T-Shirt unterm Sakko hat uns am besten gefallen. Die ganze RTL-Serie war nicht nur gut, sie war ein kleiner Lichtblick in der Dämmerung der Fernseh-Unterhaltung, neben Harald Schmidt und Stefan Raab der dritte Grund, sich einen TV-Termin zu merken. Natürlich hätte alles noch besser, bissiger, brutaler sein können, die meisten Kritiker hatten eigentlich ein Schlachtfest erwartet, um sich hinterher über die Gemeinheiten empören zu können. Ein wenig enttäuscht, empörten sie sich ersatzweise darüber, dass sie lachen mussten, natürlich unter ihrem Niveau.

Im Gegensatz zu der idiotischen Gummipuppe aus der RTL 2-Kanalisation hat "Wie war ich ... ?" nie jene Grenze überschritten, die auch für den Umgang mit Politikern und öffentlichen Gestalten gelten muss. Und diese Ist-Com, oder was immer der Six-Pack war, lag wahrscheinlich näher an der Wirklichkeit, als ihre Macher beabsichtigen. Die Charaktere wurden vorgeführt, aber nicht entleibt. Keine Monster, sondern nur nach Liebe und Anerkennung lechzende Mitmenschen, die es deswegen in die Politik verschlagen hat, weil Bäcker, Friseure und Tankwarte selten die Chance bekommen, im Fernsehen aufzutreten. Es ist verbürgt, dass der Kanzler ab und zu den Satz sagt: "Keiner liebt mich, außer Doris!" Er meint es ironisch, aber wie so vieles, was er sagt, ist auch dieser Satz ein Hilferuf. "Wir lieben dich doch alle, Gerhard!" und deswegen bitten wir RTL, die Serie fortzusetzen, weil wir gerne lachen, wenn es sein muss, auch unter unserem Niveau, weil es im deutschen Fernsehen so wenig zu lachen gibt und weil eine Regierung, über die man lachen kann, viel besser ist als eine, die man ständig fürchten muss.

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