Zeitung Heute : Die Rückkehr der Berggeister

Jahrhunderte wurden sibirische Tiger in China gejagt, sie waren fast schon ausgerottet. Jetzt endlich scheint sich etwas zu ändern

Harald Maass[Hunchun]

Der Räuber kam in der Abenddämmerung. Mit seinen mächtigen Klauen stürzte er sich auf das Pferd, das auf einer abgelegenen Wiese graste. Der Kampf dauerte vermutlich nur ein paar Minuten. Dann war die Stute tot. Als Bauer Yang Jianjun am nächsten Tag zu seiner Weide kam, waren von dem Angreifer nur noch die Spuren im feuchten Gras zu sehen. Der blutige Kadaver des Pferdes lag angefressen auf dem Boden. „Ich wusste sofort, dass es ein Tiger war“, sagt Yang.

„Shan Shen Ye“, Berggeist, nennen die Bewohner von Hunchun in Nordostchina den sibirischen Tiger. Obwohl die Raubkatze seit Urzeiten in den dichten Birkenwäldern umherstreift, kennen die Menschen hier sie nur als eine Art Fabelwesen. Kaum ein Bauer hat das menschenscheue Raubtier je zu Gesicht bekommen. Für die Tierschützer vom Hunchun-Park, einem Naturschutzgebiet, war das getötete Pferd von Bauer Yang deshalb eine Chance. Als der hungrige Tiger sich in der Folgenacht erneut an den Kadaver schlich, um weiter zu fressen, wurde er von einer automatischen Kamera fotografiert. Den Tierschützern gelang damit eine kleine Sensation: Das erste Foto eines wilden sibirischen Tigers in China.

Einst beherrschte der Berggeist die Wälder von Korea bis Zentralasien. „Zu Zeiten meiner Großeltern gab es hier so viele sibirische Tiger, dass sich die Menschen nur in Wagenkolonnen durch die Wälder trauten“, sagt Li Zhixing, Mitarbeiter des Naturschutzparks. Heute ist die größte Raubkatze der Erde, deren Männchen über drei Meter lang und 160 Kilo schwer werden, vom Aussterben bedroht. Die internationale Tierschutzorganisation IUCN zählt Panthera tigris altaica zu den zehn seltensten Säugetieren der Erde. Weniger als 500 Exemplare sollen noch in freier Wildbahn leben; die meisten in den Wäldern Ost-Russlands, versteckt vor der Zivilisation. In Nordkorea und China, wo Tiger seit Jahrhunderten wegen ihrer vermeintlichen Heilwirkung gejagt wurden, galt die Raubkatze bis vor kurzem als fast ausgerottet.

Spätestens seit den Fotoaufnahmen von Hunchun im vergangenen Jahr schöpfen Experten jedoch Hoffnung. Spuren und gerissene Weidetiere deuten darauf hin, dass der sibirische Tiger nach Nordchina zurückkehrt. Grund dafür ist ein Umdenken der Regierung: Nachdem Peking jahrzehntelang die Warnungen von Tierschutzorganisationen ignorierte und Tiger für den Einsatz in der chinesischen Medizin jagen ließ, nimmt die Regierung den Schutz der bedrohten Raubkatze nun ernster. Mit Unterstützung der Wildlife Conservation Society (WCS) richtete die Provinzregierung von Jilin 2001 den Hunchun-Naturpark ein, das erste Reservat für sibirische Tiger in China.

Noch stehen die Tiger-Schützer in China am Anfang. „Wir glauben, dass zwischen fünf und sieben Tiger hier im Grenzgebiet leben», sagt Vizedirektor Li Zhihong vom Hunchun-Reservat. Die genaue Zahl kennt niemand. Das 240 Kilometer lange Gebiet an der Grenze zu Nordkorea und Russland ist für Menschen nur zum Teil zugänglich. „Die Tiger halten sich nicht an Grenzen“, sagt Li und deutet auf eine farbige Karte an seiner Bürowand. Der 24000 Hektar große, zentrale Schutzsektor ist rosa markiert. Daran schließen sich, grün und weiß markiert, zwei äußere Sektoren an, in denen etwa 3000 Bauernfamilien leben. Im Vergleich zum angrenzenden Sibirien ist Hunchun dicht besiedelt.

„Was bringt es uns, wenn ihr die Tiger schützt?“, fragt Bauer Yang, als ihn die Mitarbeiter des Parks zu Hause besuchen. Der kleine stämmige Mann lebt mit seiner Familie in einem Ziegelbau, der Betonboden ist unverputzt. Im Hauptzimmer steht ein traditioneller „kang“, ein mit Feuer beheizbares Steinbett. Ein alter Fernseher ist der einzige Luxus der Familie. Für Yang bedeutet der Schutz der Tiger vor allem einen Verdienstausfall. „Als die Wildhüter ihn vergangenes Jahr baten, das tote Pferd auf der Weide zu lassen, stimmte Yang nur zögerlich zu: „Ich hätte das restliche Fleisch lieber auf dem Markt verkauft.“ Eine Entschädigung für die getötete Stute, die ihm laut Gesetz zusteht, hat Yang nicht erhalten. Die Dorfverwaltungen seien zu arm, um die Entschädigungen zu zahlen, sagt Vizedirektor Li. Auch der Park hatte nicht genügend Geld. Insgesamt 41 Pferde und Kühe rissen die Berggeister in den letzten zwei Jahren. Für die Bauern, die im Schnitt mit 2900 Yuan (290 Euro) durchs Jahr kommen müssen, ist jedes tote Tier eine Tragödie. Einige drohten damit, wieder Jagd auf Tiger zu machen. „Mittlerweile ist das Problem gelöst“, sagt Li. Eine holländische Hilfsorganisation zahlt nun die Entschädigungen an die Bauern.

Die sibirischen Tiger regieren ihr Reich wie unsichtbare Geister. Erst kürzlich brachten Sender, die in Russland einzelnen Tieren an Bändern um den Hals gelegt wurden, Aufschlüsse über die Lebensweise der Raubkatze. „Wir waren überrascht, wie viel Territorium Tiger beanspruchen“, sagt WCS-Experte Dale Miquelle. Bis zu 900 Quadratkilometer nehmen männliche Tiere in Beschlag. Weibchen begnügen sich mit der Hälfte. „Je weniger Wild es gibt, desto mehr Raum brauchen die Tiger“, erklärt Miquelle. Etwa 60 Rehe und andere kleine Wildtiere erlegt ein erwachsener Tiger pro Jahr. „Wenn wir sie schützen wollen, brauchen wir nicht nur ein unberührtes Gebiet, sondern auch ausreichend Wild in den Wäldern.“ Darum darf Bauer Yang in Hunchun keine Wildschweine und Rehe mehr jagen.

Bis vor 60 Jahren streiften acht Tigerarten durch Asien. Heute gibt es noch fünf. In den 40er Jahren wurde der Balitiger ausgerottet, in den 70er und 80er Jahren verschwanden der Kaspi- und der Javatiger. Die sibirische Variante verdankt ihr Überleben vor allem Josef Stalin. 1952 verbot der Sowjetführer die Tigerjagd und rief im Osten der Sowjetunion ein Schutzgebiet aus.

Mit dem Zerfall des Ostblocks tauchten professionelle Wilderer auf. Ausgerüstet mit Jeeps und Gewehren hetzten sie die Tiger gnadenlos. Zeitweise erlegten die Jäger bis zu 80 Tiere im Jahr. In Zusammenarbeit mit der WCS und anderen internationalen Organisationen ist es der russischen Regierung mittlerweile gelungen, die Wilderei einzudämmen und die Tiger-Population bei 400 bis 450 Tieren stabil zu halten.

Der chinesische Revolutionär Mao Zedong ging auch in der Tigerfrage andere Wege als seine Genossen im sowjetischen Bruderstaat. Während der Kulturrevolution sprach Mao von einer „Tiger-Pest“ und zahlte Prämien für jede erlegte Raubkatze. Hunderte Tiger wurden abgeschlachtet. Doch erst Chinas wirtschaftlicher Aufschwung in den letzten Jahrzehnten drängte die Raubkatze an den Rand des Artentods. Urwälder wurden abgeholzt, Flüsse begradigt, die Tiger verdrängt.

Mit einem schmatzenden Geräusch saugt das Tiger-Baby die Milch aus der Flasche. Wie ein besonders flauschiges Kätzchen liegt es in den Armen von Tierpfleger Xu Jinyong. Nach ein paar Minuten ist Wechsel. Aus einer Holzkiste holt Xu ein zweites Junges zur Fütterung. Die beiden zehn Tage alten Tiger-Babys sind der jüngste Nachwuchs im Tigerpark von Harbin, der weltweit größten Zuchtanlage für sibirische Tiger. 330 Exemplare leben hier – schätzungsweise die Hälfte aller sibirischen Tiger, die weltweit in Zoos und Wildparks gehalten werden. „Mit unserer Züchtung tragen wir zur Erhaltung dieser Spezies bei“, erklärt Generalmanager Wang Ligang.

Von außen gleicht das Zuchtzentrum eher einem Freizeitpark. Lange Reihen aus Souvenirständen mit Plüschtigern, Tiger-T-Shirts und Tiger-Briefmarken stehen auf dem Parkplatz. Eine Reisegruppe hat sich fürs Foto vor einem riesigen Tigermaul aus Pappmaschee aufgestellt. 300000 Touristen kommen jedes Jahr hierher, um mit Bussen durch die Tiergehege zu fahren. Es ist eine Safari durch eine Erdwüste, umgeben von vier Meter hohen Zäunen.

Höhepunkt ist die tägliche Fütterung. Mit einem Piepsen öffnet sich das Tor zum Gehege der Jungtiger. Ein Wärter steuert einen Futterwagen mit vergitterten Fenstern hinein. Er ist sofort von einem hungrigen Rudel umgeben. Mit geschmeidigen Sprüngen jagen die Raubkatzen dem Wagen hinterher. Bei voller Fahrt fliegt plötzlich ein Fleischbrocken aus dem Fenster. Die mächtigen Tiere springen in die Luft, schnappen nach dem Fleisch. Zwei weitere Happen segeln heraus. Dann ein ganzes Hühnchen. Nach ein paar Minuten sitzt jeder Tiger mit einem Stück Fleisch zwischen den Vorderpfoten am Boden. „Wir wollen die Tiger dazu animieren, für ihr Essen zu laufen“, sagt der Chefzüchter Su Weilin.

Während der Fütterung umkreisen zwei kleine Touristenbusse aus nächster Nähe die Tiger, klicken Fotoapparate, surren Videokameras. Die Nähe der Menschen, die bis auf wenige Meter an die Tiere herangefahren werden, sei für die Tiere nicht gut, sagt Su. Manche hätten ihre natürliche Angst vor den Menschen verlernt, andere zeigten Verhaltensstörungen. „Aber der Zuchtpark ist auf die Eintrittsgelder der Touristen angewiesen“, erklärt Su.

Der Tiger-Park in Harbin ist ein Beispiel für das, was Chinas Regierung noch vor kurzem unter Artenschutz verstand. Anstatt das Überleben der Raubkatzen in der Natur zu sichern, setzte Peking in der 1986 eröffneten Anlage auf Zucht. „Unser langfristiges Ziel ist, die Tiger wieder in der freien Natur auszusetzen“, sagt Su. Nirgendwo sind so viele Tiger geboren worden wie in Harbin. Allein seit Anfang April kamen hier 18 Junge zur Welt. Su deutet auf einen abgedunkelten Käfig, in dem ein trächtiges Weibchen auf dem Betonboden liegt. „Das ist Nummer 86“, sagt Su. Zwischen 105 und 108 Tage tragen Tiger ihren Nachwuchs aus. Die siebenjährige Nummer 86, deren Augen im dunklen Käfig stechend grün leuchten, wird zwei Tage später vier Junge werfen.

Trotz dieser Erfolge ist die Arbeit in Harbin umstritten. Tierforscher bezweifeln, dass die von Menschen aufgezogenen Raubkatzen die Instinkte entwickeln, um in der Wildnis zu überleben. In den Gehegen der Waldbewohner gibt es kaum Bäume. Die unnatürlichen Lebensbedingungen degenerieren die Tiger. Die Tiere erkranken häufig an Grippe- und Magenviren, viele haben Hautkrankheiten. Ein weiteres Problem ist die Inzucht. Da die Tiger in Harbin von einer Ursprungsgruppe von nur zwei Dutzend Tieren abstammen, ist das Erbgut vermutlich geschädigt. Seit 2001 wurden deshalb vier sibirische Tiger aus dem Berliner Zoo nach Harbin gebracht, um sie mit den Tieren dort zu paaren. WSC-Vertreter Miquelle hält die Zucht für „teuer und unnötig“. Die Zahl der derzeit in freier Wildbahn lebenden Tiger reiche aus, um das Überleben dieser Tierart zu sichern. „Wichtiger ist, dass wir die Bedingungen für Tiger in der Natur verbessern.“ Dazu gehört der Schutz vor den in China noch immer präsenten Wilderern. Seit Jahrhunderten werden Tiger in Asien verehrt und gleichzeitig gnadenlos gejagt. Sie sind Symbol für Kraft und Gesundheit. „Tigerknochen können teuflische Ausströmungen unterbinden sowie Geister und Gifte abtöten“, schrieb der Arzt Li Shizhen während der Ming-Dynastie. Der Glaube an die Heilwirkung des Raubtieres ist in der chinesischen Medizin ungebrochen. Die Knochen sollen Rheuma, Schwäche und Lähmungen in den Beinen bekämpfen, die Augäpfel werden gegen Epilepsie verwendet. Mit dem Schwanz lassen sich angeblich Hautkrankheiten behandeln. Die Galle soll Kindern bei Bauchkrämpfen helfen. Selbst die Schnurrhaare finden Verwendung – sie sollen Zahnschmerzen vertreiben.

Der Handel mit Tiger-Präparaten ist in China mittlerweile verboten, und die chinesische Medizin verwendet größtenteils Ersatzstoffe. Doch asiatische Schwarzmarkthändler zahlen bis zu 60000 Dollar für ein Tigerskelett, berichtet die Organisation Traffic North America. Ein Tigerpenis, als Potenzmittel geschätzt, erzielte in Japan einen Preis von 27000 Dollar. Ende 2003 entdeckten Zollbeamte in Tibet bei einer Routineuntersuchung 31 Tiger- sowie 581 Leopardenfelle – der größte Schmuggelfall dieser Art.

„Die Wilderei ist noch ein großes Problem“, sagt Vizedirektor Li vom Park in Hunchun. 22 illegale Jäger habe die Polizei seit 2001 im Reservat aufgegriffen. Acht seien zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Doch mit Gesetzen allein lässt sich der Tiger nicht schützen. „Der wichtigste Teil unserer Arbeit ist die Aufklärung der Bevölkerung“, sagt Parkmitarbeiter Li Zhixing. Rund die Hälfte der 79 Angestellten des Parks arbeiten in sechs Außenbüros in den Dörfern. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit sind Informationskampagnen in den Schulen. „Die Menschen hier haben traditionell Respekt vor dem Tiger“, sagt Li. Bevor sie in die Wälder gehen, legen die Bauern einen Schweinekopf auf den Hausaltar und beten um Schutz vor den Berggeistern.

Die Arbeit in Hunchun trägt erste Früchte. Im Januar 2004 gelang mit einer Kamera mit Bewegungsauslöser eine zweite Aufnahme: Diesmal wurde ein Weibchen fotografiert, das eine Kuh angefallen hatte. Auch wenn es keine verlässlichen Zahlen über eine Zunahme der Tiger gibt, so sichten Angestellte des Parks fast jede Woche neue Pfotenabdrucke oder Kratzspuren an Bäumen.

Doch diese Erfolge werden für die Wildhüter zum Problem. Denn auch die Zahl der gerissenen Weidetiere steigt. Und die Menschen beginnen, sich vor den Tigern zu fürchten. Eine Patrouille der Parkverwaltung, vier junge Männer in militärgrünen Overalls, ist an diesem Nachmittag in das Dorf Lishugou gefahren, um Broschüren zu verteilen. Vor ein paar Tagen sei der Hund eines Nachbarn vom Tiger gefressen worden, berichten Dorfbewohner. Sie führen die Parkmitarbeiter zu dem einsam am Waldrand gelegenen Haus des Hühnerzüchters Zhan. Im feuchten Waldboden entdecken die Wildhüter frische Tigerspuren. Möglicherweise ein Männchen. „Vergangenes Jahr kam hier schon mal ein Tiger vorbei“, sagt Zhan. „Nachts trauen wir uns nicht mehr vor die Tür.“ Es sind die uralten Ängste vor dem Raubtier, die in Hunchun wieder aufkommen. Vor zwei Jahren fiel ein Tiger zwei Menschen an. Das Tier hatte sich in der Falle eines Wilderers verheddert und verletzt. Auf der Suche nach Futter griff der panische Tiger einen Bauern an. Eine Woche später tötete er eine 20-jährige Angestellte des Parks. Das Tier starb später an den Verletzungen. „Der Tiger war verletzt, deshalb war er gefährlich“, erklärt Li, wenn ihn die Bauern auf das Ereignis ansprechen. Li glaubt nicht, dass mit der Rückkehr der Berggeister die Wälder für die Menschen unsicher werden. Forscher Miquelle, der seit zwölf Jahren mit den Raubtieren arbeitet, stimmt zu: „Im Wald mit Tigern fühle ich mich sicherer als in der Stadt.“

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