Zeitung Heute : Die Rückkehr des Königs

Peter Siebenmorgen

Nach seinem Treffen mit US-Präsident Bush hat Helmut Kohl (CDU) mitgeteilt, er werde sich aktiv am Bundestagswahlkampf beteiligen. Welche Rolle könnte der Altkanzler dabei für die Union spielen?

Reisen bildet, doch manchmal wird dabei auch nur die schiere Einbildung beflügelt. Etwa, wenn gewesene Großpolitiker in ferne Länder ausschweifen, um sich durch Begegnungen mit aktuellen Machthabern ihrer eigenen und fortwährenden Bedeutung zu vergewissern. In der Gewerkschaft der Staatsmänner mit und ohne Amt pflegt man höflichen Umgang untereinander. So muss es nicht viel bedeuten, wenn Helmut Kohl bei seinen gelegentlichen Ausflügen in die große Welt empfangen wird von amtierenden Staats- oder Regierungschefs. Allein, im Fall des Präsidenten der Vereinigten Staaten liegen die Dinge doch ein wenig anders.

Dessen Zeitkorsett ist derart bestimmt von innenpolitischen Terminen und kühlen Abwägungen zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem, dass man sich im Weißen Haus eigentlich nie Gesten reiner Höflichkeit leistet. Helmut Kohls Aufwartung bei George W. Bush hat also durchaus politische Bedeutung, womöglich sogar Gewicht.

Verabredet war der Besuch schon vor der aktuellen Regierungskrise in Berlin. Doch auch in Washington ist es seit längerem nicht mehr unvorstellbar, dass Schröders Amtszeit zu Ende geht. Viel deutet darauf hin, dass Bush sich von einem alten Fahrensmann erklären lassen wollte, wie die Entwicklung in Deutschland einzuschätzen ist, was zu erwarten ist. Bei allem Ärger mit Berlin in den vergangenen Jahren weiß man am Potomac natürlich auch, dass Deutschland einer der Schlüsselstaaten der europäischen Entwicklung ist. Wer aber kennt sich besser in Europa aus als Helmut Kohl? Ab vom Schuss in seinem Berliner Altkanzlerbüro ist der Mann schon, ab er kennt noch sehr, sehr viele der aktuellen Akteure, und er verfügt über einen unermesslichen Erfahrungsschatz. Ein schönes Propädeutikum also für den amerikanischen Präsidenten in diesem Mai, der womöglich wirklich alles neu macht, wenigstens in Deutschland und, sollte die europäische Verfassung am Sonntag in Frankreich abgelehnt werden, auch in Europa.

Doch Kohl wäre nicht er selbst, würde er eine solche Reise nicht auch dafür nutzen, seine anhaltende Präsenz auf der nationalen Bühne zu demonstrieren. Überraschend an seiner Ankündigung in den USA, sich im bevorstehenden Bundestagswahlkampf einzubringen, ist noch am ehesten der Ort der Ankündigung. Doch selbst das hat System: Mehr Aufmerksamkeit in der Heimat kann seine Mitteilung gar nicht finden, als ausgesprochen in der amerikanischen Hauptstadt, umrandet von schönstem Protokoll.

Angela Merkel wird dieser hübschen Handreichung mit gemischten, am Ende aber doch eher mit guten Gefühlen entgegensehen. Denn damit war ja zu rechnen, dass Kohl die Schmach der Niederlage von 1998 und der Hundsjahre des Spendenskandals nicht als letztes Wort zu seiner Biografie würde gelten lassen. Am 18. September 2005 will er ein bisschen mitsiegen. Das darf er aus Sicht der CDU-Vorsitzenden auch gern, denn sein Sieg wird es am Ende doch sowieso nicht sein. Dafür bietet sein Einsatz im Wahlkampf aber eine ganz andere Chance für sie selbst: Ihre gegenseitige, vergleichsweise verächtliche Meinung übereinander wird sich wohl nie mehr ändern. Aber ein sichtbares Zeichen der Versöhnung zwischen den beiden wäre auch gut, um die CDU- Vorsitzende mit jener Partei, der sie vorsteht, im letzten zu versöhnen.

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