Zeitung Heute : Die Rückkehr des Vertrauens

Gary Smith

Die Diagnosen über den Zustand der transatlantischen Beziehungen variieren: Einige Beobachter sprechen immer noch von einer brisanten Krise, andere wiederum versichern uns, es handle sich um einen vergänglichen Familienzwist. Alle dürften sich aber einig sein, dass die letzten Jahre ein empfindliches Opfer gefordert haben: das Vertrauen. Und dieses wertvolle Gut ist, wie Einstein einst feststellte, unerlässlich für Beziehungen - für zwischenmenschliche wie für zwischenstaatliche: „Jede Art der friedlichen Zusammenarbeit basiert vorrangig auf gegenseitigem Vertrauen und nur sekundär auf Institutionen wie den Gerichtshöfen und der Polizei.“ Die Kooperation, ja genau genommen, die Integration zwischen Deutschland und Amerika funktioniert reibungslos in der Wirtschaft und – Danke, Otto Schily! – dem Kampf gegen den Terrorismus. Auch das Ausmaß deutscher Hilfsbereitschaft nach der Flutkatastrophe im amerikanischen Süden zeigt auf beeindruckende Weise, wie groß das Potenzial persönlicher wie institutioneller Verbundenheit immer noch ist. Wir müssen aber die Kosten jüngster politischer Konfrontationen ernst nehmen.

Was verloren ging, oder vielleicht auch nur verdrängt wurde, ist unser Gefühl für ein gemeinsames Ziel. Das ist mehr als gemeinsame Werte oder ein geteiltes Vermächtnis. Es ist eine Aussage über die Verantwortlichkeit, die unsere Nationen teilen und die Chance, die Richard Haass in seinem nebenstehenden Artikel darlegt. Der Weg zu modernen Regierungsformen fußt auf dem Vertrauen des Individuums in seine Regierung und seinen Staat. Dadurch haben sich auch die Beziehungen zwischen Völkern und Nationen in den letzten Jahrzehnten – insgesamt – erstaunlich positiv entwickelt. Militärische Stärke, Einschüchterung und Zwang wurden durch Dialog, Beratung und Gesetz ersetzt.

Als unsere Regierungschefs vor drei Jahren in eine Konfrontation drifteten, wurde sofort klar, dass das Vertrauen schwand. Die Europäer wollten die ausgewogene, konsensuale Welt beibehalten, die die Beziehungen in der Ära des Kalten Kriegs charakterisiert hatten. Die Amerikaner tendierten zu dem Glauben, dass auf die neuen Bedrohungen im Rahmen der bisherigen Verhältnisse nicht angemessen reagiert werden könne und dass deshalb neue Maßnahmen erforderlich seien.

Glücklicherweise ist diese Debatte auf eine pragmatische Ebene zurückgekehrt. Aber die tief liegenden Gründe für diese giftige Debatte wurden noch nicht ganz verstanden. Der Wert des Aufenthaltes der Wissenschaftler, Künstler und Politikexperten in der American Academy liegt in der Chance, die Hintergründe im amerikanischen und europäischen Verhalten zu erkunden. Jenseits des Tagesgeschehens können sie sich dem Geist der westlichen Zivilisation öffnen. Jeder und jede bringt uns auf seine oder ihre Weise dem intellektuellen und spirituellen Erbe näher. Das Spektrum dieser Expertise erinnert uns an die Originalität der amerikanischen Literatur ebenso wie an die Meinungsvielfalt amerikanischen Denkens, während wir uns zugleich die gemeinsame Basis westlicher Intellektualität vergegenwärtigen können. Wir in der American Academy sind stolz, dass wir zu einem Dialog beitragen können, der unverzichtbar ist, um die Herausforderungen dieser neuen Zeit zu bewältigen.

Der Autor ist geschäftsführender Direktor der American Academy in Berlin

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