Zeitung Heute : Die Rückkehr in den Garten Eden

Ursula Friedrich

Meine Abwesenheit hat länger gedauert, als ich dachte. Als ich meinen Garten verließ, war es noch Winter. Erst im übernächsten Herbst, fast anderthalb Jahre später, sah ich ihn wieder. Was passiert, wenn die Gärtnerin so lange zwischen Kliniken und Reha pendelt? Wie reagiert ein Garten, wenn niemand gießt, Unkraut zupft, zurückschneidet, düngt, mäht und mit ihm spricht?

Fortpflanzungsfreudig ist der Giersch, stellte ich bei der Rückkehr auf den ersten Blick fest. Mein jahrelanger Kampf war vergebens, er hatte auf ganzer Linie gesiegt und meinen Vorgarten eingenommen. Da war doch mal Phlox gewesen und schönes, rot blühendes Sedum? Natürlich hatte niemand in zwei Sommern Löwenmäulchen und Dahlien in die Lücken zwischen Tulpen und Narzissen gesetzt. Aber auch meine treue Kapuzinerkresse hatte aufgegeben. Giersch. Und nicht mal ein schöner Anblick mit seinen braunen sparrigen Stängeln und braunen Samenkörben. Eine Rose hatte sich durchgesetzt, die anderen musste ich erst suchen. Na warte. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich ein chemisches Mittel kaufen. Vernichtungskrieg, du wolltest es so.

Und dann der hintere Garten, in dem es einen Kirschbaum gibt, einen Apfelbaum und eine Wiese. Vielleicht, hoffte ich, während ich nach hinten ging, hat sich eine schöne Bauernwiese entwickelt, ganz ungestört, mit allerlei Blumen, Zittergras, Schafgarbe und dergleichen. Und dann blieb ich geblendet stehen. Vergessen wir die Wiese, die war einfach rupfig und braun nach der vergangenen Hitze. Wenn was geblüht hatte, würde es sich erst im nächsten Frühjahr zeigen.

Aber sonst, an den Rändern und in den Beeten: mein Garten war rosa. Rosa. Ein Wald von rosaroten Blüten auf anderthalb Meter hohen Stängeln. Ein Traum in Rosa, durch den ein leises Zittern ging, als ich näher kam. Ein ganz zartes Knistern, zwischen den vielen Blüten sprangen kleine Kapseln auf, versprühten winzige Kügelchen.

Sibirisches Springkraut. Impatiens Zombensis. Ein vernichtungswürdiges Unkraut, hatte ich schon vor Jahren in der Gartenzeitung gelesen, weil es sich artfremd in unseren Wäldern breit macht, herbeigeweht durch irgendeinen östlichen Wind. Ich hatte trotzdem immer ein paar Pflanzen in Zaunnähe. Es war einfach, ihren Überschwang zu kontrollieren. Sie säten sich tausendfach aus, aber man kann die Pflänzchen im Frühling leicht wegpflücken. Sie vermehren sich nicht durch Wurzeln wie der Giersch.

Impatiens Zombensis, oder wie immer du heißt, ich danke dir. Du hast eine Wüste in Schönheit verwandelt. Ich werde dich zurückdämmen müssen, aber du darfst dableiben.

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