Zeitung Heute : Die Rückwärts AG

Sie glauben unbeirrt an ihr Recht, wollen ehemaliges deutsches Eigentum in Polen wieder: Was ist die Preußische Treuhand?

Meike Kirsch[Düsseldorf]

Gestern gerade haben ihn zwei dieser Durchtrainierten auf 50 geschätzt. Da lag er – nackter Oberkörper, Schweißfilm auf der Haut – im Fitnessstudio, hat Gewichte gestemmt. Vorher ist er mit geschlossenen Beinen auf eine 71 Zentimeter hohe Stufe gesprungen. Hoch, runter. Zehn Mal. Dass er tatsächlich 64 Jahre alt ist, 87 Kilo wiegt und sich mit 1 Meter 82 etwas zu klein findet, liefert er gleich ungefragt zur Fitness-Episode dazu. Rudi Pawelka, der Aufsichtsratsvorsitzende der Preußischen Treuhand, gibt sich gesprächig, denn für ihn gilt es: Endlich ist Deutschland auf ihn aufmerksam geworden. Erst kürzlich hat sich der Kanzler in seiner Rede zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes persönlich gegen ihn und seine Treuhand gestellt.

In Polen ist Pawelka bereits seit Monaten leidenschaftlich verhasst: Er will Höfe, Häuser und Hektar wieder, die Deutsche im heutigen Polen zurücklassen mussten. Seine Ankündigung, definitiv noch im Herbst mit ersten „Aufsehen erregenden Musterklagen“ vor Gericht zu ziehen, hat viele Polen aufgeschreckt. Eine Spirale der Aufrechnung beginnt sich zu drehen: Der Beschluss des polnischen Parlaments, für die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges Forderungen an Deutschland zu stellen, ist abstimmungsreif. „Ende August wird zurückgeschossen“, sagt Ex-Innenminister Antoni Macierewicz populistisch, der den Beschluss vorantreibt. Der Warschauer Bürgermeister Lech Kaczynski listet, 60 Jahre nachdem deutsche Sprengtrupps seine Stadt in Asche legten, Schäden auf. „Deutsche Klagen werden auf die gleiche, sehr schnelle Antwort unsererseits stoßen“, warnt er. Sein Zwischenstand bisher: Forderungen von 40 Milliarden US-Dollar. Auch andere Städte addieren – das Feindbild Pawelka vor Augen.

Sichere 700 Kilometer von Polen entfernt hat Rudi Pawelka an diesem Morgen bereits mit einer Zeitung telefoniert, sich fotografieren lassen, dem WDR ein Interview gegeben und ist jetzt bereit für ein nächstes Gespräch. In der Düsseldorfer Geschäftsstelle der Treuhand hat er sich partout nicht treffen wollen: Für die habe er keinen Schlüssel. Deshalb sitzt er neben dem WDR-Gebäude am Rheinufer. Er wirkt tatsächlich jünger: blonde Haare, ein paar markante Falten nur, schmaler Mund. Trotz der Hitze trägt er eine Krawatte, die ihm fast den Hals abschnürt. Herr Pawelka, was steckt hinter Ihrer Treuhand? Pawelkas Standardprogramm klingt folgendermaßen: Der Treuhand geht es um Rechtsfrieden, darum, eine noch offene Sache endlich zu regeln. Nein, man will keine Geldentschädigung erstreiten, sondern vertriebenen Deutschen zur Rückkehr verhelfen. Das aber natürlich so, dass möglichst beide Seiten profitieren, die deutsche und die polnische. „Viele der Immobilien in Polen stehen leer. Es wäre ein Segen, wenn daraus wieder etwas gemacht wird.“ Kein Wort, an dem man sich wirklich reiben könnte. Der Ton sanft und eindringlich. Direkter Augenkontakt, Pawelka weicht nicht aus.

Die Treuhand wird im September 2000 gegründet. Frieden und Freundschaft kommen in der Selbstdarstellung unter „Grundidee“ nicht vor, dafür aber die „Rückgabe des im Osten von den Vertreiberstaaten völkerrechtswidrig konfiszierten Eigentums“. Die Initiative geht von der Ostpreußischen Landsmannschaft des Bundes der Vertriebenen (BdV) aus. Genauer: von Ehrenfried Mathiak, dem Vorsitzenden der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, der damals schreibt: „Wer sein Recht einfordern will, muss derb auftreten.“ Entsprechend wählen Mathiak und Gründungsgefährten den Zusatznamen „Prussian Claims Society“, in Anspielung auf die „Jewish Claims Conference“, die Interessenvertretung der jüdischen Nazi-Opfer. Wenn man von Pawelka wissen will, ob das nicht eine Frechheit sei, dann sagt er: „Die Namensgebung war vor meiner Zeit. Ich bin erst ein Jahr nach Gründung Vorsitzender geworden.“

Mit Pawelka an der Spitze wird die GmbH zur Kommanditgesellschaft auf Aktien erweitert, 50 Euro kostet eine Aktie. Erstes Etappenziel: 500000 Euro. Was ist drei Jahre später zusammengekommen, Herr Pawelka? „Wir nähern uns den 300000 Euro“ – eine große Summe wäre das nicht, denn die Treuhand will sich allein von Zinsen finanzieren. Ein Anruf beim Geschäftsführer soll mehr Klarheit bringen. Aber auch Torne Möbius „kann die Zahlen nicht aus dem Ärmel schütteln“. Immerhin sagt er, dass im Juli 9000 Euro eingezahlt wurden, „ein erstaunlich großer Zulauf“. Etwa 1000 Aktionäre habe die Treuhand. Auch hier keine genaue Zahl von Pawelka.

Helmut Höcker hat im März 2002 zwei Aktien für 100 Euro gezeichnet und überlegt, „jetzt, wo es langsam ernst wird“, aufzustocken. Höcker, 77 Jahre, die gütigen Augen hinter einer großen Brille, sitzt in seiner penibel aufgeräumten Wohnung in Bonn-Buschdorf. Am Fenster hängt ein Glasbild: Höckers Elternhaus im schlesischen Schönfeld, einem Dorf, das heute Roztoki heißt. Der Hof ist stattlich, thront auf einem Hügel. Seit 1946 bewirtschaften ihn Polen. Höcker holt einen Ordner. Darin akribisch abgeheftet: der Aktienbestellschein, das Überweisungsformular. Die Aktie selbst fehlt, die habe ihm die Treuhand noch nicht zugeschickt. Dafür kam Infomaterial. Fast jeden Satz hat Höcker gelb angemarkert, die Worte „Eigentümer bleibt Eigentümer“ zusätzlich rot unterstrichen. Die Erklärung leuchtet ihm ein. Sie lautet: „Wenn jemand das Auto gestohlen wird, ist es zwar in den Besitz des Diebes, nicht aber in dessen Eigentum übergegangen. Wenn der Dieb das gestohlene Auto verkauft, ist das erneut eine Straftat. Wenn ein Käufer dafür zahlt, ist er Geld und Fahrzeug wieder los, wenn der eigentliche Eigentümer das Auto zurückhaben will.“

Mit Hilfe der Treuhand will Höcker vor Gericht. „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“, sagt er. Er will nicht falsch verstanden werden: „Gegen Polen habe ich überhaupt nichts. Aber ich habe ein Recht auf mein Eigentum.“ Seine fünf Neffen haben Interesse, den Hof zu bewirtschaften. Auch er selbst ginge „gerne nach Hause zurück“. Würde er sich denn wohl fühlen in Polen? Höckers Antwort kommt sofort: „Nein, keiner würde gehen, wenn es Polen bleibt. Nur wenn es an Deutschland zurückgegeben wird.“ Für ihn hat der Satz keinerlei Brisanz. Warum auch? In seiner Welt ist Ostdeutschland „die Bezeichnung für das, was Polen und Russland heute noch besetzt halten“.

Höcker hält die Treuhand auch für einen „ganz erheblichen Personenkreis mit guter Infrastruktur“. Er weiß nicht, dass deren Geschäftsstelle im Düsseldorfer Süden nicht mehr als ein Provisorium ist. Die Treuhand teilt sich zwei Kellerräume mit der Ostpreußischen Landsmannschaft. Der weiße Putz des einfachen Mietshauses ist grau geworden. Im Vorgarten dorren Disteln. Es passt ins Bild, dass fast rund um die Uhr ein Anrufbeantworter geschaltet ist. Eine eigene E-Mail-Adresse gibt es nicht. Faxe landen in Brilon. Hier wohnt die ehrenamtliche Sekretärin, der manchmal noch die Schwiegertochter hilft. Für die Treuhand arbeiten nicht viele: Rudi Pawelka, seine beiden Stellvertreter, ein Geschäftsführer plus Stellvertreter, wenn man großzügig zählt, noch zwei Sekretärinnen – also sieben Personen, und die auch nur stundenweise. Auch sonst scheint der Rückhalt nicht groß. Der BdV hat sich wegen der verheerenden Wirkung in Polen mehrmals von der Treuhand distanziert – ob glaubwürdig oder nicht sei dahingestellt. Auch die Spitze der Ostpreußen will ihre Bindungen kappen.

Man könnte deshalb verleitet sein zu sagen, Pawelka und Co. seien bald definitiv von gestern. Aber so einfach ist es nicht. Jetzt im Herbst will die Treuhand Ernst machen. Sie hat Kläger gefunden, die nicht nur 50 Euro Aktieneinlage, sondern die gesamten Prozesskosten selbst zahlen wollen. Anwälte wurden noch nicht engagiert, aber Vorgespräche laufen schon. Einer der Musterkläger wird ein Aussiedler sein, der einen Bauernhof mit sechs Hektar in Oppeln, dem heutigen Opole, zurückgelassen hat. Mehr Details gibt es nicht. Was Pawelka nicht sagen will, verschweigt er wortreich. Aussichtslos ist es nicht, dass Aussiedler mit ehemaliger oder noch aktueller polnischer Staatsbürgerschaft ihr früheres Eigentum von einem polnischen Gericht zugesprochen bekommen. Juristisch völlig anders gelagert – von Pawelka aber stets irreführend mit den Aussiedlern in einen Topf geworfen – sind Fälle von deutschen Vertriebenen, die wie Helmut Höcker in den Jahren 1945 und 1946 vor den Russen fliehen oder auf Grundlage des Potsdamer Abkommens ihre Heimat verlassen mussten. Rechtsexperten kommen meist zu dem Ergebnis: Solche Klagen haben vor dem Europäischen Gerichtshof oder dem Gerichtshof für Menschenrechte kaum Chancen. „Das wollen wir erst einmal sehen“, sagt Pawelka. Seine Kampfansage: Sollten die Klagen in Europa abgewiesen werden, bleibt immer noch Amerika. Den so genannten „Minimum Contact“, ohne den sich ein US-Gericht nicht zuständig erklärt, könne man durch „Aktionäre, die in Amerika leben“, leicht herstellen. Wie viele Aktionäre sind das denn, Herr Pawelka? Eher zehn oder eher 50? „Ich weiß von einem ganz gewiss.“

Dass er mit seinen Ankündigungen Wut in Polen provoziert, interessiert Pawelka nicht. „Es ist nach wie vor ein Fehler, Verständigung allein danach zu beurteilen, ob in Polen Zufriedenheit ausgelöst wird.“ Mulmig wird ihm nur beim Gedanken an die eigene Haut. Als er vor sechs Wochen in der Nähe der polnischen Grenze war, hat er lange überlegt, ob er zum Tanken rüberfahren soll. Es waren nur wenige hundert Meter. „Aber mein Gesicht ist in Polen total bekannt.“ Weglaufen vor Eiern, das ginge dank Fitnesstraining. Aber wehren mit Worten? Auf Polnisch kann er nur Piwo und dobry, das eine heißt Bier, das andere gut. Gefahren ist er trotzdem. Das Benzin war angenehm billig, und der Tankstellenpächter hat ihm die Autoscheiben geputzt. „Die waren noch nie so sauber.“

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