Zeitung Heute : Die Ruhe der Toten

Bestattungskultur gestern und heute – vom steinzeitlichen Hockergrab bis zum „Friedwald“

Was noch vor 100 Jahren unmöglich war, ist heute weit verbreitet: die von Christen lange abgelehnte Feuerbestattung. Ihr Anteil liegt beispielsweise in Berlin schon bei mehr als 75 Prozent. Die Gründe für diesen Einstellungswechsel sieht der in der Bestattungskultur engagierte Verein Aeternitas in der sinkenden Bereitschaft zur Grabpflege durch immer kleinere Familien und ihre Unmöglichkeit durch die gestiegene berufliche Mobilität. Hinzu kommt, dass sich immer weniger Menschen mit christlichen Werten und Normen identifizieren. Dadurch verlieren die traditionellen christlichen Bestattungs- und Gedenkformen an Bedeutung. Die Kirchen tragen dieser Entwicklung Rechnung. Sie billigen heute die Einäscherung, die katholische Kirche allerdings offiziell erst seit dem Jahr 1963.

Wie die Toten begraben? Auf diese Frage musste jede Zeit und jede Gesellschaft ihre eigene Antwort finden. Die ältesten heute bekannten Begräbnisstätten sind die wohl 100 000 Jahre alten Gräber in den Höhlen von Es Skhul nahe des heutigen Haifa in Israel. Der Leib des Toten wurde hier „der Erde anvertraut, damit er wieder zu Erde werde“, wie es viel später im Buch Mose hieß. Eine seit der Altsteinzeit sehr verbreitete Form des Begräbnisses war das Hockergrab, in dem der Tote, auf der Seite liegend, mit an den Leib gezogenen Knien und oft an Armen und Beinen gebunden, beigesetzt wurde. Wurden die Leichen zusammengeschnürt, weil die Lebenden die Toten fürchteten? Oder wollten die Bestatter nur möglichst viele Tote in einem Grab beerdigen? Wir werden es nie wissen.

In Deutschland belegen sehr eindrücklich die bis zu 5000 Jahre alten und weit verbreiteten Hünengräber uralte Bestattungstraditionen. Die bis zu zwölf Meter langen und mit Erde bedeckten Kammern aus großen Gesteinsblöcken boten Platz für bis zu hundert Gestorbene. Ihre Dimensionen waren so gewaltig, dass nur „Hünen“, also Riesen, sie gebaut haben konnten.

Feuer, Wasser und Luft

Immer hingen Beerdigungsrituale und Elemente zusammen. Germanen verbrannten schon vor 3000 Jahren ihre Toten. In Indien entzündet bis heute der älteste Sohn des Verstorbenen einen Scheiterhaufen und befreit damit die Seele vom Körper. Die Wikinger setzen ihre Verstorbenen in einem kleinen Boot auf dem Meer aus. Tibeter vertrauten ihre Toten dem Fluss an. Im Iran überließ man die Toten den Vögeln, damit sich ihre Seelen in den Himmel aufschwingen konnten. Und viele Indianerstämme Amerikas beerdigten ihre Toten auf Holzgestellen unter freiem Himmel. In der westlichen Welt dagegen legten die Trauernden die Verstorbenen zwei Jahrtausende unversehrt ins Grab. Christen und Juden glaubten, der Mensch müsse bis zum Tag seiner Auferstehung in ewigem Schlaf unversehrt im Grab liegen.

Friedhofszwang

Geblieben über den Wandel der Zeiten hinaus ist in Deutschland, anders als in Italien oder den Niederlanden, der „Friedhofszwang“: Eine Bestattung muss auf einem Friedhof stattfinden. Erst seit einiger Zeit gibt es Ausnahmen wie die Seebestattung oder das Urnenbegräbnis unter einem Baum. Aufgehoben wurde in einigen Teilen Deutschlands der Sargzwang. Das kommt vor allem Muslimen zugute, die nun ihre Angehörigen in Tüchern beisetzen können, wie es ihrem Glauben entspricht.

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