Zeitung Heute : Die Russen kommen…

…zur Frankfurter Buchmesse. Aber wer kennt die heutigen Schriftsteller aus diesem Land? Die Agentin Galina Dursthoff hat eine Mission.

Stefanie Flamm

Das Nadelöhr, durch das die russische Gegenwartsliteratur nach Deutschland kommt, liegt in den oberen Stockwerken eines grau getünchten Mehrfamilienhauses in Köln-Sülz, und das erste, was einem dort ins Auge sticht, ist rot. Hellrote Wände, tiefrote Möbel, eine zartrot eingefärbte Karte der Sowjetunion und eine Hausherrin, deren Haare noch röter sind als die von Franka Potente in „Lola rennt“. „Ich bitte Sie, das kann ich Wolodja nun wirklich nicht antun“, ruft sie in den einen Telefonhörer, und dann, eine Oktave höher und auf Russisch, in den anderen: „Können wir das nicht nächste Woche besprechen? Ich habe hier ein Irrenhaus.“

Hinter ihrem magentafarbenen Schopf verschwindet am Horizont der Kölner Dom unter dem Dunst eines späten Sommertages. Auf ihrem Schreibtisch quillt ein Aschenbecher über, das Faxgerät druckt Angebote auf Papier. Galina Dursthoff schaut kurz drauf und wirft sie ungelesen in den Papierkorb. Angebote kann sie im Moment wirklich nicht brauchen. Sie fühlt sich, wie man in Moskau sagen würde, „nicht ganz in ihrem Teller“. Die Katze ist vom Kater schwanger, der Krebs der Familie hat kürzlich „Selbstmord“ begangen, indem er aus seinem Bassin kroch, in der Küche ist soeben eine Mineralwasserflasche explodiert, und jetzt verlangt ihr zwölf Jahre alter Sohn Jaschka auch noch ein Mittagessen, weil er „keinen Bock“ hatte, in der Schule zu essen. „Es gibt gleich Salat“, sagt sie. Aber Jaschka will Würstchen und knallt aus Protest die Tür hinter sich zu. Er befindet sich in der schwierigen Lebensphase, wo man nicht mehr recht weiß, ob man ein Kind ist oder ein Mann. Doch er ist im Moment bei weitem nicht die einzige Sorge seiner Mutter.

Seit vier Jahren vermittelt Galina Dursthoff russische Literatur an deutsche Verlage. Wie alle Agentinnen dieser Welt verfasst sie Gutachten, verhandelt Honorare und Vorschüsse. Doch je näher die Frankfurter Buchmesse mit ihrem russischen Schwerpunkt rückt, desto mehr erinnert ihre Arbeit an die eines Reiseveranstalters. Sie organisiert Fahrkarten für ihre Autoren, druckt Reiseverbindungen aus, beraumt Diskussionen und Lesungen an, koordiniert die Interviews, sagt Termine ab, wenn sie das Gefühl hat, es sei zu viel. Das kostet Zeit und Nerven, und bringt ihr fast kein Geld ein. Aber mit russischer Literatur werde man ohnehin nicht reich, sagt sie. Die Vorschüsse seien zu gering. Mit russischer Literatur wird man in Deutschland auch nicht berühmt, dazu sind die Auflagen zu niedrig. Eine Russin, die trotzdem ihre Tage damit verbringt, ihre Schriftsteller in westliche Verlage zu schleusen, muss andere Gründe haben als Ruhm oder Geld. Galina Dursthoff hat, wie es scheint, eine Mission. „Ich bin wie ein Panzerkreuzer, der unsere Autoren nach vorn bringt. Alles, was mich interessiert, ist ihr Erfolg“, sagt sie und lässt den Rauch ihrer Mentholzigarette wie ein Fanal in den Raum steigen. Sie hat schon schlechtere Zeiten erlebt als diese.

Der Mythos „Lesendes Volk“

Als sie 1999 ihren Betrieb anmeldete, erwartete niemand im Westen mehr etwas Gutes aus Russland, und erst recht keine guten Bücher. Die Euphorie mit der man vor allem in Deutschland die Transformation der ehemaligen Sowjetunion beobachtet hatte, war in eine bilaterale Depression übergangen, und vom Mythos des „lesenden Volkes“ hat man auch schon lange nichts mehr gehört. Moskau und St. Petersburg, die intellektuellen Zentren der Russischen Föderation, erlebten Mitte der 90er Jahre ihre zweite Gründerzeit als Eldorado der organisierten Kriminalität; die einfache Bevölkerung war vor allem mit dem Überleben beschäftigt. Selbst die großformatigen, so genannten „dicken“ Literaturjournale, in denen zu Sowjetzeiten jedes wichtige und manches brisante Buch seinen Vorabdruck erlebte, verloren den größten Teil ihrer Auflage.

Seither fristen die ehemaligen Referenzblätter der kritischen Intelligenzija ein Schattendasein als Schmollecke für frustrierte Kritiker, die noch immer auf einen neuen Dostojewskij warten und jeden zum Stümper stempeln, der mit weniger als 1000 Seiten auskommt. Und zumindest im Westen scheinen ihre Bannflüche noch immer gehört zu werden.

„Gibt es denn bei euch noch Literatur?“, lautete eine Frage, die Galina Dursthoff im Kölner Verlagsmilieu damals oft hören musste, und die sie noch immer sehr empört. Schließlich ist sie keine Emigrantin, die vor den Zumutungen, die Russland für seine Bürger immer noch reichlich bereithält, geflohen wäre, und auch keine Vertriebene, die ihre Erinnerungen an die alte Heimat verdrängen müsste, weil sie nie mehr dorthin zurück kann. Galina Dursthoff ist vor 13 Jahren aus Liebe nach Deutschland übergesiedelt, aber sie ist nie ganz angekommen. Sie besitzt noch immer ihre alte Wohnung in Moskau, besucht dort regelmäßig ihre Familie, Freunde und ehemalige Kollegen. „Ich sitze ganz bequem zwischen den Stühlen“, sagt sie.

Außerdem ist sie vom Fach. Galina Dursthoff hat mehrere Jahre Literatur an einer Oberschule gelehrt und bis 1990 als Lektorin im Moskauer „Nowosti“-Verlag gearbeitet. Es ist für sie eine Frage der Ehre, mit dem Vorurteil aufzuräumen, die russische Literatur sei am Ende, nur weil ihr mit der Sowjetunion Gegner und Gegenstand gleichermaßen abhanden gekommen sind. Die russische Literatur entsteht mittlerweile sogar dort, wo Puristen sie niemals suchen würden: im Internet, in der Provinz, im Ausland.

Nicht selten pendeln ihre Helden zwischen den Welten, und auch ihre Schöpfer sind viel unterwegs. Fast jeder jüngere russische Schriftsteller, ob er nun Kononow, Bolmat oder Jelisarow heißt, hat eine Zeit lang in Westeuropa oder den Vereinigten Staaten gelebt und das, sagt Galina Dursthoff, prägt. „Die neuen russischen Autoren arbeiten sich nicht mehr am sozialistischen Realismus ab, sie folgen keiner Mode, keiner Ideologie und keinem ästhetischen Manifest. Insofern mögen sie die wahren Postmodernisten sein, wenn man Postmoderne als ästhetische Demokratie versteht, als Ende der Diktatur eines Stils“, schreibt sie in dem Nachwort der von ihr herausgegebenen Anthologie „Russland. 21 neue Erzähler“. Doch postmodern oder nicht – Texte, die nicht übersetzt werden, verbleiben im nationalen Ghetto. Aber mit dem Übersetzen allein ist es auch noch nicht getan.

Die Weltliteratur, der Frau Dursthoff ihre „Schützlinge“ wieder einverleiben will, basiert auf einem komplizierten Regelwerk aus internationalen Verträgen, nationalen Rechten, Tantiemen und Kontakten. Und juristische Angelegenheiten gestalten sich in Russland seit der Wende besonders kompliziert. Es gibt Verlage, die eigentlich Briefkastenfirmen oder Geldwaschanlagen sind, Verlage die alle paar Monate den Namen wechseln oder über Nacht einfach verschwinden, und es gibt ein, gelinde gesagt, verworrenes Urheberrecht. Wer Autoren, die bei einem russischen Verlag unter Vertrag stehen, an einen deutschen weiterreichen will, muss also wissen, auf wen er sich verlassen kann, und Frau Dursthoff wäre heute wohl keine so profilierte Agentin, könnte sie sich bei ihrer Arbeit nicht auf ein stabiles Netzwerk stützen.

Viele ehemalige Kollegen aus dem „Nowosti“-Verlag haben sich längst als Veleger selbstständig gemacht, auch Putins Presseminister ist ein alter Bekannter. „Dieser Grigorjew!“, schnaubt sie. Denn bei aller Freundschaft missfällt es ihr sehr, wie sein Ministerium die diesjährige Buchmesse vorbereitet hat. Anders als letztes Jahr das kleine Litauen, hat Russland keine Übersetzung finanziert, dafür aber genug Putin-Plakate drucken lassen, um die ganze Messe damit zu tapezieren. Erst in allerletzter Minute ist es Galina Durshoff gelungen, für politisch sensible Autoren und Verlage einen „autonomen“ Stand in Frankfurt zu organisieren. „Ich bin halt wie eine Mutter“, sagt sie. Die „Kinder“, die das zu schätzen wissen, werden immer mehr.

Nicht nur bekannte, relativ gut verdienende Schriftsteller wie Ljudmila Ulitzkaja und Wladimir Sorokin lassen sich von ihr vertreten; ein Großteil der neuen und halbneuen russischen Titel, die zur Frankfurter Buchmesse in die deutschen Buchhandlungen kommt, ist in Manuskriptform schon vor Jahren durch ihren Computer gegangen: Oleg Postnows somnambules Märchen „Angst“, die letztes Jahr bei Zacharow erschienene Urform von Tolstojs „Krieg und Frieden“, Ilja Stogoffs existentialistisches Trinker-Epos „Machos weinen nicht“, Michail Kononows sowjetische Maria-Magdalena-Geschichte „Die nackte Pionierin“, aber auch die populären Frauenkrimis von Polina Daschkowa, die in Russland mittlerweile Auflagen von bis zu 30 Millionen erreichen.

Es geht auch kürzer als bei Tolstoj

Allein die Vielfalt dieser Bücher zeigt, dass auch die russische Literatur sich in verschiedene Literaturen aufgespalten hat, die unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen. Wer gerne spannende Geschichten liest, braucht sich heute nicht mehr mit „Schuld und Sühne“ zu behelfen, Puschkin muss nicht mehr für postadoleszente Nöte herhalten, und anrührende Familiensagas findet man mittlerweile überall kürzer als bei Tolstoj. Doch egal, ob sie mit knalligen Covern versehen oder hinter einem ollen Kunstledereinband versteckt wird, die Vermittlung russischer Literatur nach Deutschland ist immer ein Kraftakt. „Interessant“, heißt es meistens bei den Verlagen, oder sogar „genial“. Doch wer, um Himmels willen, wird das kaufen?

Russische Literatur gilt als schwer, düster und sperrig. Man erwartet, dass sie „fremd“ oder „radikal“ wirkt und wäre wahrscheinlich enttäuscht, wenn das gefallene Reich des Bösen irgendwann die Moskau-Triologie eines postsowjetischen Paul Auster hervorbrächte. Gleichzeitig fürchtet man diese Fremdheit der russischen Texte, ihre oft epische Länge und die finstere Romantik, die von Dostojewskij bis Oleg Postnow spürbar bleibt. „Ich habe mit Werken zu tun, die man erklären muss“, sagt Galina Dursthoff. Man könnte auch sagen: Russische Literatur verarbeitet eine Realität, die sich den Deutschen nie ganz erschließt. Selbst Hätschelkinder des deutschen Feuilletons wie Wladimir Sorokin („Der himmelblaue Speck“) und Viktor Pelewin („Generation P“), deren groteske Antiutopien in Russland zu Kultbücher avancierten, haben hierzulange bis heute einen schweren Stand. Zu hermetisch, sagen die Buchhändler, zu sehr in eine innersowjetische Verweisstruktur verstrickt. Sorokins „Himmelblauer Speck“, der in Russland 120 000-mal über den Ladentisch ging, fand in Deutschland 2200 Käufer.

Aber das soll sich jetzt ändern. Die russische Literatur wird „anschlussfähig“, sagt Galina Dursthoff. Sie spricht sogar von einem „Paradigmenwechsel“. Autoren, die heute um die 30 sind, suchen nicht mehr nach Strategien, um das sowjetische Erbe zu bewältigen, sie haben wieder zum realistischen Erzählen gefunden. Ilja Stogoff, Sergej Bolmat und Wladimir Spektr sind das Sprachrohr einer verlorenen Generation: Als die Perestrojka begann, waren sie zu jung, um sich am großen Verteilungskampf zu beteiligen, heute sind sie zu alt, um in der globalen MTV-Welt ihrer jüngeren Geschwister heimisch zu werden. Was sie mit ihren Altersgenossen im Westen verbindet, ist ihr gnadenloser Individualismus, ihre verzweifelte Suche nach Liebe und die Tatsache, dass sie von der Zukunft nicht mehr wirklich etwas Neues erwarten. „Mehrere Imperien sind zusammengebrochen, aber ich bin wie immer besoffen, blöd und nirgends angekommen“, heißt es in Stogoffs „Machos weinen nicht“. Bevor der Autor vom Schreiben leben konnte, arbeitete er als Putzmann in Berlin.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar