Zeitung Heute : Die russische Wunde

Begegnet sind sie sich nie, aber ihre Wege haben sich gekreuzt – im brutalsten Krieg der Weltgeschichte. Der begann, als Hitler am 22. Juni 1941 den Ostfeldzug befahl. Von zwei Soldaten, die den überlebt haben und sehr alt werden mussten, um davon zu erzählen

Eva-Maria Brandstädter
Kolonne des Todes. Motorisierte deutsche Truppen auf dem Vormarsch in der Ukraine.
Kolonne des Todes. Motorisierte deutsche Truppen auf dem Vormarsch in der Ukraine.Foto: Topham Picturepoint/Keystone

Der junge Mann zieht es vor, im Sitzen zu schlafen. Auf einem Schemel. Um ihn herum wimmelt es von Kakerlaken. Er ist dankbar für das Obdach, das ihm in der ärmlichen Lehmhütte gewährt wurde. Sogar zu essen hat er bekommen. In Öl gebackene Pfannkuchen. Er ist mit den Kräften am Ende. Nach draußen kann er nicht. Eisiger Wind fegt über eine schneebedeckte Einöde. Die Russen, die ihn aufgenommen haben, kennen es nicht anders. Doch die Weite hier übersteigt das Vorstellungsvermögen eines Niederrheiners wie Jakob Lisken einer ist, geboren 1916 in Kamp-Lintfort. Von dort hat es ihn hierher verschlagen, in den russischen Kriegswinter 1942.

Ein Anderer hat da gerade seinen 18. Geburtstag erlebt, in einem Kriegsgefangenenlager bei Aachen. Er hungert und friert, und Ungeziefer ist sein geringstes Problem. Auch er weiß nicht, ob er lebend da herauskommt. Seine Name: Hassan Ibragimowitsch Hassanow.

Sie sind sich nie begegnet. Jeder kämpfte jeweils nahe der Heimat des anderen ums Überleben. Der eine, ein Imker aus dem Nordkaukasus, Muslim, geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, er starb vor zwei Jahren in seiner Heimat. Der andere, ein katholischer Bauer vom Rand des Ruhrgebiets, kam als Offiziersfahrer zur 6. Armee an die Ostfront. In der südrussischen Steppe wurde er versprengt. Das rettete ihm vermutlich das Leben. Nun sitzt er in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist und zeitlebens gewohnt hat, und erinnert sich.

Die Fakten sind bekannt. Als deutsche Truppen am 22. Juni 1941 den Grenzfluss Bug überschritten und mit 140 Divisionen in die Sowjetunion einfielen, geriet das Deutsche Reich in einen Zweifrontenkrieg, den es nicht gewinnen konnte. Aber geblendet von den bisherigen „Blitzkrieg“-Erfolgen, wollte man die Sowjetunion noch vor Jahresende niedergerungen haben. Bis auf 30 Kilometer rückte die Wehrmacht an Moskau heran, sie war die größte Streitmacht, die je ein Land überfallen hatte. Doch bald schon war die Front überdehnt, der Nachschub problematisch und der Winter da. Der Untergang der 6. Armee vor Stalingrad wurde zum traurigen Symbol für das nahende Ende Hitlerdeutschlands. 32 Millionen Menschen kamen bei diesem blutigsten Feldzug der Weltgeschichte ums Leben.

Jakob Lisken, der Bauer, hat ihn überlebt. Er sitzt in der einfachen Küche seines Hofes, 95 Jahre alt, das Wohnzimmer ist für besondere Anlässe reserviert und immer leer. Geredet wird am Küchentisch. Auf dem liegt nun auch seine Kamera, die ihn durch den Krieg begleitet hatte. „Ja, manchmal hat er auch vom Krieg gesprochen“, sagt seine Frau, „aber nicht oft.“ Heute kann er reden darüber, kaum jemand fragt noch nach den Schuldigen von damals. Und wenn Lisken redet, verschwimmen die Grenzen zwischen Tätern und Opfern.

1936 absolviert er nach dem Wehrdienst noch eine Ausbildung als Fahrer: Führerscheine I-III, dazu Panzerführerschein – als Landwirt würden die ihm auch später nützlich sein, weiß er. Er fährt gut, gerne und schnell, ist ein gelassener, sympathischer Kerl. Genau richtig für die Kommandeure, die er ab Kriegsbeginn in einer damaligen Luxuskarosse chauffiert, einem Horch, Modell Sport- Cabrio. Von Frankreich, wo sie zuerst eingesetzt sind, geht es 1941 an die Ostfront.

Bei Kriegsbeginn ist Hassan Ibragimowitsch Hassanow ein 17-jähriger Student an der Militärakademie, der von einer Offizierslaufbahn träumt. Weshalb ausgerechnet der sensible Hassanow zum Militär wollte? Hassan Hassanow, aus dem Volk der Karatschaier, lebte in der Weidenkette vor dem Großen Kaukasus. Seine Kindheit verbrachte er auf einem Gestüt, wo sein Vater als Zuchtleiter arbeitete. Dem berühmten Reitergeneral Budjonny gehörte es, manchmal besuchte der Marschall es, und der kleine Hassan sah ihn mit seinem Vater sprechen. Er bewunderte ihn sehr.

Schon in den ersten Kriegsmonaten wird er schwer an der Hüfte verletzt, kommt in ein Lazarett mit 2000 Verwundeten. Es wird bald von feindlichen Truppen eingekesselt und aufgelöst. Die Deutschen lassen Hassanow zwar eine notdürftige medizinische Versorgung zukommen, aber dann, noch lange nicht genesen, tritt er eine Odyssee durch verschiedene Arbeitslager und Munitionsfabriken an und gelangt über Litauen und Polen nach Deutschland. Als er viele Jahre später von einer Fremden erfährt, die in seiner Heimat nahe den Honigwasserfällen bei Krassni Kurgan unterwegs ist, ist er bereits über 70. Drei Mal kommt er, auf gut Glück, um der Deutschen seine Geschichte zu erzählen. Ein nachdenklicher Mann mit feinem Humor. Beim Gehen zieht er das linke Bein leicht nach, Folge seiner Kriegsverletzung. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern blicken freundlich, nur wenn er dann vom Krieg erzählt, werden sie von einer Art traurigen Resignation überschattet. Aber er macht niemandem einen Vorwurf. Dafür ist er zu galant. Vor einer Frau fällt es ihm schwer, etwas Schlechtes zu sagen.

Dabei gäbe es genug Elendes zu berichten. Davon, wie die Tagesration der Kriegsgefangenen aus zwei Kartoffeln oder einem Stück „Russenbrot“ besteht, in dem zu einem hohen Anteil Strohmehl und Cellulose verarbeitet sind. Wie es manchmal auch tagelang überhaupt nichts zu essen gibt. Wie den Gefangenen dann eine Ladung Korn hingekippt wird und sich die Wachmannschaften daran ergötzen, die verzweifelten Menschen wie Tiere darauf stürzen zu sehen. Wie bald Seuchen grassieren, Ruhr und Typhus. Auch Hassan Hassanow erlebt, wie bereits geringe Verstöße gegen die Lagerordnung mit schweren Prügelstrafen geahndet werden. Aber er denkt an seine Eltern und Geschwister, an die schöne Heimat in den Bergen. Das alles will er unbedingt wieder sehen, das gibt ihm Kraft, um durchzuhalten.

Jakob Liskens Einheit, eine vollmotorisierte Panzerabwehr der 6. Armee, hat auf ihrem Weg in die Ukraine viele Gefangene gemacht. Auf der Gegenseite versucht das Idol aus Hassanows Kindheit, Marschall Budjonny, als Oberbefehlshaber der Südwestfront vergeblich, den deutschen Vormarsch zu stoppen. Wobei Bauer Liskens Bild von der vorrückenden Wehrmacht von unglaublichen Saufexzessen geprägt ist. Am nächsten Tag hätten ihm oft die Hände gezittert, aber fahren musste er ja trotzdem.

Vielleicht ist das Zittern ihm auch aus anderen Gründen im Gedächtnis geblieben und irgendwo tief in ihm nie ganz verebbt. Denn um ihn herum tobt ein Vernichtungskrieg. Hitler geht es um Lebensraum für sein Volk im Osten. Den muss er leerfegen vorher. Und einmal, so berichtet Lisken, kommen nachts russische Soldaten durch einen breiten Flussarm geschwommen, um sich den Deutschen zu ergeben. Da wird der Befehl ausgegeben: „Es werden keine Gefangenen gemacht!“ und er sieht, wie die hilflosen Russen noch im Wasser abgeknallt werden.

Im Herbst beginnt in der Ukraine die Schlammperiode. Die Front steckt fest und der Horch einmal einen ganzen Tag im Matsch. Für den bevorstehenden Winter sollen sie dringend benötigte warme Kleidung aus der Heimat bekommen, doch der Versorgungszug fährt zu weit und fällt der Roten Armee in die Hände. Der Winter, immer wieder der Winter. Jakob Lisken sieht verlorene Gestalten umherirren oder Leichen von Feind und Freund, die niemand in der gefrorenen Erde bestatten kann. In umgestürzten Fuhrwerken noch eingespannt liegen die aufgeblähten Leiber toter Pferde, unterwegs immer wieder Wracks zerstörter Panzer und abgeschossener Flugzeuge.

Lisken erlebt die große Kesselschlacht um Kalatsch am Don. Seine Taktik ist simpel. Er wartet, bis die Russen feuern. Dann gibt er Gas und ist durch den Qualm der Detonationen gedeckt. Oft haben er und seine Begleiter keine Ahnung, wo sie sich befinden, erzählt er. Sie sollen weiter nach Osten, Hitler will Stalingrad unbedingt einnehmen und die Wolga als wichtige Wasserstraße kontrollieren, Stalingrad ist das Ziel, die Stadt mit dem Namen des Diktators.

Wieder wird es Winter und der Fahrer muss vor den Schneemassen kapitulieren. Den Horch, den er gut drei Jahre ohne eine Schramme durch den Krieg gebracht hat, müssen sie irgendwann stehen lassen. „Der Finder“, sagt Lisken, „wird sich über die vielen Oberhemden gewundert haben.“ Denn wenn die Hemden ein wenig zerschlissen aus der Wäscherei kamen, mochten die Offiziere sie nicht mehr tragen. Also hat der Fahrer sie gesammelt.

Dann passiert es: Während eines heftigen Angriffs der Roten Armee wird er von seiner Einheit getrennt. „Die, die nach rechts liefen, sind fast alle in Stalingrad umgekommen“, erzählt er. Er läuft nach links und ist nun allein in der weiten Steppe. Die Sprache kann er nicht. Und was er von der heimischen Bevölkerung erwarten darf, weiß er auch nicht. „Die Russen haben mich nie verscheucht“, sagt er, „ich hab immer was zu essen gekriegt.“ Auch weil er auf die Gardinen geachtet hat.

Gardinen vor dem Fenster, das bedeutet mehr Essen als in Häusern ohne Gardinen. Nach ein paar Tagen trifft er auf Wilhelm, einen Bonner, noch sehr jung und ebenfalls versprengt. Sie bauen sich Kufen unter eine Mehlkiste für ihr Gepäck und spannen zwei Pferde davor. Sie können sich durchschlagen nach Charkow, wo sich die auseinander gerissenen Truppenteile sammeln, um den Rückzug zu organisieren. Dörfer und Gehöfte, Kirchen und Betriebe, alles wird unterwegs in Brand geschossen. Als seine Einheit 1943 in Deutschland wieder zusammenfindet, haben von 250 Mann nur 15 überlebt. Für ihn geht der Krieg in Italien weiter. Davon würde er sowieso viel lieber erzählen.

„Viele sind gestorben“, erzählt Hassanow, „an Krankheit und Hunger.“ 60 Prozent der russischen Kriegsgefangenen überleben den Krieg nicht. Hassanow selbst leidet unter den Folgen seiner Hüftverletzung, und das linke Bein bleibt dünn. In einem Moor bei Aachen muss er Torf stechen, in Polen Munition herstellen. Mit drei anderen Leidensgenossen gelingt ihm schließlich die Flucht, hin zu den eigenen Linien. Was Hassanow vom Krieg in Erinnerung geblieben ist? „Wie ich mich mit den Mädchen amüsiert habe!“, erklärt der alte Kaukasier schmunzelnd.

Ein Satz, der den Schrecken des Krieges wegwischen soll. Der alte Mann ist in der Zwickmühle. Der Deutschen, deren Sprache er in den Jahren seiner Gefangenschaft so gut gelernt und es nie wieder vergessen hat, will er berichten. Aber allzu genau soll sie dann doch nicht wissen, wie der Krieg ihn verändert hat. Als etwas, das ohnehin abgelöst wurde von naheliegenderen Dingen.

In Russland war sein Volk Ende 1943 nach Mittelasien deportiert worden. Ganze Familien sind durch Hunger und Kälte ausgelöscht. In Kasachstan sucht er ein halbes Jahr, bis er seine Angehörigen wieder findet. Später wird er Buchhalter in einer Sowchose für Baumwolle und nebenbei Imker. Offizier ist er nie geworden. Aber immerhin, ein Pferd kann er sich leisten. „Tugan“ heißt der prächtige, silbergraue Hengst. Und sie reiten oft über die Hochflächen seiner Jugend. Nur manchmal spürt er, wie er zugibt, dass der Krieg ihn doch heimlich verfolgt – wenn er von seinen Mitmenschen schräg angesehen wird, weil er „dort“ war.

Einmal schreibt Hassanow deshalb einen Brief an Helmut Kohl. Auf zweieinhalb Seiten, handgeschrieben, schildert er dem damaligen Bundeskanzler seinen Weg durch die Kriegsgefangenenlager. Er erzählt von der Arbeitslosigkeit seiner Söhne, und dass er 70 Bienenvölker transportieren muss. Er bittet Kohl um Hilfe beim Kauf eines Lastwagens. Das Wort „Entschädigung“ taucht nicht auf.

Die Antwort aus dem Kanzleramt fällt bedeutend kürzer aus. In neun Zeilen wird ihm beschieden, dass „der Bundeskanzler leider keine Möglichkeit hat, Ihnen beim Kauf eines Autos behilflich zu sein bzw. einen solchen Kauf zu vermitteln.“ Man empfiehlt ihm, sich unmittelbar mit den entsprechenden Firmen in Verbindung zu setzen, vergisst aber nicht den Hinweis, dass er den Kauf eines Autos auf jeden Fall selbst finanzieren müsse. „Hassan war sehr traurig nach dem Brief“, erzählt seine Frau. Er selbst, kurz vor seinem Krebstod darauf angesprochen, sagt, dass der Kanzler ja helfen wollte.

„Ich hab mir nie groß Gedanken gemacht“, erklärt Bauer Lisken an seinem Küchentisch, „habe es genommen, wie es kommt. Und ich hatte immer Nerven wie Stahlseile!“ Auch er war in Gefangenschaft, kurz, bei Rimini. Heute hat sein Gesicht kaum Falten. Das graue Haar ist nur um die Stirn ein wenig zurückgetreten. Er blättert sein Fotoalbum durch, in das er die Kriegserinnerungen ungeordnet eingeklebt hat. Wann er wo war? Die Jahreszahlen verrutschen ihm. Nur, dass die Ackerpferde 1953 abgeschafft und ein Traktor gekauft wurde, weiß er genau. Später wird die Stadt Liskens Felder brauchen. Strukturwandel. Die Familie wird die Landwirtschaft aufgeben und der alte Lisken sein Elektromobil durch das Wohngebiet steuern, das auf seinen Äckern entstanden ist.

Nach dem Krieg hat er einmal versucht, Kontakt zu Wilhelm aufzunehmen, mit dem er damals durch die Steppe geirrt war. Die Antwort kam von dessen Schwester. Ja, Wilhelm habe den Krieg überlebt. Aber den Verstand habe er verloren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben