Zeitung Heute : "Die Sache mit Bruno": Inseln wie Autowracks

Christiana Engelmann

Wenn einer aus einem gebeutelten Land Osteuropas im glücksbesessenen Amerika landet, wenn er mit Geschichten aus dem Gulag unter den allgegenwärtigen Augen Titos aufgewachsen ist, wenn er, selbst passionierter Fußballer, zur Religion Baseball wechseln soll, dann trifft diesen Fremdkörper im gelobten Land ein schwerer Schock. Bei Aleksandar Hemon aus Sarajewo ist daraus ein außergewöhnliches Buch entstanden. In der Sprache des neuen Landes.

"Die Sache mit Bruno" besteht aus acht völlig unterschiedlichen Erzählungen, die mit spielerischem Ernst und tragischer Slapstick-Komik obsessiv um Tod und gewaltsames Sterben, totalitäre Willkür, kindliches Lustgrausen, Zerstückeltes und Ekliges kreisen. Immer werden beiläufig Facetten eines alltäglichen Überlebens mit der großen Geschichte verknüpft. Einmal geschieht dies, auch optisch, ganz explizit. Wenn in "Der Spionagering Sorge" der Autor den heimli- chen Verdacht eines Jungen, dass sein Vater ein wichtiger Spion sei, mit der Biografie des real gesuchten Spions Richard Sorge auf bis zu halbseitigen Fußnoten kontrastiert. So als brüte allgegenwärtiges Überwachen im kollektiven Gedächtnis individuelle Fantasien aus.

Auch wenn in "Eine Münze", einer der zentralen Erzählungen, eine Journalistin ergreifende Briefe aus dem besetzten Sarajewo an den jungen Exilbosnier in Chicago schreibt, ist Hemons Erstling kein "Bürgerkriegsbuch", wie in der FAZ zu lesen war. Alle Texte erkunden, beinahe lustvoll, in immer originelleren Vergleichen, Räume von Heimatlosigkeit, Verlust, Fremdkörperexistenz. Osteuropa und die USA kontrastierend treibt der Autor die radikale Fremderfahrung seines Protagonisten auf die Spitze. In "Der blinde Jozef Pronek & die Toten Seelen" begreift Pronek, dass für ihn als "Ausländer mit Bleiberecht" nur eine Identität als "Oxymoron" möglich ist. Immerhin schon fast ein Glücksmoment.

Flüchtig und selten sind die übrigen Er- fahrungen von Zugehörigkeit. So wenn Proneks Füße exakt in die vorgestanzten Fußsohlen einer amerikanischen Hotelbadewanne passen oder er sich in der Mittagspause seiner Putzkolonne mit einem anderssprachigen Kollegen in "zweisprachigem Schweigen" vereint fühlt. Erhebende Heimatgefühle erleben alle Hemons in der Erzählung "Austausch freundlicher Worte" bei einem fast dionysischen Familiengelage zu Hause in Bosnien noch vor dem Krieg. Alle Mitglieder der versprengten Zweige des Hemonschen Clans einigen sich auf die vom blinden Onkel Teodor tollkühn recherchierte Version der Familiengeschichte. Jeder sieht sich gut aufgehoben in dieser großen Familie, deren Fäden von Homer (heißt man nicht eigentlich "Haimon"?) über Shakespeare, dem französischen Soldaten aus Napoleons Russlandfeldzug bis zu dem Onkel aus der Ukraine verlaufen, der die "zivilisierte Bienenzucht" nach Bosnien brachte. Während sich die Hemons trunken von Wein und Ergriffenheit in die Arme sinken, fahren draußen schon die Lastwagen mit Soldaten vorbei.

Dass es mit Pronek in Chicago nicht gut gehen kann, liegt nicht nur an den CNN-Bildern vom tobenden Bürgerkrieg zu Hause, sondern an dem schiefen Blick des Bosniers, der an allem Unechten, Verlogenen, Unmenschlichen hängenbleibt. Schon der kleine Junge aus der ersten, vielgepriesenen Erzählung "Inseln" nimmt auf seiner ersten Ferienfahrt mit den Eltern "Inseln wie Autowracks" wahr, sieht Fische, "die mürrisch nach Erbrochenem schnappen", Mungos, die Schlangen verschlingen und Nacktschnecken, die wie "abgetrennte Zungen" aussehen. Er hört den Onkel vom Gulag erzählen, von den Kindern, die wegen Schuleschwänzens dorthin verbannt waren.

In den USA beschämt ihn dieser Blick. Sein Körper fühlt sich "ungeschlacht, ungehörig und ohne Ziel" an. Während um ihn herum in grenzenlosem Optimismus der Ratgeber "Sieben göttliche Gesetze des Wachstums" gelesen wird, sieht er in Spaghettisauce "Blut und Gehirn" oder Haare im "Massengrab des Abflusses". Zugleich rast in seinem Kopf der immergleiche Satz "Spalte meinen Kopf wie eine Wassermelone". Und weil er sich selbst verliert wie in einem Sog, kann er sich erst recht nicht neu erfinden. So im Buch.

In der Realität hat das Leben des 35jährigen Autors die abrupte Wendung einer Tellerwäscher-Karriere genommen. Ein echter Glücksfall war es, dass sich Aleksandar Hemon auf einem Kulturaustausch in den USA befand, als 1992 in Bosnien der Krieg ausbrach. Und als er in Chicago einen Fußballverein fand und das Vertrauen, auch in der Fremdsprache zu schreiben, beschloss er zu bleiben. Die erste Veröffentlichung auf Englisch schaffte er schon nach drei Jahren; für die im Sommer erschienene "Sache mit Bruno" ließ sich die amerikanische Kritik zu Vergleichen mit Conrad, Kundera oder Nabokov hinreißen, die auch in der Adoptivsprache den Ruhm erlangten. Sein kriti- sches Amerikabild aber nahmen ihm nicht wenige übel. Er weigere sich, Amerika zu sehen, wie es wirklich ist.

Das Augenfälligste an der ihm attestier- ten "eigentümlich unidiomatischen" Spra- che sind die ungewöhnlichen Bilder, die die Bedeutungswindungen immer noch ein Stück weiter drehen und die Sprache aus ihren gewohnten Bahnen reißen. Im Englischen, so Hemon, habe er den Intellekt eines Erwachsenen und die Sensibilität eines Kindes gegenüber Wörtern, die es zum erstenmal benutzt. Der deutschen Übersetzung gelingt es hervorragend, die Wucht dieses sprachlichen Neulands vibrieren zu lassen.

"Die Sache mit Bruno" ist vor allem der bemerkenswerte Versuch, das autobiografische Potenzial anhand poetischer Mischformen radikal zu erweitern und zugleich der Erfahrung des Exils ein zeitgemäßes Gesicht zu geben. Wahrscheinlich ist Hemon dieser große Wurf nach nur sieben Jahren im amerikanischen Sprachraum deshalb gelungen, weil, wie er selbst nicht unbescheiden sagt, Immigranten mit ihren "verwischten Zugehörigkeiten die idealen Voraussetzungen (haben), die beste Prosa zu schreiben, weil sie immer einen Schritt entfernt sind, sowohl von der Sprache des Landes als auch von dessen Realität."

Wer die titelgebende Figur Bruno ist, bleibt ein Rätsel. Er könnte so etwas wie ein amerikanischer Gregor Samsa sein, der in der vor Glück berstenden amerikanischen Familie dahinvegetiert, bei der Pronek einmal zu Gast ist, und/oder eine Hommage an den großen polnischen Schriftsteller Bruno Schulz.

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