Zeitung Heute : Die Sache mit dem Arm

Er ist Berlins bekanntester Querulant, ruft seinen Hund „Adolf“, hebt die Hand zum Hitlergruß und sagt, das mache er aus Protest gegen Rechts

Verena Mayer

Berlins Dr. Seltsam ist ein kräftiger Bayer namens Roland T. Er hat einen Oberlippenbart, trägt das dunkle Haar streng gescheitelt und sagt Sachen wie: „Das ist ja überkrank, das Volk gehört sortiert, wir sind von lauter Dummköpfen umgeben, von deutschen Dummköpfen, das ist alles schizophren, schizophren ist das alles, schizophren.“ Seine Stimme schwillt an, das Wort „schizophren“ ist fast ein Brüllen. Und wie bei Dr. Seltsam aus dem Film ist da noch die Sache mit dem Arm. Sobald Roland T. laut wird – und er wird sehr oft laut –, geht wie automatisch sein rechter Arm in die Höhe, gerade durchgestreckt, die Handfläche nach oben zeigend, der Hitlergruß.

Der Arm hat Roland T. auch vor das Amtsgericht Tiergarten gebracht. Nicht nur der Arm natürlich, da waren noch viele andere Sachen: „Heil“-Rufe vor der Bäckerei Kamps am Tempelhofer Damm, „Sieg-Heil“-Gebrüll vor dem KaDeWe, Hitlergruß auf einem Markt in Steglitz. Roland T. hat auch ein T-Shirt getragen, auf dem ein knieender Hitler abgebildet ist, er hat eine Polizistin beleidigt und den Regierenden Bürgermeister, er hat gedroht: „Ich spreng euch alle in die Luft.“ Am Donnerstag musste er sich nun wegen Beleidigung und Verwendung von Nazisymbolen verantworten.

Roland T., 54 Jahre alt, Rentner, einschlägig vorbestraft, ist so etwas wie der Star unter Berlins Querulanten. Besonders bekannt ist er bei Polizeibeamten, auf dem Abschnitt 47 in Lichtenrade gibt es bereits einen eigenen Sachbearbeiter. Denn Roland T. wird nicht nur selbst angezeigt, er ortet auch ständig „irgendwelche Subjekte, die er anzeigen möchte“, wie ein Polizist müde ausführt. Feinde, die er anzeigen möchte, sieht Roland T. überall: Fahrradfahrer, Falschparker, Ausländer, Frauen, die Justiz. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat er Polizisten angepöbelt oder kam mit einer Tüte auf die Polizeistation, in der sich Hundekot befand. Die stammte von seinem Hund, einem Schäferhund-Mischling. Der ist inzwischen ebenso stadtbekannt wie sein Herrchen, denn er hört auf den Namen Adolf. Wenn Roland T. „Adolf, mach den Gruß“ sagt, hebt der Hund angeblich die Pfote zum Hitlergruß.

Das ist allerdings nicht Gegenstand des Verfahrens. Der Richter fragt, ob Roland T. zugibt, was in der Anklage steht. Roland T. geht nicht darauf ein, er setzt an, dass er den Hitlergruß nur verwendet habe, um rechte Ideologie anzuprangern. Er rechtfertigt sich mit Sätzen, in denen sehr, sehr oft die Worte „Heil Hitler“ fallen, sein Arm geht in die Höhe. Auf dem Boden hat Roland T. einen grauen Seppelhut abgelegt, daneben steht ein rot-grüner Kinderkoffer, aus dem er immer wieder Papiere zieht, um seine „Aktenvermerke“ vorzutragen, er hat auch eine dicke Mappe mit Zeitungsausschnitten dabei, auf dem Cover ist ein „Spiegel“-Titelbild mit dem Konterfei Hitlers.

„Eine erschreckend wenig beeinflussbare Vorgangsweise“ steht in dem Gutachten, das vor Gericht verlesen wird und Roland T. verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Roland T. hebt die Hand und bezweifelt lautstark die Kompetenz des Gutachters. Er wünsche, von seinem Freund Hufnagel aus Bayern begutachtet zu werden, „dem Doktor Doktor Hufnagel“. Der Richter lehnt das ab. Später ist Roland T. so laut, dass eine Ordnungsstrafe von 150 Euro verhängt werden muss. Fest steht jedenfalls, dass Roland T.s erhebliche Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit die Folge eines Unfalls ist, den er 1995 hatte, als er noch Bankkaufmann war. Roland T. war damals auf seinem Baugrund in den Keller gestürzt und daraufhin ins Koma gefallen. Er hat schwere Gehirnschäden davongetragen, die Medikamente, die ihm eigentlich helfen sollten, nimmt er aber nicht.

„Ein einsamer Mensch“, sagt die Verteidigerin. Seine Tiraden bezeichnet sie als „Volksreden“, dazu da, dass ihm endlich jemand zuhört. Das wird wohl noch öfter passieren, weitere Verfahren stehen aus. Als der Richter Roland T. zu insgesamt 13 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, ist Roland T. ausnahmsweise still. Der Arm bleibt unten, dafür kämmt sich Roland T. die Haare.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar