Zeitung Heute : Die Saubermänner

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Der Schock traf den Radsport tief ins Mark, als 1998 der französische Staat das Vertrauen in die Fähigkeit des Sportes verlor, sich selbst zu regieren. Die kommunistische Sportministerin Marie-George Buffet ließ Fahrer und Betreuer durchsuchen und torpedierte mit anti-bourgeoiser Respektlosigkeit das nationale Monument Tour de France. Und erließ ein scharfes Anti-Doping-Gesetz.

In der Folge traten Radsportler nur noch ungern Dienstreisen nach Frankreich an, die Angst vor einer erneuten Demütigung war groß. Diese Angst hat der Tour de France gut getan. Daniel Baal, ehemaliger Präsident des französischen Radsportverbandes FFC und jetziger Vizepräsident der Société du Tour de France: „Es muss in die Köpfe der Fahrer einsinken, dass ihr delinquentes Verhalten absolut dramatische Konsequenzen hat.“ Dass mit Frankreich nicht zu spaßen ist, so Baal, hätten die Fahrer mittlerweile begriffen: „In Italien und Spanien hat man mittlerweile fast den gleichen Standard der Dopingbekämpfung wie bei uns. Aber wenn die Mannschaften zur Tour kommen, sind sie sehr darum bemüht, so sauber wie es nur irgendwie geht anzutreten. Dass die Tour da einen besonderen Stellenwert hat, ist zwar irrational, aber wir sind froh darüber.“

Dass die Fahrer vor der Tour mehr Respekt haben als etwa vor dem Giro, hat die Tour de France nicht zuletzt einem kompakten Maßnahmen-Paket zu verdanken, das seit 1998 installiert wurde. Die Société du Tour de France hat ein scharfes Kontrollsystem eingeführt. Flächendeckende Blutkontrollen vor dem Start, die Rekordzahl von 90 EPO-Tests in diesem Jahr am nationalen Labor in Chatenay-Malabry, wohin die Urinproben unter strengster Bewachung mit dem Hubschrauber gebracht werden. Innerhalb Frankreichs hat die Société eine breite Initiative zur Erneuerung des Radsports in Frankreich angestoßen. Ein zentrales Projekt dieser Initiative ist die enge medizinische Durchleuchtung aller in Frankreich lizenzierten Fahrer, der so genannten „suivi longditudinal". Der „suivi" gibt Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc die Sicherheit, dass es unbedenklich ist, französische Fahrer einzuladen. Lieber ein Feld aus nlosen sauberen Franzosen als aus gedopten internationalen Stars ist deshalb seine umstrittene Politik, für die er viel Prügel bezog.

Bevor er ausländische Mannschaften einlädt, schaut Leblanc sie sich genau an. Steht ein Fahrer einer Mannschaft im Ruch, etwas mit Doping zu tun zu haben, wird die Mannschaft wieder ausgeladen. So geschehen in diesem Jahr mit dem Team „Saeco“ des Giro Siegers von 2001, Gilberto Simoni, dem Kokain-Einnahme nachgewiesen wurde. Für Saeco rückte die junge französische Mannschaft Jean Delatour nach.

Hundertprozentig konsequent ist Leblanc allerdings nicht. Die Mannschaft von Stefano Garzelli darf in Luxemburg an den Start gehen, obwohl dieser während des Giro des Dopings überführt wurde. Und auch das Team Telekom, so Leblanc, habe trotz der positiven Dopingprobe von Jan Ullrich nichts zu befürchten. Begründung: Simoni war als Kapitän von Saeco für die Tour gemeldet, Garzelli und Ullrich in ihren Mannschaften jedoch nicht. Und man wolle vermeiden eine ganze Mannschaft für das Fehlverhalten Einzelner zur Rechenschaft zu ziehen.

„Es gibt kein systematisches Doping mehr im Radsport, nur delinquentes Verhalten Einzelner“, glaubt auch Daniel Baal. Und wahrscheinlich müssen die Verantwortlichen im Radsport so denken, wollen sie nicht ihr ganzes Tun in Frage stellen. Die Organisatoren der Tour de France haben ein gut funktionierendes Sicherungssystem geschaffen und es ist wahrscheinlich, dass die Tour de France auch in diesem Jahr von größeren Dopingskandalen weitestgehend unbeeinträchtigt bleibt. Ob sie wirklich sauber ist und ob im Radsport seit 1998 tatsächlich ein Mentalitätswandel stattgefunden hat, steht auf einem ganz anderen Blatt. Erst in der vergangenen Woche sprach der Weltradsportverband UCI eine Warnung vor Dopingmitteln der neuen Generation aus, Nachfolgeprodukte des Blutdopingmittels EPO. Ein Nachweisverfahren für „DynEpo" wird jedoch nicht vor dem Jahr 2003 möglich sein. Frank Boskamp

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