Zeitung Heute : Die Schachbrett und Dame das

Andrée Putman saß schon mit 15 Jahren auf Stühlen von Mies van der Rohe – und wurde zur wichtigsten Interior-Designerin der Welt: Sie erfand den Minimalismus zum Wohnen.

Martina Meister

Da steht sie, eindrucksvoll wie eine Statue: Andrée Putman, die Grande Dame des französischen Designs. Eine Frau, die aussieht, als habe sie sich selbst entworfen. Das Gesicht? Ausdrucksstark und unverwechselbar; der Körper lang und eckig. Zeitlos modern wirkt sie, diese Frau von 82 Jahren.

Andrée Putman hat eingeladen ins Restaurant „Jules Verne“. Auf dem Eiffelturm, 123 Meter über der Erde, soll es um ihr Leben gehen. Und die Wiedergeburt des Designhotels. Des New Yorker Morgans, um genau zu sein, das in neuer Aufmachung am 5. September wiedereröffnet. Sie sei, sagt Putman, mit ihrer rauen, leicht nuschelnden Stimme des Alters, une touche à tout. Man sagt das gern von Kindern, die von nichts die Finger lassen können. So hat sie Möbel entworfen und Klavierflügel, die Concorde ausgestattet, Residenzen und Villen Prominenter eingerichtet, von Karl Lagerfeld zum Beispiel, aber auch Bernard-Henri Lévys Haus in Tanger; Flagstores hat sie erdacht, Modegeschäfte eingerichtet, Hotels wie das Ritz Carlton in Wolfsburg, den Bayerischen Hof in München gestaltet, das Guggenheim in Szene gesetzt und sogar mit Filmausstattung hat sie sich versucht, für Peter Greenaways „The Pillow Book“.

Andrée Putman gilt als weltweit führende Innendesignerin. Auch als Coco Chanel des Designs hat man sie schon bezeichnet. Denn wie Coco Chanel die Frauen von Miedern und einengenden Kleidern erlöst hat, gilt sie als diejenige, welche die Franzosen von ihrem schweren, rokokohaften Plüsch befreit hat.

Vor den Stahlstreben des Eiffelturms steht Putman, hinter ihr das Dächermeer von Paris, durch das die Seine einen sanften Bogen schlägt. Meist wird sie im Halbprofil aufgenommen, die Frisur leicht asymmetrisch, die starke Nase stolz der Kamera präsentiert. Sie trägt eine schwere, schwarze Ray Ban, an den Füßen, was sonst, die Bicolour Shoes von Chanel.

Es gibt Worte, auf die reagiert Andrée Putman bis heute allergisch. Gemütlichkeit zum Beispiel oder, noch schlimmer, guter Geschmack. Gegen den Bon Gôut, sagt Putman, und es klingt, als würde sie sich Handschuhe anziehen müssen, bevor sie diesen Begriff benutzt, habe sie ein Leben lang Krieg geführt.

Man muss sagen, sie war sehr erfolgreich dabei. Sie war es, die den Minimalismus über plüschige Pracht gestellt hat; die diskrete Eleganz über den ins Auge springenden Luxus; das Wohlbefinden über Gemütlichkeit. Vor allem hat sie in den 80er-Jahren bereits begriffen, dass Hotels, Restaurants und Marken-Shops die Bühnen der Zukunft sein werden. Orte, die man aufsucht, weil man sie gesehen haben muss. Aber noch mehr, weil man dort gesehen werden will.

Putman hat, man kann das so sagen, mit dem New Yorker Morgans das Designhotel erfunden. Als es 1983 eröffnet wurde, war sofort klar, dass es um eine Revolution ging. Eine Revolution in Beige und Grau. „The handsomest hotel in New York“, jubelte „Vanity Fair“ damals. Die „Los Angeles Times“ lobte die „Eleganz des Understatements“. Das Boutique-Hotel, wie die Amerikaner das Designhotel nannten, sollte sich zu den großen, seelenlosen Hotels der Ketten verhalten wie die Haute Couture zur Prêt-à-Porter: Es war maßgeschneidert für den Gast, der in dem Augenblick, da er das Zimmer betritt, das Gefühl haben sollte, zu Hause zu sein.

Man war entzückt über diese Mixtur aus Strenge und Verspieltheit, aus Klassik und Moderne, die Putman perfekt beherrscht. Die Zimmer, alle in Beige- und Grautönen gehalten, atmeten den Geist des Art Deco, aber waren von allem Schnickschnack befreit. Das Schachbrettmuster wurde damals zu ihrem Erkennungszeichen. Am Fußboden und Teppich der Lobby spielt sie noch damit, verzerrte es, aber vor allem die Badezimmer gestaltete sie radikal mit schwarz-weißen Kacheln wie ein Schachbrett durch.

Das Prinzip ist geblieben, die Interpretation indes ist neu. Dennoch war das Unterfangen nicht ganz angstfrei, gesteht Putman, als sie im vergangen Sommer nach New York aufbrach: „Die Botschaft ist doch höllisch: ‚Machen Sie uns wieder so ein nettes amerikanisches Hotel, das ständig ausgebucht ist …’“. Ihr Name allein wird dafür sorgen. Er steht für einen Stil: klar und geradlinig, elegant, aber nicht banal.

Wie macht sie es, am Ball zu bleiben, den Zeitgeist weiter zu spüren, wie bleibt sie jung? Sie sagt, ihre Kräfte kämen „aus Quellen in weiter Ferne“: „Ich war von klein auf umstritten. Man hat mir von Anfang an zu verstehen gegeben, wenn man mich machen ließe, gäbe es ein Unglück.“ Eine Art dauerhafte Wut ist ihr geblieben, der Furor der Rebellion gegen die Ornamentik.

Putman kommt aus gutem, aus sehr gutem Hause. Ihr Opa war Präsident der Nationalversammlung, die Oma eine Verwandte der Brüder Montgolfier, die den Heißluftballon erfanden. So war Putman ein ganzes Berufsleben lang damit beschäftigt, es im übertragenen Sinne auszumisten. Ballast abzuwerfen. Den sogenannten guten Geschmack hinter sich zu lassen, dessen untrüglichstes Symptom der fast krankhafte Hang zur Symmetrie ist: „Eine Lampe für rechts, eine für links. Ein Kerzenständer auf der einen Seite des Kamins, einer für die andere. Selbst wenn ein Objekt wirklich schön war, kaufte man es trotzdem nicht, weil man es nicht als Paar bekam.“

Im elterlichen Haus, die Mutter war Pianistin, der Vater beherrschte sieben Sprachen – man hatte die große französische Montgolfier-Papeterie geerbt – herrschte großer materieller Überfluss. Viel Geld, viel Luxus, viele Dienstboten. Mit 15 Jahren macht Andrée deshalb Tabula rasa, schmeißt alles aus ihrem Zimmer raus, behält nur eine Papierkugel von Noguchi, zwei Stühle von Mies van der Rohe und ein Metallbett, das die Napoleonischen Kriege überlebt hatte. Weniger ist eben mehr. Sie fühlte sich damals, so erinnert sie sich, als habe sie den berühmten Slogan selbst erfunden.

Bei ihrem Weg zum Design aber macht sie lange Umwege: Sie studiert erst Klavier, dann Komposition bei François Poulenc. Trotz des ersten Preises des Conservatoire National jobbt sie lieber als Botin für ein Frauenmagazin, bringt nach dem Foto-Shooting die Balenciaga-Roben im Taxi zurück und findet dieses Leben sehr aufregend. Bis einer feststellt: „Sie sprechen ausgezeichnetes Französisch, warum schreiben Sie uns nicht einen Artikel?“ Putman wird Magazin-Journalistin, bis sie wenige Jahre später die Seite wechselt und sich voll und ganz dem Design verschreibt. Doch erst, als sie sich 1976 nach 22 Jahren Ehe von ihrem Mann trennt, begann ihre Laufbahn als Interior-Designerin. Sie gründete die Firma Écart (zu Deutsch bezeichnenderweise: Distanz), mit der sie Design-Klassiker produziert.

Putman hat vor allem das, was man gemeinhin unter Esprit versteht. Sie redet geistvoll daher, witzig, aber auch ein bisschen verwirrend. Sie benutzt Fragen nur als willkommenen Anlass, um über das zu reden, was sie beschäftigt. Wenn man sie nach Design fragt, nach Innenausstattung, nach dem Geheimnis von Räumen, kommt sie immer wieder auf Kunst zu sprechen. Erzählt von Büchern, die sie faszinieren, von Samuel Beckett, mit dem sie befreundet war, von den Malern, die ihr Leben begleitet haben. Davon, dass ihr größter Traum das Schreiben ist. Theoretisch könnte sie noch einmal von vorne beginnen.

Der Geist der Revolte ist ihr geblieben. Die Absage an alle Diktate des guten Geschmacks, des Elitären, des Dekorativen um des Dekorativen willen. Sie liebt, sagt sie, leere Räume. Aber übertriebener Minimalismus ekelt sie auch wieder an. Er sei inzwischen zur Karikatur verkommen: „Überall auf der Welt finden Sie jetzt Hotels und Restaurants, in denen Sie sich wie im Kühlschrank fühlen.“

Putmans Erfolgsrezept lautet: radikal modern sein, aber Modernität bitte als etwas Zeitloses verstehen – als einen Geisteszustand; etwas, das nicht altert. Insofern muss man die Bitte, das Hotel Morgans wieder genauso herzurichten, wie es seit einem Vierteljahrhundert Erfolg hat, wohl als eines der schönsten Kompliment betrachten.

„Stil“, sagt Andrée Putmann immer wieder, „ist Freiheit im Kopf.“ Madame müsssen ein sehr freier Mensch sein.

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