Zeitung Heute : Die Schande des Präsidenten

Lange mussten die Menschen im Katastrophengebiet auf George W. Bush warten. Jetzt hat er sie besucht. Hat ihn das wachgerüttelt?

Christoph von Marschall[Washington]

Die Nation sieht ihren Präsidenten in einem ungewohnten Zustand. Zerknittert und durchgeschwitzt ist das hellblaue karierte Hemd mit den dünnen braunen Querstreifen. „Ich habe verstanden“, sagt ein fast ratlos wirkender George W. Bush und versucht seiner Stimme die gewohnte Entschlossenheit zu geben. „Die Katastrophe hier verlangt mehr als die Aufmerksamkeit eines Tages. Sie wird unser aller Aufmerksamkeit für eine lange Zeit beanspruchen.“ Es ist Freitagabend in New Orleans, das nun schon fünf Tage zu 80 Prozent unter Wasser steht, kurz vor seinem Rückflug ins Weiße Haus. Von der „Stadt unserer nationalen Schande“ sprechen die Medien inzwischen. Ahnt Bush bereits, dass der Ton in den Sonnabend-Zeitungen noch schärfer und zorniger sein wird?

Seit Donnerstag hat sich die Hurrikan-Berichterstattung gewendet. Nach dem Zittern um das Schicksal New Orleans, nach der kurzfristigen Erleichterung, dass „Katrinas“ Zentrum östlich vorbeigezogen war, nach den Schreckensbildern aus dem umso heftiger getroffenen Mississippi und dem Lob für die allmählich anlaufende Hilfsmaschinerie wandte sich die Aufmerksamkeit nun wieder New Orleans zu: Es wurde eine harte Kritik an den Zuständen in der Stadt.

Sie zielte nicht in erster Linie auf die Plünderer, die Heckenschützen und die Vergewaltiger – auf die zwar auch, aber vor allem auf das Unvermögen der Behörden, die Zehntausenden Gestrandeten endlich herauszuholen oder ihr Überleben in der Stadt zu sichern, mit Essen, Trinkwasser und medizinischer Betreuung. Damit aber richtet sie sich gegen den obersten Chef, den Präsidenten.

Vor dem Aufbruch in die Notstandsgebiete hat Bush, der sonst nie Selbstkritik übt, ein ungewöhnliches Eingeständnis gemacht. Die Ergebnisse der Katastrophenhilfe seien „nicht akzeptabel“. Wieder hatte dieser Präsident zu spät auf ein einschneidendes Ereignis reagiert. Nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 war er erst mal abgetaucht. Im Wahlkampf gegen John Kerry im Herbst 2004 hat er Tage gebraucht, um über das schlechte Abschneiden im ersten Fernsehduell hinwegzukommen. Er habe in seiner Führungsaufgabe versagt, kreiden ihm auch jetzt viele republikanische Politiker und konservative Kommentatoren an. Viel zu spät zeige er persönliche Betroffenheit über die Bilder, die seit Tagen die Nation bewegen. Die ganze Woche gab es kein anderes Thema in Amerika. Er jedoch kommt erst am Freitag.

Im Nachhinein ist schwer zu verstehen, dass Bush zwar am Mittwoch seinen fünfwöchigen Sommerurlaub auf der Ranch in Texas abbrach, aber nicht die nahen Katastrophengebiete besuchte, sondern nach Washington zurückkehrte, wo er die Leitung des Krisenmanagements übernehmen wollte. Zunächst jedoch stieg er mit einem Schoßhund auf dem Arm vor dem Weißen Haus aus dem Hubschrauber, während im Süden Amerikaner starben. Ein „perception gap“, eine Lücke in der Wahrnehmung seiner Rolle hatten die Berater ausgemacht und den fürs Wochenende geplanten Besuch vorgezogen. Oder war der wahre Grund, dass an diesem Tag der erste große Hilfskonvoi in New Orleans eintreffen würde?

Bohrende Fragen stellt Amerikas politische Klasse. Kann er die richtigen Worte finden, kann er Betroffenheit und „compassion“, Mitgefühl vermitteln? Oder werden die Kritiker hinterher sagen können, Bush sei eben doch der Zauderer, der zu spät mit den falschen Formulierungen reagiere – womit sie ihm die Führungsfähigkeit absprechen. Fehlt ihm das Gespür für die richtigen Prioritäten? Den passenden Ton in den Südstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama, gleich in der Nachbarschaft seiner Heimat Texas, müsste er doch treffen können, zumal hier unten fast überall Parteifreunde regieren, in Florida sogar sein Bruder Jeb.

Als der Präsident gegen Mittag in Mobile, Alabama, die „Air Force No 1“ verlässt, ist das karierte Hemd noch frisch. Er hat die Ärmel hoch gekrempelt, der Kragen ist offen, die ganze Erscheinung soll Zupacken und Handlungsfähigkeit suggerieren. Es ist der östlichste Punkt des heimgesuchten Gebiets, von hier erstreckt sich eine Trümmerlandschaft über drei Staaten und rund 200 Kilometer nach Westen: Biloxi, Gulfport, Bay St. Louis, New Orleans.

Zwei Gouverneure, Generäle und die Leiter ziviler Hilfsorganisationen sind zum Rapport angetreten. Sie wirken wie Befehlsempfänger, kein kritisches Wort kommt über ihre Lippen, auch nicht von Haley Barbour, dem republikanischen Gouverneur von Mississippi; er hatte Bush zwei Tage zuvor wissen lassen, angesichts der Verzweiflung und Frustration über ausbleibende Hilfe könne man ganz gut auf den Besuch des Präsidenten verzichten. Nun behauptet Barbour, er habe alle erdenkliche Unterstützung bekommen, doch von diesem fürchterlichen Schlag werde sich sein Staat „lange nicht erholen“. Strom, Benzin, Trinkwasser, an allem herrsche Mangel. Immer noch sei man in Phase eins, „search and rescue“: Überlebende suchen und retten.

Sein Kollege aus Alabama, Bob Riley, kann vermelden, dass in seinem, weit gnädiger davongekommenen Staat die Stromversorgung an Tag fünf nach der Katastrophe „fast überall wieder funktioniert“. Die Generäle rattern Zahlen über Truppen, Hilfseinsätze, Notversorgung mit Trinkwasser, Kühleis und Nahrung herunter. Man muss den Eindruck gewinnen: Die Lage ist unter Kontrolle.

Auffällig ist, dass die beiden prominentesten Kritiker aus der Region fehlen: Kathleen Bianco, Gouverneurin von Louisiana, und der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin. Der hatte in einem landesweit beachteten Radiointerview wenige Stunden zuvor voller Verzweiflung die Behörden aufgerufen: „Kriegt endlich euren Arsch hoch und tut etwas!“ Als „SOS aus der Hölle“ verbreiten es die Sender.

Bush versucht es erst mal mit Optimismus. „Die Golfküste wird wieder erstehen, New Orleans wird wieder die großartige Stadt sein, die wir kennen. Ich bin hierher gekommen, um zu helfen, um Trost zu spenden.“ Er ist in einer schwierigen Lage, muss zu Kritik fähig sein, darf aber die Schuld auch nicht auf die örtlichen Politiker und Einsatzleiter schieben, die ihm gerade mit ihrem Dank geholfen haben. So lobt er erstmal alle Helfer und überhaupt alle Bürger Amerikas für ihr Mitgefühl und ihre Spendenbereitschaft – „compassion“, das ist das Schlüsselwort, das im Gedächtnis bleiben muss. Der Dank an seinen Vorgänger Bill Clinton und seinen Vater, die die Leitung der Spendenaktion übernommen haben, soll heißen: Es geht um ein parteiübergreifendes Anliegen, bei dem parteiliche Kritik der Demokraten nichts zu suchen habe.

Jetzt erst bemüht sich der Präsident, die Kurve zu kriegen. „Wir arbeiten 24 Stunden am Tag. Es ist nicht alles optimal gelaufen. Aber wenn etwas nicht richtig läuft, dann werden wir es dahin bringen, dass es richtig läuft.“ Es ist eine einfache Sprache, sie folgt den Welt- und den Sprachbildern, die man aus der Irakdebatte kennt: Gut und Böse, Feinde, Waffen, Durchhalten. „Die Golfküste wurde heimgesucht von der fürchterlichsten Waffe, die man sich vorstellen kann.“ Dann besteigt Bush den Hubschrauber zum Inspektionsflug die Küste entlang.

Die ersten Berichterstatter der Fernsehsender sind nicht beeindruckt. „In New Orleans erleben wir den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, das Ende des Respekts vor dem Recht und dem Staat – das Ergebnis eines Mangels an Führung. Punkt“, urteilt CNN. „Nach den Terrorangriffen vom 11. September hat die Regierung schneller und effektiver reagiert“, heißt es bei der Konkurrenz. Auch Bill Clinton übt Kritik, verpackt in ein Lob: „Ich bin erleichtert, dass der Präsident die Situation endlich als unakzeptabel bezeichnet hat.“

Doch das Timing läuft gut für Bush. Es bleibt keine Zeit für nüchterne Analyse, gerade erreicht der erste Hilfskonvoi den „Super Dome“ in New Orleans – das erste Zeichen der Hoffnung seit Sonntag, nach langen Tagen immer schwärzerer Nachrichten. Dort sind 30000 Menschen zusammengepfercht, ohne Strom und Klimaanlage bei sommerlichen Temperaturen, verstopften Toiletten, Gestank, ohne zuverlässige Versorgung mit Essen und Getränken. Und ohne eine Staatsmacht, die die Menschen vor Raubbanden und Vergewaltigern schützt. Ältere, die die Strapazen nicht aushielten und im Rollstuhl starben, haben sie mit einer Decke über dem Kopf einfach in die nächste Garageneinfahrt geschoben. Es sind vor allem arme Schwarze, die hier Zuflucht gefunden hatten – weshalb die Kritik an den Zuständen oft verdeckt oder offen die Frage enthielt: Gibt es im reichsten Land der Erde nur Rettung für wohlhabende Weiße?

Explizit stellt sie die schwarze Abgeordnete Stephanie Tubb-Jones. „Wie können wir das zulassen – im Land der Freien“, zitiert sie eine Passage der Nationalhymne (The land of the free), „in der größten Demokratie der Welt?“

Jetzt aber zieht sich über Minuten die Anfahrt der mehr als 30 Sattelschlepper, einer nach dem anderen durch schmutzige Fluten, die bis über die Radnaben reichen, begleitet von Armeefahrzeugen, auf denen Soldaten die Gewehre im Anschlag halten. CNN hatte sich vor dem Katastrophenwochenende zum wahren „Hurricane Headquarter“ ausgerufen. Bei „Breaking News“-Livebildern müssen kritische Kommentatoren erst einmal verstummen.

Es folgen Bilder von Bushs Ankunft in Biloxi, wo der Sturm ganze Viertel plattrasiert und tonnenschwere Casino- Schiffe über mehrere hundert Meter an Land geschleudert hat. Später wird es heißen, es seien nur Opfer in die Nähe des Präsidenten gekommen, die der Sicherheitsdienst vorher überprüft und mit Metalldetektoren abgetastet habe. Die Szene aber, die haften bleibt, zeigt Bush, wie er zwei jugendliche schwarze Schwestern in den Arm nimmt, alle haben sie feuchte Augen, auch er. Er geht, immer noch beide im Arm, zu den Trümmern ihres Hauses, sagt aufmunternd „Bleibt hier! Haltet durch!“ Ein befreites Lächeln huscht über die Gesichter. Dann verteilt der Präsident Trinkwasserflaschen von einem Laster der Heilsarmee.

Die wenigen Opfer, die Bush getroffen haben, sagen, sie seien beeindruckt von seinem Mitgefühl und seiner Gabe, passende Worte und Gesten zu finden. Hat er doch mehr mit dem großen Kommunikator Ronald Reagen gemeinsam als die konservative Weltanschauung?

In der Begegnung mit Reportern versucht Bush seine harte Kritik am Hilfseinsatz vom Morgen – „nicht akzeptabel“ – abzumildern. Er habe großen Respekt vor der Leistung der Helfer, sei auch mit der Reaktionsgeschwindigkeit zufrieden, „nur nicht mit allen Ergebnissen“. Niemand habe vorhersehen können, dass die Dämme in New Orleans brechen, die Stadt überflutet würde. Das ist gelogen – oder der Präsident hat sich nicht informiert. In mehreren Übungen der letzten Jahre war exakt dieses Szenario angenommen worden. Doch hatte die Bundesregierung die Mittel für den Hochwasserschutz immer weiter zurückgefahren, auch die von New Orleans und Louisiana beantragten, weil Geld für den Irakkrieg gebraucht wurde. Der Leiter der Abteilung war aus Protest zurückgetreten.

In New Orleans besucht Bush weder „die Hölle“, das Riesenstadion Super Dome, noch die Notaufnahme am gerade erst wieder eröffneten Flughafen. Alte Menschen aus den Heimen und Krankenhäusern hat man auf die Gepäckbänder gebettet. Mehrere sind dort in den Stunden zuvor gestorben, ehe man sie in Krankenhäuser unversehrter Städte ausfliegen konnte. „Der Präsident wollte so viel wie möglich sehen, ohne die Helfer bei ihrer Arbeit zu stören“, begründet eine Sprecherin, warum es beim Rundflug über die Stadt blieb, begleitet von Bürgermeister Ray Nagin und Louisiana-Gouverneurin Kathleen Bianco. Die beiden Kritiker geben danach keine so offenherzigen Interviews mehr wie zuvor.

Bush wirkt, ehe er nach Washington abfliegt, betroffen. „Ich werde nicht vergessen, was ich gesehen habe.“ Er sucht nach Worten. „Wer nicht hier war, kann sich das Ausmaß nicht vorstellen.“ Auf der Türschwelle eines Hauses zu sitzen, das nicht mehr existiert, sei etwas ganz anderes, als Trümmerwüsten im Fernsehen anzuschauen. Hat ihn der Besuch wachgerüttelt? Tut er nur so?

In den US-Medien findet man keine Antwort darauf. Sie folgen ihrer eigenen Dramaturgie. Jetzt sind sie mitten in der Phase der Behördenkritik. „Schande über uns“ titelt das Boulevardblatt „New York Daily News“ am Sonnabend.

Die Nation ist vermutlich so geteilt, wie sie es schon lange war, wenn es um Bushs Qualitäten als Präsident geht. Was darf als schnelle Hilfe, was als zu langsam gelten? Gemessen an Asien nach dem Tsunami, gemessen am Ausmaß der Verwüstungen an Amerikas Golfküste ist an Tag fünf nach dem Angriff der Natur eine beachtliche Hilfsmaschinerie mitten bei der Arbeit. An Personal und Material wird nicht gespart. Aber Tausenden ist längst nicht mehr zu helfen. Und im Rückblick liegen die Versäumnisse bei der Vorbeugung offen zu Tage.

Mit Sicherheit geteilt sind die Gefühle im Katastrophengebiet. In New Orleans kommen jeder Zuspruch und jede Hilfe zu spät, um Verzweiflung, Wut und Gewaltbereitschaft noch zu wenden. Weiter östlich, in Mississippi und Alabama, sind erste Erfolge bei Rettung und Aufbau zu spüren. Die anrührenden Geschichten handeln nicht mehr vom Verlust, sondern vom Wiederfinden geliebter Menschen. Aus Verzweiflung wird neuer Lebensmut.

Kann der sich mit dem Namen Bush verbinden? Erst einmal werden die bohrenden Fragen lauter, was Tausende Nationalgardisten aus Mississippi und Louisiana eigentlich im Irak zu suchen haben, die so dringend daheim gebraucht würden. Und was 10,5 Milliarden Dollar Aufbauhilfe wert sind, gemessen an mehr als 200 Milliarden im Irak.

Am Sonntag wird Außenministerin Condoleezza Rice, die prominenteste Schwarze in der Regierung, ihre Heimat Alabama besuchen. Und Bush, kündigt das Weiße Haus am Sonnabend an, wolle bereits am Montag wiederkommen. Den Kampf gegen das „perception gap“, die Wahrnehmung seiner Rolle in dieser Krise, hat er angenommen. Aber vieles liegt nicht in seiner Hand. Wird es größere Schießereien in New Orleans geben, wenn irak-gestählte Einheiten gegen Plünderer vorgehen? Wie viele Schwarze, wie viele Alte werden noch vor laufenden Kameras sterben? Wie viele Tote werden es überhaupt am Ende sein: Tausende, gar Zehntausende? Um seine Umfragewerte aus dem Keller zu holen, hätte dieser Präsident früher aus seiner Sommerruhe aufwachen müssen.

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