Zeitung Heute : Die Schatten werden wieder länger

Berliner Zustände: Stasi-Offiziere trauen sich wieder was, auch öffentlich. Kultursenator Flierl schweigt dazu, Hubertus Knabe nicht

Jürgen Schreiber

Die Stasi lebt.

Man kann die wundersame Wiederauferstehung im Internet verfolgen. Die alten Kameraden morsen unter „mfs-insider.de“ beharrlich ihre Nachrichten. Man erlebt es bei Auftritten von Mielkes Untoten, die in öffentlicher Diskussion einstige Opfer „infam herabwürdigen“, wie Parlamentspräsident Walter Momper kritisiert. Man kann förmlich zuschauen, wie sie aus der Schockstarre erwachen: zunehmend „aggressive Propaganda“ der entmachteten Machtelite alarmiert auch Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.

Schließlich kann man im Netz einen „Offenen Brief“ an die CDU finden, in dem Hubertus Knabe von der Gedenkstätte Hohenschönhausen „Volksverhetzer“ geschimpft wird. „Mit freundlichen Grüßen“ von einem Wolfgang Schmidt unterschrieben, leider ohne seinen Stasi-Dienstgrad „Oberstleutnant“ anzufügen. Laut Kader-Akte ein „klassenbewußter, disziplinierter und bewährter Offizier des MfS“. Es ist auch der Schmidt, der ums Eck des Stasi-Knasts Hohenschönhausen wohnt – sechste Klingel Mitte – und der mit Regisseur Florian Henkel von Donnersmarck „vorbereitende Gespräche“ für den Film „Das Leben der Anderen“ führte, worüber er sich gleichfalls im Internet verbreitet.

Es liegt was in der Berliner Luft. Die „Süddeutsche Zeitung“ prophezeit: „Die harten Stasi-Debatten stehen uns erst noch bevor.“ Warum hätte Walter Momper sonst jüngst Stasi-Opfer ins Abgeordnetenhaus eingeladen. Über dem Rednerpult leuchtete in Digitalschrift: „Zeichen setzen – Schauspieler und ehemalige Häftlinge des MfS lesen Zeitzeugenberichte“. Die Veranstaltung wollte als Signal verstanden werden, nachdem Stasi-Seilschaften Mitte März eine öffentliche Sitzung im Bezirksamt Lichtenberg umfunktioniert und sich in groteskem Rollenwechsel zu Anklägern aufgeschwungen hatten. Auf der Tagesordnung stand dort eigentlich „Die Situation im ehemaligen Sperrgebiet“ von Hohenschönhausen. Schon die amtliche Einladung unterschlug, dass es dabei um Stasi-Sperrgebiet ging, das durch Infotafeln gekennzeichnet werden sollte. Es war schon taktlos, die Debatte am früheren Sitz ihrer „Verwaltung Rückwärtige Dienste“ abzuhalten, so dass Generaloberst Werner Grossmann, Mielke-Vize Wolfgang Schwanitz und wie sie sonst noch hießen, in der vertrauten Kantine ein Heimspiel hatten. In dieser Gegend, auf DDR-Stadtplänen ausgespart, bewegen sie sich wie Fische im Wasser. In eben diesen städtischen Räumen wurde bereits die Schmähschrift „Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari)“ vorgestellt. Zu den Rednern gehörte der zonenbekannte Redakteur Klaus Huhn, bei der Stasi noch besser bekannt als Geheimer Informator, GI „Heinz Mohr“.

Wie zur Kadersitzung aufgereiht, hockten sie da, Mielkes dressierte Männer. Gestern konnte man sie in ähnlicher Besetzung bei einer Pressekonferenz in der Ruschestraße 45 beobachten. Heute Hotel Ramada, damals MfS-Ledigenwohnheim. Die Einladung des Eulenspiegel-Verlags stand unter der Überschrift „Stasi-Hysterie in Hohenschönhausen“. Eulenspiegel trug eine Narrenkappe. Der BND hätte gewiss ein Vermögen für dieses Gruppenbild mit Stasi-Prominenz bezahlt, geeignete Probanden für allfällige Studien über den autoritären Charakter.

Ein zittriges Video vom Treffen in Lichtenberg hält Opas mit Bäuchen fest, sie stecken in spießigen Pullovern (als wären sie direkt von der Datsche zum Fronteinsatz beordert). Das „Hamburger Abendblatt“ sprach von „Stasipack“, das frech werde, „statt wenigstens das Maul zu halten“. Friedrich Küppersbusch charakterisierte ihr Verhalten als „Kameradschaftskotzen“. Jedenfalls redeten sie sich in Hochstimmung gegen den Klassenfeind. Man ahnt, was es bedeutete, ins Visier der meistgehassten DDR- „Firma“ geraten zu sein.

Aber noch peinlicher war, auf dem Podium Kulturdezernent Thomas Flierl zu sehen, der den Geschichtsklitterern nicht entgegentrat. Sein beredtes Schweigen war ein Skandal für sich, als wollte er all jene bestätigen, die in seiner Person den Bock zum Gärtner gemacht erkennen. Weder trat er Dieter Skiba entgegen, früher Hauptabteilung IX/11, der die Gedenkstätte „Gruselkabinett“ nannte. Noch stoppte er Siegfried Rataizick, vom Wachtmeister zum Chef der Stasi-Untersuchungshaftanstalt UHA 1 aufgestiegen. Dessen Gattin brachte es zum Major, laut Akte „für die Urlauberbetreuung der leitenden Genossen des MfS“ in den „Chefheimen“ eingesetzt. Den Blick gewohnt herrschsüchtig, giftete der Oberst gegen jene, „die sich als Opfer darstellen und uns als Täter deklarieren“. Wand an Wand mit den Zellen gönnte sich die Stasi an der wahren Schreckensadresse einen kommoden Sauna-Bereich.

Berliner Zustände. Mit dem PDSler Flierl ist ausgerechnet ein Ex-SEDler für die Gedenkstätte Hohenschönhausen zuständig. Das „Mahnmal gegen politische Unterdrückung“ soll laut Parlamentsbeschluss über das „ausgefeilte System von Desorientierung, Isolation und Ohnmacht, das die Staatssicherheit gegenüber ihren Häftlingen anwandte“, informieren. Als diese Sätze nach der Wende formuliert wurden, schien es abwegig, dass es einen rot-roten Senat geben könnte. Ebenso undenkbar schien ein PDS-Kultursenator, der qua Amt zur Fachaufsicht einer Institution bestimmt würde, die über die Schandtaten der SED-Diktatur aufklärt. Die Stasi war „Schild und Schwert“ der Partei.

Im Bezirksamt hat Flierl die Chance, der Gedenkstätte und ihrem Leiter für die Arbeit zu danken. Er hätte sich vor Hubertus Knabe stellen können, den Lieblingsfeind der Tschekisten. Er hätte sich angeekelt zeigen können von den Meistern der Selbsttäuschung, den eigentlichen Totengräbern der DDR, die sie samt ihren Privilegien so sehr missen. Aber Flierl lässt die Chance verstreichen. Vorher schon lehnte er Knabe die Bitte ab, zu einem Artikel über die Gedenkstätte eine Gegendarstellung im „Neuen Deutschland“ zu erwirken.

Nun nimmt der Senator in der ersten Parlamentsreihe Platz, hört Walter Momper gegen die „Schergen des Regimes“ wettern. Der Politiker erwähnt den „Kerkermeister von Hohenschönhausen“. Man werde es nicht zulassen, dass „die Täter von gestern ihre an Gewalt und Unterdrückung reiche Geschichte verfälschen und Lügen verbreiten“. Beifall für den Redner.

Thomas Flierl hatte den Saal wie sein eigener Leidverweser betreten, in üblich schwarzer Kluft, als machte der studierte Philosoph auf Existenzialist, wo er doch bloß ein Postkommunist ist. In seiner Leichenbittermiene war der Mund ein schmaler Schlitz. Flierl kam im Bewusstsein, überhaupt nur noch zu amtieren, weil Wahlen anstehen und Wowereit seinen „Thomas“ wohl aus taktischem Kalkül nicht fallen ließ, wie vermutet wurde. Geisterblass saß er den Abend aus, griff sich häufig an den Kragen; alles war zu eng. Wenn dieser Politiker mit sich im Reinen ist, dann ist es Doktor Jekyll auch mit Mister Hyde.

Flierl sieht ehemalige Stasi-Häftlinge ans Mikrofon treten, Nachrichten vom „Ort des Terrors“ werden vorgetragen. Im Gedenken an die 40 000 Menschen, die dort litten, ist von Verzweiflung, Traumatisierung, bleierner Zeit, Verlorenheit, „Zersetzung der Seele“ die Rede. Man denkt, gleich tut sich der Boden auf, Flierl wird aus Scham versinken. Aber er bleibt. Kaum ist die Veranstaltung zu Ende, skandieren Einzelne: „Flierl muss weg!“ Der „Senator für Unkultur“ (FDP) stakst steif davon, den Rückzug von unauffälligen Schützern gedeckt. Es ist eine Flucht. Ein älterer Herr stellt sich ihm in den Weg und schreit: „Schämen Sie sich“.

Ob Hubertus Knabe den Abgang seines Stiftungsvorsitzenden registriert? In der Stasi-Kontroverse ist der Historiker die Gegenfigur zu Flierl, ein Mann, über den mindestens zu sagen ist, dass er über jede Menge Zivilcourage verfügt. Kein Wessi kennt mehr MfS-Akten als Knabe, mehr noch, er hat für jedes Detail ein lexikalisches Gedächtnis. Als Mitarbeiter der Gauck-Behörde machte er dem Osten vor, was Vergangenheitsbewältigung bedeutet: nicht verdrängen, sondern einen Standpunkt einnehmen, auch wenn er unbequem ist. Knabe entlarvte lieb gewordene DDR-Mythen, enttarnte Personen, die drüben Ikonen waren. Namen darf er offiziell nicht nennen. Anhand ungezählter Dossiers lotete er die Abgründe „einer Diktatur“ aus, die er stets mit dem Zusatz „menschenverachtend“ versieht. 91 000 Hauptamtliche, 600 000 Informelle Mitarbeiter, die Stasi bespitzelte das Land flächendeckend. Was Knabe über die Schattenkrieger herausfand, verwandelte sich in erneuerbare Energie, befeuerte das Engagement an einem Ort, von dem viele Besucher sagen, er erfülle sie mit tiefer Niedergeschlagenheit.

Jahrgang 59 wirkt Knabe jünger, die Augen schlau, skeptisch. Im konservativen Outfit, das Haar akkurat gescheitelt, hat der Historiker etwas Streberhaftes, obwohl ihm die Stasi-Renaissance einen müden Zug ins Gesicht zeichnet. Ihn streitbar zu nennen, wäre untertrieben. Er hat kein Talent für taktisches Verhalten. Dass Beweise die Wahrheit ermüden, will dem Aufklärer nicht in den Kopf. Knabes Mission gilt der historischen Aufarbeitung, das gebiete der Respekt vor den Opfern. Seine Arbeit ist immer nur ein Versuch, ihnen endlich den gebührenden Platz einzuräumen, derweil die Täter sich in Talkshows verbreiten, ihr Regime zum Biedermeieridyll umdeuten oder wie Markus Wolf dampfplaudernd den Hobbykoch mimen.

Eine sentimentale Geschichte. Gebürtig in Unna, band ihn die große Liebe zu einer Theologiestudentin an die DDR. Knabes Beziehung, über Mauer und Stacheldraht hinweg, hatte es in sich. Mit 19 geriet er in Mielkes Maschinerie. Um es kurz zu machen: 1992 war er der erste Westler, der eine Stasi-Akte einsehen durfte: Der Vorgang „Kleber“ handelt von ihm. Dachte Knabe, vordem friedensbewegter Pressesprecher der Bremer Grünen, er würde Schnüffler an der Nasenspitze erkennen, sah er sich getäuscht. Die „Firma“ hatte Bekannte auf ihn angesetzt: „Wir haben keine Leute zu Ihnen geschickt. Wir haben welche genommen, die da waren“, prahlte im Nachhinein ein Überwacher.

Da gab es den IM „Adrian Pepperkorn“, er kassierte 200 000 Mark Judaslohn. Da gab es den IM „Klaus“, einen Pfarrer. Es gab den IM „Schäfer“, Bruder des Schriftstellers Schädlich. Und es gab den IM „Walter Rosenow“. Knabe holt das von ihm 1989 publizierte Bändchen „Aufbruch in eine andere DDR“ aus dem Regal, zählt auf, dass sich ein halbes Dutzend seiner Autoren der Stasi verpflichtet hatte. Das Konzept seiner Dissertation über Umweltprobleme im Sozialismus lag bei der Hauptabteilung XX, der auch Wolfgang Schmidt angehörte, der ihn jetzt „Volksverhetzer“ nannte. Ein IM verriet sein Pseudonym „Klaus Ehring“. Schon das erklärt, „warum ich meine Arbeit mache, wie ich sie mache, mit Herzblut“.

Man kann also von einer Grunderfahrung sprechen, die Knabe ein für alle Mal vom Kommunismus heilte. Jahrelang bangte er um seine deutsch-deutsche Liebe. Jahrelang ließen ihn die Grenzer nicht zu ihr. Traf er die Freundin in Prag, war der Geheimdienst schon allhier. In seinem um den PC zentrierten Büro verschränkt Knabe jetzt die Hände hinter dem Kopf. Ein Bild mit dem Titel „Beinamputierter Harmonikaspieler“ hinter sich, von Stasi-Häftling Roger Loewig gemalt. Zögerlich spricht der Historiker über das Private, das auf Weichheit bei ihm hindeuten könnte. Er hat viele Enttäuschungen mit Journalisten erlebt, wird gern als kühl porträtiert, kompromisslos, diszipliniert, dass es manchem unheimlich ist.

Knabe ist empfänglich für Schicksale und Leiden, sonst wäre er eine Fehlbesetzung. Die (undankbare) Rolle des Stasi-Deuters ist ihm mindestens ebenso sehr angetragen worden, wie er sie suchte. Halb zog es ihn, halb sank er hin. Insbesondere Redakteure bitten ihn um Meinungen, bescheren ihm Präsenz in den Medien, aber auch diverse Streite. Dann sind es die gleichen Redakteure, die ihn wegen dezidierter Äußerungen verdammen. Der Einzelkämpfer polarisiert, eckte ein paarmal zu oft an, um eine steilere Karriere zu machen. Dabei ist er keinesfalls unversöhnlich: „Versöhnung kann nur gelingen, wenn Scham und Reue sichtbar ist!“

Bei seiner Prägung spürte Knabe früher als andere, wie die Stasi sich neu formierte. Es sei immer die Frage, ob man zur richtigen Zeit Recht hat oder zur falschen. Im Rückblick fällt auf, dass die Geschichtsrevision drei Monate nach Eintritt der PDS in die Berliner Regierung beginnt. Die Zeit schien günstig, als hätten sich die grauen Herren gefragt, warum sie schweigen sollten, wo doch ihre IMs und Sympathisanten fleißig in Parlamenten vertreten sind. 2002 verkündeten Stasi-Kader bei einer Buchpräsentation ihre „Wahrheit“ über das MfS. Das war der Tabubruch. Seitdem verfestigen sich die Parallelwelten in der Stadt, die von der SED durch eine Mauer geteilt worden war. Geschickt nutzen sie die Ostalgiewelle. Nicht nur verbreiten sich die in Desinformation erfahrenen Offiziere über die Macht der Finsternis, den Kapitalismus, was bei einer Arbeitslosigkeit von 19,3 Prozent im Osten nicht verwundern muss. Triumphierend wird betont, bei 30 000 Ermittlungsverfahren gegen ihresgleichen habe es lediglich 20 Verurteilungen gegeben. Das bestärkt ihre Meinung, die bundesdeutsche Justiz habe letztendlich „das MfS rehabilitiert“. Liest man solche Pamphlete, beschleicht einen der Verdacht, mit der Aufarbeitung sei es nicht weit her. In der Stasi-Metropole tummeln sich diverse Zirkel, die sich für „Menschenwürde, humanitäre Unterstützung“ einsetzen, Bürgerrechte, welche ihr „Dienst“ Oppositionellen verweigerte. Während Mielkes Mannen aber dank Karlsruher Urteil sogar erhöhte Renten kassieren, steht die angemessene Haftentschädigung für SED-Opfer nach wie vor aus. Es ist wie früher: Die unverhältnismäßig hoch besoldeten MfS-Offiziere sind privilegiert, die von ihnen Geschundenen müssen ihr Recht suchen.

In einem Sittengemälde darf nicht fehlen, dass Knabe per Strafanzeige gegen den Ex-Obristen Wolfgang Schmidt vorgeht. Er hatte laut MfS-Papieren die „Vertrauliche Verschlusssache“ über „Grundlagen und Anforderungen an ein System der zentralen Erfassung, Speicherung und Auswertung von Informationen über Vorkommnisse der schriftlichen staatsfeindlichen Hetze“ erarbeitet. Vielfach dekoriert, war er „auf der Linie Bekämpfung der Feinde unter der Jugend“ tätig und bestrebt, „sein IM-Netz ständig zu erweitern“. Die Vorgesetzten lobten Schmidts „Mut, Härte, Ausdauer“. Sind das Referenzen, mit denen man im Deutschland 2006 die Stasi weißwaschen kann? Er wird übrigens von der Anwältin vertreten, die Knabe bei der Familienzusammenführung mit seiner DDR-Frau half.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar