Zeitung Heute : Die Schlacht ums Wissen

In Potsdam wird der Krieg der Zukunft geprobt – am Computer. Und mit Soldaten in aller Welt

Robert Birnbaum[Potsdam]

Seit zwei Wochen beginnt der Krieg jeden Tag um zwölf. Na gut, kein richtiger Krieg. Keiner stirbt, keiner kämpft, außer gegen die Tücken der Technik. Trotzdem wird das, was in diesem Kasernenzimmer im Einsatzführungskommando der Bundeswehr bei Potsdam passiert, auf die Kriege der Zukunft womöglich einen sehr nachhaltigen Einfluss haben. Nachhaltiger jedenfalls, als der Anblick eines Haufens Bildschirme, etlicher rätselhafter Grafiken voller Pfeile und einer Reihe Uhren an der Wand vermuten lassen. Die Uhren zeigen, dass in Norfolk, US-Bundesstaat Virginia, der Krieg um sechs Uhr früh anfängt, in Istanbul nachmittags um eins und in Sydney mitten in der Nacht. Rund um die Welt sitzen seit zwei Wochen und noch eine Woche lang etwa 900 Soldaten aus acht Nationen in ähnlichen Räumen vor ähnlichen Bildschirmen. Sie kämpfen gegen Taliban, Flüchtlingsströme, Naturkatastrophen. Ihr Einsatzgebiet heißt „Afghanistan“. Man muss das aber in Anführungszeichen setzen, weil es kein wirklicher Einsatz im wirklichen Afghanistan ist. Sondern im größten virtuellen Sandkasten der Welt.

Der Sandkasten heißt amtlich „Multinational Experiment 4“. Englisch. Es dauert eine Weile, bis man das Besondere hinter diesem nichtssagenden Titel begreift. Eine erste Ahnung bekommt, wer am Freitag dem Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan zuhört. Schneiderhan erzählt ein bisschen von gestern, aus der alten Zeit der Militärplanung. Seit alters her, sagt Schneiderhan, war ein Krieg eine schlichte Sache mit einem simplen Ziel, nämlich den Gegner zu vernichten. Da hat der Sandkasten als Übungsfläche für den Stab gereicht – ein echter Sandkasten im Übrigen, in dem Miniatursoldaten hin- und hergeschoben wurden – und das Denken in Ursache und Wirkung. Aber diese Zeit ist vorbei. Das Leben der Militärs ist kompliziert geworden. „Einfach ein paar Gegner abknallen und dann mal gucken, wie es weitergeht, das funktioniert nicht mehr“, sagt ein Offizier. „Die Amerikaner merken das gerade im Irak.“

General Erhard Drews, der heute Kommandeur des Zentrums für Transformation der Bundeswehr ist, hat es zum ersten Mal in Bosnien gemerkt. Als er nach Sarajevo kam, wusste er nichts von Land und Leuten. Erst mit dem Alltag sei er schlauer geworden. „Aber wenn wir einigermaßen in der Lage sind, unsere Rolle zu spielen, kommt das nächste Kontingent.“

Die internationale Truppe hat kein Gedächtnis. Sie weiß zu wenig. Aber Wissen und Information, wird später Schneiderhan sagen, sind entscheidend geworden in den Konflikten der Neuzeit. So wichtig wie früher in den Sandkästen die klassischen Faktoren des Krieges: Raum, Zeit, Material.

Das große Computerspiel ist ein erster Versuch, die Schlacht um das Wissen zu gewinnen. Am Bildschirm sitzt ein junger Offizier und klickt sich durch eine Datenbank. Er soll einen Plan ausarbeiten. Ein Erdrutsch hat eine Provinz heimgesucht, die internationale Gemeinschaft soll helfen. Hubschrauber müssen Hilfsgüter bringen, klar. Aber Hubschrauber, große Hubschrauber, bedeuten in einem Land wie Afghanistan seit Jahrzehnten nicht Hilfe, sondern Tod, Krieg, Vernichtung. Das muss man bedenken. Darum muss man vielleicht erst einmal Flugblätter abwerfen, auf denen steht, dass Hubschrauber kommen und Hilfe bringen, weil sonst die Leute auf die Hubschrauber schießen.

Gleich, wenn die Computer zum großen Sandkasten zusammengeschaltet werden, wird der Offizier darüber mit anderen reden, per Mail, per Chat. Ein großes Computerspiel. Irgendwo auf der Welt werden ein paar Afghanistan-Experten dabeisitzen und Hinweise geben. Nebenan sitzt ein Diplomat aus dem Auswärtigen Amt, eine Frau vom Entwicklungshilfeministerium, einer vom Katastrophenschutz. Das Rote Kreuz ist auch da. Das ist die zweite Besonderheit an dieser neuen Sorte Generalstab: dass die Militärs nicht mehr unter sich sind.

Ein Versuch, wie gesagt. Ob so der Generalstab der Zukunft aussieht? Schneiderhan ist sehr vorsichtig. Vom Laptop mit Satellitenverbindung, mit dem der Kommandeur in Kabul einmal den größten Sandkasten der Welt um Rat fragen kann, will lieber noch gar keiner träumen. Schon der Kosten wegen. Und eins, sagt er, sei eh klar: „Virtuelle Einsätze wird’s nicht geben. Einer muss schon hin.“

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