Zeitung Heute : Die Schlingpflanze

110 Senioren, ein Minister und ein Streit um die Ehre: Was die deutschen Diplomaten der ersten Stunde zusammenhält

Constanze von Bullion

Dies ist die Geschichte von zwei Männern, die keine Ruhe finden. Der erste kämpft um ein Bild. Der zweite gegen das Schweigen. Es sind Männer, die ihr Lebenswerk verteidigen. Und mit dem deutschen Außenminister streiten.

Wilhelm Haas beherrscht natürlich all die Tricks, die einem Mann von Welt das Leben erleichtern. Trifft er eine Dame, begrüßt er sie mit einem Handkuss. Geschickt schält er sie aus der Jacke, und wenn er sie in ein Gespräch verwickelt, springt er nicht nur mühelos ins Englische oder Japanische. Er weiß die Unterhaltung auch zu steuern, mit dem Charme eines Diplomaten alter Schule.

Wilhelm Haas ist 73 Jahre alt, ein schmaler Herr in einem feinen Anzug, der hinter einer „Herald Tribune“ im Foyer des Berliner Hilton gewartet hat. Er war mal Botschafter in Israel, jetzt hat er viel Papier auf den Sesseln verteilt, seine Memoiren und Faxe von Kollegen. „Ich war Mitglied der NSDAP, Kriegsfreiwilliger und KZ-Aufseher“, schreibt da ein langjähriger Botschafter. Bisweilen, sagt Haas, liegen die Dinge nicht so, wie man denkt.

In der Welt der Diplomaten gehen manche Uhren eben anders, und wer das verstehen will, sollte mit den Alten reden. 120 Pensionäre des Auswärtigen Amtes dinieren an diesem Frühlingstag im Hilton, werden die grauen Häupter über lauwarme Wachtelbrust senken, von früher sprechen und von ihrem Außenminister.

Joschka Fischer lässt verstorbenen Diplomaten, die in der NSDAP waren, in der Hausgazette „internAA“ keine Nachrufe mehr drucken. Das hat viel Staub aufgewirbelt in den letzten Wochen, und weil es Proteste gab im Haus, will Fischer nun eine Historikerkommission berufen und klären, was längst geklärt sein müsste: ob es im Auswärtigen Amt, dem feinsten aller Ministerien, ein Netzwerk alter Nazis gab, deren Korpsgeist bis in die Gegenwart reicht.

Die alten Herren hat die Debatte verärgert, jetzt wollen sie sich wehren, kramen in Akten und Erinnerungen, und wer Wilhelm Haas sieht, weit vorgebeugt an einem Tisch im Hilton, der spürt: Hier geht es ums Allerheiligste.

Haas war es, der eine Anzeige in die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gesetzt hat, in der 110 Diplomaten dem verstorbenen Botschafter Franz Krapf „ehrendes Andenken“ versicherten – weil der Minister es verweigerte. Krapf, Jahrgang 1911, war ein Ehrenmann, sagen alte Weggefährten. Ein Ehrenmann, der seine besten Jahre in Japan verbrachte: erst als Student, im Krieg dann als Legationssekretär der Botschaft, ab 1966 als Botschafter. Dass er NSDAP- und SS-Mitglied war, hat Krapf nach 1945 gleich angegeben. Nicht aber, dass er beim SD, Reinhard Heydrichs berüchtigtem Nachrichtendienst, als Spitzel registriert war.

Hat der nette „Franzl“ für den SD in Asien spioniert? Hat er Kollegen ausgehorcht und das vertuscht? Bisher weiß das keiner ganz genau, und während nun emsig geforscht wird, droht das Selbstverständnis einer ganzen Diplomatengeneration in Verruf zu geraten.

Wilhelm Haas hat eine Flasche Wasser geordert, aber er rührt das Glas kaum an. Ausgeschlossen, sagt er, dass Krapf nach dem Krieg seine Vita geglättet hat. „Selbst wenn da was war – der Mann war in Ordnung.“ Fragt man ihn, woher er so viel Gewissheit nimmt, dann erzählt er von Familienbanden und Loyalitäten, die das Auswärtige Amt zusammenhalten wie eine uralte Schlingpflanze.

Franz Krapf war schon als Student mit dem Vater von Wilhelm Haas befreundet, der Handelsattaché in Tokio war. Weil der alte Haas eine Frau hatte, die als Jüdin galt, wurde er 1937 zwangspensioniert. Nach dem Krieg galt er als integrer Mann, und als er Personalchef im Auswärtigen Amt wurde und Adenauers Diplomatenkorps zusammenstellte, bevorzugte er Leute, die ihn in der NS-Zeit gut behandelt hatten. Franz Krapf, sagt der Sohn, war einer von ihnen.

Wilhelm Haas zieht immer neue Papiere aus der Aktentasche, so als könnte er alle Zweifel darunter begraben. Er will jetzt kämpfen für seinen Freund und gegen den Minister – vor allem aber für ein kostbares Bild, das keinesfalls beschädigt werden darf. Es ist das seines verstorbenen Vaters, dem er ähnelt wie ein Spiegelbild. „Ich kann meinen Eltern nicht anhängen lassen, dass sie jahrzehntelang einem Nazischwein aufgesessen sind“, sagt Haas. Er bebt jetzt, ganz leise. Die Sache geht ihm nah.

Nun ist es aber nicht so, dass sein Vater, der als Personalchef eine Schlüsselfigur beim Neuaufbau des „AA“ war, unumstritten war. 1951 musste er sich vor einem Untersuchungsausschuss verantworten, weil er lauter alte NSDAP-Männer in den Dienst zurückbefördert hatte. Denn obwohl Haas senior im Krieg kaltgestellt war, verließ er sich doch bevorzugt auf „bewährte“ Kräfte.

Da war zum Beispiel Werner von Bargen, der in Belgien tatkräftig bei der Judendeportation geholfen hatte. 1951 ließ Haas ihn in die Rechtsabteilung setzen. „Ich weiß nicht warum“, sagt sein Sohn und hebt ratlos die Schultern. Der Vater habe den Mann nicht gekannt.

Es gibt da eben ein paar blinde Flecken, auch im Gedächtnis des Auswärtigen Amtes. Nie wurde untersucht, warum 1952 fast jede zweite Führungskraft aus Hitlers Außenministerium kam und jeder Dritte aus der NSDAP. Aber obwohl unbelastete Fachkräfte rar waren nach 1945, wie der Historiker Claus M. Müller schreibt – so viele „old boys“ gab es in keinem anderen Ministerium.

Warum ausgerechnet das Auswärtige Amt? Wieso wurde in diesem gebildeten, weltgewandten Milieu der Draht zur braunen Vergangenheit nicht gekappt?

Weil das diplomatische Korps eine „verschworene Gesellschaft“ war, ein elitärer, von Aristokraten dominierter, oft antisemitischer Club, der von Vetternwirtschaft und undemokratischem Geist geprägt war, schreibt der Historiker Hans-Jürgen Döscher. 1995 hat er ein Buch über das Auswärtige Amt der Adenauer-Zeit verfasst, das beschreibt, wie die deutsche Diplomatie ihre Verstrickung in die Judendeportationen systematisch verdrängte. Döschers Buch ist umstritten, es spinne Verschwörungstheorien und verdrehe die Fakten, auch im Fall Krapf, sagen Kritiker. Andere loben den Historiker, der an ein Tabu gerührt hat.

Eines zumindest dürfte feststehen: Im „AA“ waren sich viele zu fein für eine rückhaltlose Aufklärung. Hans Georg von Studnitz etwa, ein Publizist aus einer alten Botschafterfamilie, nannte die Entnazifizierung des Korps eine „Erniedrigung der Berufsdiplomatie“. Man hielt zusammen, tut es noch und pflegt, vorsichtig ausgedrückt, ein etwas unpolitisches Berufsbild: Der Diplomat als Vortänzer seines Dienstherrn dreht auf dem internationalen Parkett Pirouetten, präsentiert gefällig die Politik seiner Regierung, verantwortlich dafür fühlt er sich nicht.

Fragt man Wilhelm Haas, wieso Diplomaten eigentlich oft als nutzlose, eitle Gecken gelten, zwinkert er belustigt und erzählt von „diesem Glitterkram“ und dem, nun ja, etwas besseren Leben. Auch er ist ja mal geritten, spielt Golf und bewohnte ein Haus, das „Gala“ für eine Luxusstory fotografierte. Das aber halte den Laden nicht zusammen. Der legendäre Korpsgeist des Auswärtigen Amtes speist sich aus anderen Quellen, sagt Wilhelm Haas. Wer dauernd um die Welt geschickt wird, wer seinen Kindern immer neue Freunde zumutet und nirgends Wurzeln schlägt, braucht ein verlässliches Netzwerk im Mutterhaus. Oft ist das die Crew, mit der man ausgebildet wurde. Haas’ Crew, das sind Freunde, „da waren keine Nazis“. Er stutzt. Unterbricht sich. „Es kann natürlich sein.“ Wieder Pause. „Doch, es gab den einen oder anderen Parteigenossen.“

Stunden hat es gedauert, bis die Erinnerung zurückgekehrt ist zu Wilhelm Haas. „Jawohl, es gab Seilschaften“, sagt er irgendwann und erzählt von der schlagenden Verbindung seines Vaters, von konfessionellen Burschenschaften und anderen „Schienen“ im Haus. Auch Nazis nutzten die, Franz Nüßlein etwa, ein NS-Staatsanwalt. „Wir wussten über seine Vergangenheit Bescheid.“ Gesprochen hat keiner über die Dinge.

Und als der Ex-Botschafter Paul Verbeek neulich ein provokatives „Bekennerschreiben“ an Joschka Fischer schickte und erklärte, als Soldat ein KZ bewacht und den Gefangenen noch Brot gegeben zu haben? Hat sich da kein Kollege gewundert über den forschen Ton, so bar jeder Selbstkritik? „Überhaupt nicht“, sagt Haas, er lacht jetzt herzlich. „Der Mann wurde doch nur abkommandiert.“

Es gibt nicht viele unter den Alten, die Zweifel einsickern lassen in dieses Weltbild. In einem Wohnhaus weit im Berliner Westen, zwischen Antiquitäten und meterhohen Bücherregalen, lebt Manfred Steinkühler. Steinkühler war zuletzt Generalkonsul in Mailand, jetzt ist er 76 Jahre alt und ein stattlicher Herr, der seinen Zorn in geschliffene Sätze verpackt.

„Es gibt eine Gruppe im Auswärtigen Amt, die unbeschadet aller Belege am intakten Bild der deutschen Diplomatie festhalten will“, sagt er leise. „Aber es war nicht unbeschadet.“ Dann erzählt er von den ersten Berufsjahren und diesem Gefühl, fremd zu sein im eigenen Haus. Als er 1962 ins Presse- und Informationsamt der Bundesregierung kam, saßen da etliche aus Goebbels’ Propagandaministerium. „Also Leute vom Fach“, sagt er. „Ich fühlte mich da nicht wohl.“

Später dann, im Außenministerium, kämpfte Steinkühler mit der Geräuschlosigkeit, mit der man Geschichte entsorgte. Dieses Gefühl der Immunität, den Panzer von Selbstgewissheit, der seine Kollegen vor Anfechtung schützt, hat er sich einfach nicht zulegen können. Steinkühler passte nicht recht in die Zunft, in der Biegsamkeit zum Handwerkszeug gehört.

Anfangs haben sie ihn belächelt. Irgendwann hörten die Ersten auf zu grüßen. Dann war er isoliert. Dass Steinkühler Studien über den Eurokommunismus verfasste, machte es nicht einfacher. „Ich gehörte nicht zum Korps“, sagt er.

So ist das, wenn man gegen den Komment verstößt, den diplomatischen Benimmkodex. Steinkühler sagt das gelassen, aber hinter den wohlgesetzten Worten kann man eine unverheilte Verletzung ausmachen. Doch, sagt er, es gibt da persönliche Enttäuschung, auch über seine früheren Förderer. Herbert Blankenhorn etwa, NSDAP-Mann und Adenauers Staatsekretär, sei „voll informiert über den Holocaust“ gewesen. Natürlich habe er das ihm, Steinkühler, verschwiegen. Eine ganze Generation junger Diplomaten sei so sozialisiert worden, habe die Lebenslügen der Alten weitergetragen. „Ich halte die“, sagt er, „nicht für Demokraten.“

Es gibt Kollegen, die solche Sätze sehr übel nehmen. Steinkühler aber lässt nicht los. 1988, als er Generalkonsul in Mailand war, weigerte er sich, Deutschland am italienischen Soldatenfriedhof Costermano zu vertreten. Dort liegen 22000 deutsche Gefallene, und am Volkstrauertag werden sie geehrt.

Der Generalkonsul aber gedachte nicht zu gedenken, denn in Costermano sind der KZ-Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka begraben, sein Vertreter im KZ Belzec und der Vizekommandant des Konzentrationslagers Sobibor. Als Steinkühler dem Mutterhaus mitteilte, er werde da nicht strammstehen, schickte man ihm den Chefinspektor. Der sei, erzählt er, „streitig geschieden“.

1992 immerhin wurden die Namen der KZ-Kommandanten aus dem „Ehrenbuch“ des Friedhofs getilgt. Manfred Steinkühler aber hat hingeschmissen, ist vorzeitig aus dem Dienst geschieden. Er schreibt noch immer Briefe an Joschka Fischer und fordert ihn auf, keine Gräber von Verbrechern ehren zu lassen. Vergeblich. Tradition bleibt Tradition.

Es gibt einen Moment im Gespräch mit Manfred Steinkühler, da lacht er los, frech wie ein Schuljunge. Natürlich gibt es Kollegen im Haus, die die Pfade der Alten längst verlassen haben, sagt er. Neulich, als die Pensionäre beim Staatssekretär im Fall Krapf vorsprachen, hat man Steinkühler wieder weggeschickt. Ein junger Mitarbeiter aber ist leise an ihn herangetreten. „Herr Dr. Steinkühler“, hat er gesagt, „ich bin auf Ihrer Seite.“ Da wusste der alte Herr, dass seine Saat aufgeht. Nicht heute, aber irgendwann.

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