Zeitung Heute : DIE SCHMIEDE DER INDIVIDUALISTEN

WALDORFPÄDAGOGIK HEISST ZUM BEISPIEL: RITUALE PFLEGEN, LERNEN OHNE LEISTUNGSDRUCK. AN DER RUDOLF-STEINER-SCHULE DAHLEM GLIEDERT SICH DER UNTERRICHT NACH SCHWERPUNKTEN

Daniela Martens

Es wird so feierlich wie jeden Morgen zu Beginn der ersten Stunde in der siebten Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem. Nur ein paar Kerzen erhellen den Raum. Die Schüler erheben sich und beginnen gemeinsam mit Lehrerin Bettina Braunert im Chor zu sprechen, gleichzeitig, monoton, eindringlich: „Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet.“ Noch ist es allerdings ziemlich dunkel draußen. Und da geht es auch schon weiter – um das „Seelenlicht“ und die „Seelentiefen“: „Zu dir, oh Gottesgeist, will ich bittend mich wenden. Dass Kraft und Segen mir zum Lernen und zur Arbeit in meinem Innern wachse.“ Nach dem Morgenspruch holt Lehrerin Bettina Braunert ihre Blockflöte hervor und alle Stimmen eine heiteres Lied an. Dann wird zusammen rezitiert, diesmal ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer: „Als den ungetreuen Bruder und Verräter hast du mich erfunden! Du ergrimmtest und du warfest in die Kerkertiefe mich gebunden!“ Die Lehrerin spricht die Zeilen vor, die Schüler folgen ihr wie ein Echo. „Mehr Ausdruck“, ruft sie, „euer Kerker ist allenfalls im ersten Stock.“

Ein Schüler darf den Lichtschalter drücken, das allmorgendliche Ritual, das auf Außenstehende befremdlich wirkt, ist vorbei. Zeit für Algebra – Multiplikation und Division der negativen Zahlen. „Wie lautet die Quadratwurzel von Minus neun?“ Größer könnte der Gegensatz zum Morgenritual nicht sein. Algebra ist bei den Siebtklässlern der sogenannte Haupt- oder Epochenunterricht. Drei bis vier Wochen lang lernen sie jeden Morgen von acht bis 9.45 Uhr Dinge wie den „Beweis der Vorzeichenvermutung“. Danach wird Algebra erst einmal für längere Zeit wieder vom Stundenplan verschwinden. Zuvor war vier Wochen lang Geschichte an der Reihe: Magellans Weltumsegelung etwa oder die Erfindung von Schwarzpulver und Buchdruck.

Die Rudolf-Steiner-Schule Dahlem ist eine öffentliche allgemeinbildende Gesamtschule in freier, gemeinnütziger Trägerschaft und Mitglied im Bund der freien Waldorfschulen. Dadurch ist im Curriculum so einiges anders als an anderen Schulen: Das Lernen falle den Schülern leichter, wenn sie Schwerpunkte setzen könnten – so lautet einer der Grundsätze der Waldorfpädagogik. Und zwar mit einem zentralen Thema, das über längere Zeit intensiv jeden Tag verfolgt wird. In Klasse 7 und 8 werden auch Deutsch, Geografie, Geometrie, Musik, Naturwissenschaften, Malen und das Klassenspiel „epochenweise“ unterrichtet, meistens vom Klassenlehrer, der „im Idealfall von der ersten bis zur achten Klasse derselbe bleibt“, sagt Bettina Braunert. Von Klasse neun bis zwölf gehören dann Chemie, Physik, Biologie, Mathematik, Geometrie, Deutsch, Geografie, Geschichte und Kunst zum Hauptunterricht – bei Fachlehrern. Die halten auch in den unteren Klassen Stunden, allerdings hauptsächlich den „Fachunterricht“: Sprachen, handwerkliche und künstlerische Fächer und Sport. Einer der Fachlehrer ist Fabian Sterne, der jetzt in die Klasse zum Französischunterricht kommt. Einige Schüler haben sich auf den Weg in einen anderen Raum gemacht: Sie haben sich für Russisch als zweite Fremdsprache entschieden. War Bettina Braunerts Stunde schon unterhaltsam, so wird das Klassenzimmer bei Fabian Sterne nun endgültig zur Bühne. „Une chanson nouvelle“ kündigt er gleich zu Beginn der Stunde an und beginnt auf seiner Gitarre ein französisches Lied zu spielen. Dabei läuft er unruhig in der Klasse hin und her: „La jambe me fait mal“, singt er, hebt sein Bein in die Höhe, zeigt darauf und sagt noch einmal „la jambe“. Dann verzieht er das Gesicht, als habe er Schmerzen im Bein, – so wie es im Lied heißt. Er lässt die Schüler im Chor den Text der ersten Strophe aufsagen, klärt mit ihnen die Wörter, die sie nicht kennen, geht dann zu einem schnellen Vokabelabfragen über und danach zum Grammatikteil der Stunde. Zackzack, eins nach dem anderen – aber immer gut gelaunt und mit hohem Unterhaltungswert.

Mehr noch als in anderen Schulen bestimmen die Lehrer an den Waldorfschulen, die oft Quereinsteiger sind, was in den Klassen passiert. In Bettina Braunerts Klasse etwa spielen alle Schüler Gitarre – sie ist nämlich auch Musiklehrerin. Andere Klassen haben eher einen handwerklichen Schwerpunkt. Bis weit in die Oberstufe bleibt der Klassenverband bestehen – das Kursmodell, das an anderen Schulen wesentlich früher beginnt, startet hier erst mit dem zweiten Halbjahr der zwölften Klasse.

Noten gibt es wie an allen Waldorfschulen erst im Abschlusszeugnis. Und es gibt ein besonders großes Angebot an künstlerischen und handwerklichen Fächern: „Es geht darum, für jede Altersstufe einen Kunstbereich zu finden, der die Entwicklung in der jeweiligen Phase unterstützt“, sagt der Geschäftsführer der Schule, Friedrich Ohlendorf. In der Neunten und Zehnten wird zum Beispiel in der hauseigenen Schmiede unterrichtet: „Pubertierende Schüler können sich an der Herausforderung des Materials und am Amboss abarbeiten. So kommt man auch in dieser Phase an sie heran“, sagt Ohlendorf. Später, in der zwölften Klasse, setzen sie sich mit der Beschaffenheit des Menschen auseinander – indem sie Porträts zeichnen, Plastiken aus Ton schaffen. In der neunten und zehnten Klasse werden sie ans Tischlern herangeführt – das ist ein Pflichtfach. „Sie sollen ein Leben außerhalb des normalen Schulunterrichts kennenlernen“, sagt Ohlendorf.

Der 15-jährige Antonio arbeitet gerade in der professionell ausgestatteten Tischlerwerkstatt mit einer Stichsäge. Aus den Holzstücken soll ein Nachtschränkchen werden. Die Arbeit findet er „okay“, sagt er.

Viele der Schüler gehen seit der ersten Klasse auf die Rudolf-Steiner-Schule. Es gibt hier keine Zäsur zwischen der sechsten und siebten Klasse. „Wir nehmen aber auch immer wieder Quereinsteiger auf“, sagt Ohlendorf. Allerdings gibt es eine Warteliste, entscheidend für eine Aufnahme ist, ob ein Kind in eine Klasse passt. Zoe, 13, und Benedikt, 12, sind solche Quereinsteiger in Bettina Braunerts Klasse. Für beide war der Anfang an der neuen Schule seltsam: „Es ist viel leiser hier als an meiner alten Schule“, sagt Zoe. Das Fach Eurythmie fand sie „komisch“. „Bewegungskunst und Ausdrucksmittel“ nennt Ohlendorf es. Die Siebtklässler denken sich zum Beispiel eine Choreografie zu einem Gedicht aus – fast eine Ergänzung zum Deutschunterricht. Zoe hat sich inzwischen daran gewöhnt. Benedikt findet es gut, dass „der Leistungsdruck hier nicht so groß ist“. Das gemeinsame Gedichte-Rezitieren und den Morgenspruch fand er ursprünglich seltsam, inzwischen akzeptiert er beides.

„Rituale sind wichtig in der Pädagogik“, sagt Friedrich Ohlendorf. „Der Umgang mit einer geistlichen Welt ebenso. Aber das ist durchaus ein Punkt, mit dem man kritisch umgehen kann. Die Lehrer sollten mit den Schülern darüber diskutieren.“

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