Zeitung Heute : Die schöne Schuld

Für die einen Jahrhundertgenie, für die anderen Teufelin: Die mächtigste Frau des Dritten Reiches sagt bis heute, sie habe mit Hitler nur mal telefoniert. Leni Riefenstahl, Leibregisseurin der Nazis, wird 100 und arbeitet noch immer an ihrem ehrgeizigsten Projekt: ihre Biographie neu zu schreiben.

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Von Harald Martenstein

Hat Reinhold Messner etwa nicht Recht? Reinhold Messner, der berühmte Bergsteiger, sagt über Leni Riefenstahl: „Das ist eine mutige Frau. Es ist höchste Zeit, dass man dieses Lebenswerk anerkennt.“ Bei der Party zu Leni Riefenstahls 100.Geburtstag soll Messner eine kleine Rede halten, heute, in Pöcking am Starnberger See. Zu den Gästen werden voraussichtlich Siegfried und Roy gehören, die Zauberer, auch Leo Kirch hat sich angekündigt, Uschi Glas, Alice Schwarzer, sogar Boris Becker wird erwartet.

Ja – warum soll man sie nicht endlich, endlich feiern? Soll die uralte Leni Riefenstahl denn ewig büßen, wie einst Rudolf Heß, nur halt in Freiheit, dafür, dass sie mal die Leibregisseurin von Adolf Hitler war? Haben nicht andere, die damals dabei waren, hinterher schöne Karrieren gemacht, hat man denen etwa nicht verziehen?

Andererseits: So schlecht ist es Leni Riefenstahl auch wieder nicht gegangen. Immerhin hat sie es zum Pop-Idol gebracht, zur Muse von Mick Jagger und Andy Warhol. Walt Disney war von Anfang an ihr glühender Verehrer. 1994 ist sie, die angeblich Verfemte, sogar zum Filmfestival nach Jerusalem eingeladen worden. Aber sie wollte nicht hin. Die Menschen dort verstünden sie nicht.

Nach 1945 hat sie sich nicht ohne Erfolg hinter ihrer vermeintlichen Naivität versteckt, wie der Tintenfisch in seiner Tinte, sie hat Schuld und Mitwissertum abgestritten, jedes Detail, und zwar stets solange, bis ihr etwas schwarz auf weiß bewiesen werden konnte. Ein schlechtes Gewissen? Sie doch nicht. Ihre Einsicht in die Verbrechen der Nazis und ihre eigene Verstrickung als Leibregisseurin ist nie wesentlich über das Niveau des Satzes hinausgekommen: „Wirklich schlimm, was man damals den Juden angetan hat.“ Es geht auch anders. Erst vor ein paar Monaten kam ein Film von André Heller in die Kinos, in dem Adolf Hitlers inzwischen verstorbene Sekretärin Traudl Junge über ihre Zeit im „Führerbunker“ spricht. Traudl Junge war nur ein kleines Rädchen, und doch hatte sie über die Themen Schuld und Verstrickung und über das Wesen des Nationalsozialismus Klügeres, Glaubwürdigeres zu sagen als die große Regisseurin Riefenstahl.

Eine unvergessliche Berlinerin

Es ist also durchaus möglich, am Dritten Reich mitgearbeitet zu haben, und trotzdem hinterher seine menschliche Integrität zurückzugewinnen. Leni Riefenstahl ist kein solcher Fall. Sie hat sich nicht gebeugt, das stimmt, sie ist nicht zu Kreuze gekrochen und bleibt halsstarrig bis in den Tod. Man kann, wie Reinhold Messner es tut, ihre Haltung „mutig“ nennen. Aber man könnte auch das Gegenteil sagen. Vielleicht ist es ja das Gegenteil von Mut, das sie seit 50 Jahren davon abhält, über sich nachzudenken.

Warum feiern wir dann ihren Geburtstag so groß? Die „Time-Magazine“ hat versucht, in einer Umfrage die 100 wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu ermitteln, natürlich gehörte Leni Riefenstahl dazu. Viele Leute sträuben sich gegen diese Erkenntnis. Kunst – dabei denkt man womöglich an Wahrheit, an Schönheit, an Erneuerung, wie soll so etwas denn mit dem Nationalsozialismus zusammengehen? Das ist eben die große Frage, die Leni-Riefenstahl-Jahrhundertfrage. Von den drei unvergesslichen Berlinerinnen – Marlene Dietrich aus Schöneberg, Hildegard Knef, gebürtig in Ulm, und Leni Riefenstahl aus dem Wedding - ist sie diejenige, deren Werk die Welt am stärksten geprägt hat und deren Werk seine Schöpferin vermutlich am längsten überdauern wird. Wir finden heute ihren ästhetischen Einfluss fast überall, in der Parfümwerbung, in den Videoclips, in den Sportreportagen. Dieser Einfluss hat nichts mit einem weltweiten Comeback nationalsozialistischen Denkens zu tun. So umstritten Riefenstahls Biographie auch sein mag – ihre Methode, einen Turmspringer zu fotografieren, ist unumstritten und wird es bleiben.

Riefenstahl war in der Weimarer Republik Tänzerin, dann Schauspielerin in den Bergfilmen von Arnold Fanck. 1932 schrieb sie einen Fanbrief an Adolf Hitler, der umgekehrt ebenfalls ein Fan war, er hatte ihre erste Regiearbeit „Das blaue Licht“ gesehen. Für Hitler hat sie drei Propagandafilme gedreht, darunter „Triumph des Willens“, dazu die beiden Olympia-Filme. Nach dem Krieg kamen die Nuba-Fotos und das Tauchen. Tanz, Berge, Nazis, nackte Schwarze, Fische – das ist ihr Lebenskreis. An jeder einzelnen dieser Stationen hat sie sich in bedingungsloser Begeisterung hingegeben, voll und ganz – wenn Riefenstahl von sich sagt, dass sie „maßlos“ sei, spricht sie ausnahmsweise einmal die Wahrheit.

Was ist der rote Faden in dieser Laufbahn? Die Schönheit als Thema, das Pathetische als Grundhaltung. Wer das Pathos sucht, wer der Ironie überdrüssig ist, wer Ernst machen will, der kommt, so oder so, an Leni Riefenstahls Bildern bis heute nicht vorbei. Pathos, Ergriffenheit, Glaube, erhabene Gefühle, die Kraft und die Herrlichkeit – die Sehnsucht danach ist legitim, weil es sie gibt. In der Werbung und der Musikbranche verwendet man in diesem Gefühls-Segment heute am liebsten die Riefenstahl-Ästhetik, allerdings häufig ironisch. Wer es mit dem Pathos wirklich ernst meint, zum Beispiel der Regisseur Lars von Trier, dem können heutzutage die Bilder gar nicht verwackelt und unscharf genug sein. Das hängt mit Leni Riefenstahls Monumentalität zusammen. Sie hat die Standards gesetzt und gleichzeitig in der Pathos-Branche verbrannte Erde hinterlassen.

Denn unter Schönheit versteht Riefenstahl nur das Starke, Gesunde. Nichts Schwaches, Unvollkommenes hat in ihrem Kosmos Platz – das ist oft gesagt worden. Es kommt aber noch etwas anderes dazu: Riefenstahl interessiert sich als Regisseurin nicht sonderlich für den einzelnen Menschen, für Individuen. Wenn es in ihren Filmen interessante Charaktere gibt, wie zum Beispiel in „Tiefland“ oder im „Blauen Licht“, dann spielt sie diese Rollen selber: es sind unschuldige, verfolgte Schönheiten, passive Dulderinnen. So inszeniert sie sich, in der Kunst genau wie im Leben.

Goebbels und Hitler wollten eine deutsche Antwort auf Eisenstein, das sowjetische Filmgenie. Riefenstahl war diese Antwort. Für ihren Aufstieg als Frau, zur zeitweise mächtigsten Frau des frauenverachtenden Dritten Reiches, bezahlte sie mit Unterwerfungsgesten, mit Jungmädchengegiggel und harmlos koketten Posen. Sie gab das Mädel. Sie setzte sich eine Daisy-Duck-Maske auf, und hat sie bis heute aufbehalten.

Wärme, Nähe, Empathie, all das gibt es bei ihr nicht, nur heiße Leidenschaft und kalte Größe. Ihre berühmten Filme sind Aneinanderreihungen, Aufmärsche, das Pathos entsteht durch Monotonie – ein Sportler nach dem anderen im Olympiafilm, ein Marschzug nach dem anderen im „Triumph des Willens“. Und sogar in ihrem jüngsten, neuen Werk, dem Taucherfilm „Impressionen unter Wasser“, folgt ein Fischschwarm auf den anderen, Tier oder Pflanze oder Geist, wer weiß, es bleibt anonym, nicht identifizierbar. Keine Geschichte, die da erzählt oder wenigstens angedeutet wird wie in „Nomaden der Lüfte“, dem Vogelfilm von Jacques Perrin, nein, eine Überwältigung durch Masse, durch Schönheit vom Fließband – immer noch die gleiche Methode wie in „Triumph des Willens“. So bringt sie die Widersprüche des Kapitalismus auf den Punkt, der einerseits den Individualismus hervorgebracht hat und andererseits die Massenproduktion, den Starkult und die Stechuhr.

Abendessen mit Hitler

Wie unglaublich gut sie trotz allem ist! Manche behaupten, dass „Triumph des Willens“, das schwärzeste Meisterwerk der Filmgeschichte, ihr bei weitem bester Film, dieses Hochamt für Hitler, langweilig sei – falsch, man muss nur das Gehirn ausschalten, man muss einfach alles vergessen, was man über das Dritte Reich weiß, dann haut es einen um, dann bläst es einen weg, noch heute. Dann ist man, noch heute, zwei Stunden lang ein Nazi. Und das ist eine unbezahlbare Erfahrung. Von Bazon Brock stammt der Satz, dass man wissen muss, dass man ein Nazi sein könnte. Nur dann könne man sicher sein, dass man keiner wird.

Aber erst 1945 beginnt ihr größtes Projekt, ihr ehrgeizigstes Werk. Es ist die Umschreibung ihrer Biographie, die Rückeroberung ihrer Unschuld. 50 Jahre Icharbeit. Ihr größtes Werk: sie selber. Dass sie seit 1954, als „Tiefland“ in die Kinos kam, keinen Film mehr gemacht hat, sie, das Jahrhundertgenie, hängt nicht etwa mit Verboten oder Tabus zusammen, sondern mit ihrem Perfektionismus. Kein Film war ihr aufwändig genug. Nichts war ihrer würdig. Insofern bedeutet der Taucher-Film ein erstes Zeichen der Resignation.

Mit ihrem größten Projekt aber ist sie beinahe fertig, sie hat es fast geschafft. Sie kann, im Interview mit Hilmar Hoffmann, heutzutage sogar schon unwidersprochen behaupten, dass sie „nur einmal mit Hitler telefoniert“ habe. Oder sie kann Sandra Maischberger erzählen, dass sie sich als Regisseurin „über die Wirkung der Bilder keine Gedanken gemacht“ habe – sie, die perfekteste Bilderkomponistin des Jahrhunderts. Tatsächlich hatte sie eine Zeit lang jederzeit Zutritt zu Hitlers Privatwohnung, wie Jürgen Trimborn für seine gerade erschienene Riefenstahl-Biographie überzeugend recherchiert hat. Man aß in dieser Phase der Beziehung, Mitte der 30er Jahre, mehrmals in der Woche gemeinsam zu Abend, sie ging meist gegen elf. Trimborn widerlegt mithilfe von Interviews und Tagebuchnotizen sogar Riefenstahls Lieblingslegende – dass Hitler sie zu seiner Geliebten machen wollte und sie ihn zurückgewiesen hat. Tatsächlich war es wohl umgekehrt. Sie baggerte ihn an, nach allen Regeln der Kunst, das war in Hitlers Umgebung ein beliebtes Klatsch-Thema, aber er traute sich nicht so richtig. Sie war ihm vermutlich zu selbstbewusst.

1939, zu Beginn des Krieges, reist Riefenstahl nach Polen und trifft sich dort mit dem Chef. Sie soll einen Kriegsfilm für ihn machen, eine Art „Triumph der Panzer“. In der Kleinstadt Kónski erlebt sie am 12. September zufällig eines der ersten großen Kriegsverbrechen mit, ein Massaker an jüdischen Zivilisten. Als Augenzeugin. Davon gibt es Fotos und Aufzeichnungen. Sie ist entsetzt. Sie protestiert. Sie schafft es tatsächlich, dass der verantwortliche deutsche Offizier entgegen allen Gepflogenheiten vor ein Kriegsgericht gestellt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wird – so mächtig ist sie. Von nun an weiß sie über den Krieg im Osten Bescheid. Sie zieht sich, langsam und vorsichtig, von Hitler zurück, ohne freilich jemals mit ihm zu brechen. Sie gibt den geplanten Kriegsfilm auf und flüchtet sich zu „Tiefland“, den man durchaus als eine Abrechnung mit Hitler verstehen kann – eine naive Tänzerin wird von einem blutrünstigen Diktator zu seinem Werkzeug gemacht. Für diesen Film, ihren politisch differenziertesten, holt sie sich Komparsen aus dem „Zigeunerlager“.

Genie auf Arbeitssuche

Sie hat ihren Freund Hitler durchschaut, als Albert Speer noch an ihn glaubt, Speer, die andere Künstlernatur im Gefolge des Führers, das andere große Talent, der andere Freund. Aber sie hat irgendwann beschlossen, sich dumm zu stellen. Nein, von Leni Riefenstahl bekommt man keine Antworten mehr, egal, wie alt sie noch wird. Ein Film über ihr Leben, so hat sie der Zeitschrift „Vogue“ einmal gesagt, müsste diesen Titel tragen: „Geliebt, verfolgt und unvergessen.“ Kein Wunder, dass sie nicht mit Jodie Foster zusammenarbeitet, die jetzt tatsächlich dieses Leben verfilmen will – eine Geschichte, wie Leni Riefenstahl sie sich wünscht, wird Jodie Foster bestimmt nicht erzählen.

Im Interview, das Sandra Maischberger zum 100. mit ihr geführt hat, sagt Riefenstahl über ihre Arbeit den wahren Satz: „Für Stalin oder Churchill wäre es das Gleiche gewesen.“ Sie hat im entscheidenden Rennen aufs falsche Pferd gesetzt, auf Hitler. In Hollywood wäre sie zweifellos zur größten Regisseurin aller Zeiten aufgestiegen. Sie ist vermutlich keine Nationalsozialistin gewesen, das sagten jedenfalls alle, die sie damals kannten, nur ein Genie auf Arbeitssuche. Auch das muss man sehen: Riefenstahl hilft etlichen Verfolgten, Juden, „Halbjuden“, ein Wort von ihr genügt. Sie klagt im privaten Gespräch mit Bernhard Grzymek über das Euthanasieprogramm, sie kauft trotz Verbots in jüdischen Geschäften. All das, was sie ein wenig entlastet, muss sie aber nach dem Krieg verschweigen – weil sie sonst zugeben müsste, was sie alles gewusst hat und wie mächtig sie war.

Nein, eine wie sie plädiert nicht auf mildernde Umstände, die sie leicht hätte bekommen können. Sie akzeptiert nur Freispruch. Sie war keine Teufelin – aber sie möchte unbedingt als Unschuldsengel in Erinnerung bleiben. Darauf besteht sie. Wer aber unschuldig sterben möchte, der stirbt besser jung.

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